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Kommentar: Die Gedanken sind frei – aber wie lange noch?

Facebook möchte, dass seine Nutzer ihre Nachrichten per Gedanken diktieren können. Nicht nur in konkreten Worten, sondern einfach, indem man an Begriffe denkt, so wie Kaffeetasse, Blumentopf, Bombe. Oh nein, bitte nicht Bombe! Eigentlich harmlos: vorgestern ist eine Weltkriegsbombe in Koblenz entschärft worden. Bombe ist aber ein gefährliches Wort, eines, das den Überwachungscomputern der Geheimdienste sofort auffällt und Alarm auslöst. Macht ja nichts, denken Sie: Die Gedanken sind frei!

Jochen Magnus zu Facebooks Gedankenleserei

Heute noch. Aber spätestens, wenn Facebooks Vision Wirklichkeit wird, nicht mehr. Das verdeutlicht ein kleiner Ausflug in die real existierende Technik: Wenn Sie heute sagen „Hey Siri“ oder „OK Google“ und Ihr Smartphone darauf reagieren darf, werden alle folgenden Äußerungen sofort an Apple oder Googles Rechenzentrum übertragen. „Erinnere mich an ,Brötchen kaufen', wenn ich das Haus verlasse“ klingt nach einer einfachen Aufgabe für einen Computer. Aber die Übersetzung des Satzes in eine Programmierung des Weckers und der Ortserkennung ist für ein heutiges Smartphone viel zu kompliziert. So wird der gesprochene Satz erst von Großrechnern irgendwo in der Welt in Computerbefehle umgewandelt und diese an Ihr Smartphone zurückübertragen. Wenn man nun mit seinem Smartphone oder der schlauen Armbanduhr nicht mehr sprechen muss, sondern die Geräte bloß „andenkt“, wie Facebook es sich vorstellt, dann passiert das Gleiche: Die Gedankenmuster – noch komplexer als Sprache – werden sicherlich nicht im Gerät selbst ausgewertet werden können, sondern erst mal in die USA verfrachtet werden. So kann die entschärfte Weltkriegsbombe durchaus noch für Aufregung sorgen.

Jochen Magnus kommentiert.
Jochen Magnus kommentiert.

Es ist nicht nur die angeblich bequemere Bedienung von Computern und anderen Maschinen, die hinter dieser Gedankenleserei steckt. Einige Visionäre träumen von einer Verschmelzung von Mensch und Maschine, vom Cyborg, dem kybernetischen Organismus. Diese Bewegung nennt sich „Transhumanismus“ und möchte das bloße organische Dasein überwinden; sie glaubt an den ultimativen Sprung auf die nächste Stufe der Evolution. Ohne die Verschmelzung triumphierten die Maschinen, befürchten etwa Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk. Garniert mit Gentechnik könnten kommende Generationen in einer seltsamen Zukunft leben, die wir uns noch weniger vorstellen können, als unsere Ahnen sich das Hier und Heute.

Nun schreitet aber auch der technische Fortschritt längst nicht so schnell voran, wie seine Visionäre es sich wünschen: die mühevollen Verbesserungen bei Sprachsteuerung zeigen das beispielhaft. Daher haben wir noch genug Zeit, uns zu überlegen, ob und wie weit wir Mensch bleiben wollen oder uns Maschinen anpassen. Und möchten wir wirklich Gedanken „teilen“? Wo doch heute schon viel zu viele davon ungefiltert vom Kopf in die Finger, in die Tastatur, ins Internet fließen und damit an der „Klowand unserer Zeit“ – wie unser gestriger Kommentar titelte – landen.

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