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    London

    Für britische Familien gibt's Zuckerbrot und Peitsche

    Ein typisches Straßenbild in London: leere Spielplätze, die sich am frühen Abend mit Kindern in Schuluniform füllen. Viele von ihnen sehen Mama und Papa erst zum Abendessen, nachdem sie den größten Teil des Tages von Fremden betreut wurden.

    Diese Britin liegt im statistischen Trend - denn in Großbritannien bekommt eine Frau im Schnitt 1,9 Kinder. 
Foto: Alexei Makartsev
    Diese Britin liegt im statistischen Trend - denn in Großbritannien bekommt eine Frau im Schnitt 1,9 Kinder.
    Foto: Alexei Makartsev

    Ende 2010 arbeiteten im Königreich 2,2 Millionen Mütter in Vollzeit, ganze 30 Prozent mehr als 1997, als Tony Blair an die Macht gekommen war. Die Briten ernten heute die Früchte der familienfreundlichen "New Labour"-Ära, in der das Land umgerechnet 22 Milliarden Euro in die Kinderbetreuung und Frauenförderung investiert hat, um unter anderem den Müttern den Rücken für die Karriere frei zu halten.

    Wirtschaftsexperten hatten ausgerechnet, dass Großbritannien jährlich zusätzlich Waren und Dienstleistungen im Wert von bis zu 30 Milliarden Euro erzeugen würde, wenn mehr Frauen die Küchenschürzen gegen Businessanzüge und Overalls eintauschten, sobald ihre Babys krabbeln können. Darum verlängerte der vierfache Familienvater Blair die bezahlte Elternzeit von 6,5 Monaten auf knapp 10 Monate und baute die Nachmittagsbetreuung an 8000 Schulen aus. Der ergraute Ex-Premier verdient längst Millionen als Starredner in aller Welt, doch viele Briten müssen weiter ihr Leben nach seiner Zuckerbrot-und-Peitschen-Erziehungspolitik richten, die auch der jetzige Regierungschef David Cameron vorantreibt.

    Zuckerbrot, weil der Staat weiter die Familien fördert: durch Steuerermäßigungen, durch 15 Stunden kostenlose Betreuung pro Woche für Drei- bis Vierjährige und durch die Übernahme von maximal 70 Prozent der Kindergartenkosten. Peitsche, weil ein Teil der Geldgeschenke nur dann fließt, wenn die Mütter oder Väter mindestens 16 Stunden in der Woche arbeiten. In harten Zeiten greift die konservativ-liberale Koalition besonders gern zum zweiten Instrument der Familienpolitik. Um die finanzielle Bürde der "sozialen Schmarotzer" im verschuldeten Königreich zu mindern, will Cameron einerseits ab 2013 das Kindergeld kürzen und andererseits die nicht beschäftigten Eltern zwingen, nach Jobs zu suchen.

    Das bisherige System: Bislang erhalten die Ehepartner einen Antrag auf eine Steuergutschrift als Familie, wenn ihr jeweiliges jährliches Einkommen nicht die folgenden Grenzen überschreitet: umgerechnet 33 000 Euro mit einem Kind (bis 16 Jahre oder auch älter, wenn es eine Ausbildung macht), 40 000 Euro mit zwei Kindern und 22 000 Euro ohne Kinder. Niedrigverdiener mit Kindern bekommen eine zusätzliche Steuerermäßigung, aber nur wenn beide Partner mindestens 24 Stunden die Woche arbeiten oder wenn der Alleinerziehende an mindestens 16 Stunden beschäftigt ist.

    Schließlich erhalten alle britischen Eltern vom Staat Kindergeld, das nicht besteuert wird. Es beträgt etwa 100 Euro im Monat für das älteste Kind und je 65 Euro für alle anderen Kinder.

    In den meisten Familien müssen Vater und Mutter arbeiten gehen. Denn die steigenden Lebenskosten bedeuten, dass Kinder zum Luxus werden. Ihre ersten 21 Lebensjahre kosten derzeit die Eltern umgerechnet je 275 000 Euro - etwa die Hälfte dieser Summe sind die Ausgaben für Betreuung und Bildung. 2003 "kostete" ein Kind noch 160 000 Euro. Ein anderer Faktor sind die gestiegenen Hypothekenzahlungen. 80 Prozent der 17,1 Millionen britischer Familien leben in Eigenheimen, die viele Jahre lang abbezahlt werden müssen. Die Banken gewähren jedoch ungern Hypothekenkredite für Einzelverdiener-Haushalte. Also sind viele Mütter und Väter gezwungen, den Nachwuchs den Betreuern zu überlassen und von morgens bis abends zu arbeiten.

    Das ist noch keine Garantie für einen bescheidenen Wohlstand in der Wirtschaftsmisere. Laut einer Studie leben derzeit 3,6 Millionen britische Familien am Rand der Existenz. Das heißt, dass die Eltern keinerlei Rücklagen besitzen und oft am Monatsende Geld pumpen müssen, um Lebensmittel zu kaufen - und das, obwohl Mutter und Vater arbeiten. 2,3 Millionen kleiner Briten leben heute in relativer Armut (in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens). Camerons Regierung hat kürzlich das langfristige offizielle Ziel aufgegeben, die Kinderarmut bis 2020 zu halbieren, weil ihr dafür die nötigen 19 Milliarden Pfund extra fehlen.

    Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

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