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Contra: Brustkrebs-Screening ist nicht sinnvoll

Krebsfrüherkennung richtet sich an gesunde Menschen. Ärzte dürfen gesunde Menschen nicht krank machen. Mammografie-Screening schadet mehr Frauen als es nützt. Die Frage ist: Wie viele durch Screening krank gemachte Frauen wollen wir in Kauf nehmen, um einer Frau den vorzeitigen Tod durch Brustkrebs zu ersparen?

„Das Mammografie-Screening rettet keine Menschenleben, und es gibt nicht weniger Krebstote. Auf eine Frau, die weniger an Brustkrebs stirbt, kommen nach Schätzungen fünf bis zehn Frauen, die eine Überdiagnose bekommen. “ Prof. Ingrid Mühlhauser
„Das Mammografie-Screening rettet keine Menschenleben, und es gibt nicht weniger Krebstote. Auf eine Frau, die weniger an Brustkrebs stirbt, kommen nach Schätzungen fünf bis zehn Frauen, die eine Überdiagnose bekommen. “ Prof. Ingrid Mühlhauser

Von Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser

Nach aktuellen Schätzungen würden mit einem Screening über einen Zeitraum von zehn Jahren 4 von 1000 Frauen an Brustkrebs sterben, ohne Screening wären es 5 von 1000. Also stirbt eine Frau in dieser Zeit weniger an Brustkrebs. 996 Frauen haben keinen Nutzen, entweder weil sie ohnehin nicht an Brustkrebs sterben würden, oder weil sie trotz Screening an Brustkrebs sterben. Das Mammografie-Screening rettet keine Menschenleben, und es gibt nicht weniger Krebstote. Wenn 100 Frauen in Deutschland sterben, dann sterben 3 an Brustkrebs und 20 an irgendeiner anderen Krebserkrankung.

Mammografie-Screening kann gesunde Frauen krank machen. Auf eine Frau, die weniger an Brustkrebs stirbt, kommen nach Schätzungen fünf bis zehn Frauen, die eine Überdiagnose bekommen. Das ist ein Brustkrebs, den man ohne Screening zeitlebens nicht bekommen hätte. Die Mammografie findet Tumore, die aussehen wie Krebs, aber sich niemals bemerkbar gemacht hätten. Entweder, weil sie in ihrem Wachstum nicht bösartig sind, oder weil sie so langsam wachsen, dass die Frau schließlich an etwas anderem stirbt.

Da die Ärzte nicht feststellen können, bei welcher Frau ein Krebs vorliegt, der durch frühe Behandlung eine bessere Prognose hat, werden alle Frauen behandelt. Frauen mit Überdiagnosen erscheinen zu Unrecht als geheilt, da ein Befund behandelt wurde, der ohnehin niemals zum Problem geworden wäre. Durch Screening gibt es also mehr Brustkrebs und nicht weniger. Es gibt mehr Behandlungen und nicht weniger. Operationen zur Behandlung von Brustkrebs haben seit der Einführung desScreenings in Deutschland deutlich zugenommen.

Früher ist nicht immer besser.

Früher ist nicht immer besser. Es gibt auch einen Nutzen der späten Diagnose. Mit dem Mammografie-Screening werden vor allem die harmloseren Krebse diagnostiziert, die langsam wachsen und auch bei späterer Diagnose das Leben nicht verkürzen würden. Früherkennung führt dann zu einem längeren Wissen um die Diagnose Brustkrebs. Man lebt deshalb aber nicht länger. Die einzelne Frau weiß letztlich nicht, ob sie nun die eine von den 1000 ist, die den Nutzen hat, oder zu jenen Frauen zählt, die eine Überdiagnose oder unnötig frühe Krebsdiagnose bekommen hat.

Schaden gibt es auch durch Fehlalarme. Nach aktuellen Schätzungen erhalten 100 von 1000 Frauen über zehn Jahre hinweg mindestens einmal einen Verdachtsbefund, der weiter abgeklärt werden muss, bis Entwarnung gegeben werden kann. Einem Teil der Frauen muss dazu Gewebe aus der Brust entnommen werden. Das beunruhigende Gefühl, dass doch etwas nicht in Ordnung sein könnte mit der Brust, begleitet viele Frauen auch über weitere Jahre. Auch wenn die Mammografie eine vergleichsweise gute Untersuchungsmethode ist, kann sie gerade die besonders bösartigen Krebsformen nicht immer erkennen. Die alleinige Zunahme an Brustkrebsdiagnosen im Frühstadium ist kein Erfolg. Wenn Mammografie-Screening tatsächlich einen Nutzen hätte, müsste es langfristig eine deutliche Abnahme von Spätstadien bei Diagnose von Brustkrebs geben. Das ist bisher weder in den USA noch in England oder utschland nachweisbar. Auch der propagandistische Verweis auf eine Verbesserung der Fünfjahresüberlebensraten bei Brustkrebs ist höchst irreführend, solange die fortgeschrittenen Krebsstadien nicht deutlich abnehmen. Je mehr Überdiagnosen, umso besser erscheinen fälschlicherweise die Überlebenszeiten.

Auch wenn wir bereit sind, einen hohen Preis für einen verzögerten Tod zu bezahlen, wollen wir doch das Bestmögliche mit Krankenversicherungsbeiträgen erreichen. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung kostet das Mammografie-Screening-Programm jährlich mehr als 200 Millionen Euro. Vermutlich sind die zusätzlichen Kosten für die Überbehandlungen noch gar nicht mit eingerechnet.

Kritik am Mammografie-Screening bedeutet keinesfalls Kritik an Qualitätssicherung. Mammografie-Screening muss unter allen Umständen qualitätsgesichert durchgeführt werden. Das sogenannte graue Screening bei Frauenärzten und Radiologen bringt noch größeren Schaden. Auch das Abtasten der Brust und Screening mit Ultraschall in der Arztpraxis können die Brustkrebssterblichkeit nicht verringern. Es gibt damit jedoch viele falsche Verdachtsbefunde.

Gegen das Screening, so wie es derzeit in Deutschland durchgeführt wird, spricht auch die fehlende Aufklärung der Frauen. Es ist ein ethisch legitimiertes Recht und der Anspruch der Frauen, Nutzen und Schaden des Screenings abschätzen zu können und eine informierte Entscheidung für oder gegen die Teilnahme am Screening zu treffen. Mehrere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Frauen, die in Deutschland am Screening teilnehmen, sowohl das persönliche Risiko für Brustkrebs als auch den möglichen Nutzen des Screenings erheblich überschätzen, hingegen den Schaden des Screenings oft gar nicht kennen oder unterschätzen.

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