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    Naunheim

    Pulverpüree und Tütenterrine? Nix da! – Mit Schulkindern unterwegs bei der Hofarbeit

    Ratsch, ratsch, schnell gleitet der Schäler über die Kartoffel. Max, neun Jahre alt, hat ein Händchen fürs Kartoffelschälen. Einen großen Eimer voll haben er und seine fünf Schulkameraden in der Küche vor sich, denn am Mittag will die ganze Klasse Döbbekoche essen. Die Schalen fallen, die Knollen plumpsen in die Schüssel.

    Max und Christian schälen für den selbst gemachten Döbbekoche und lernen so unsere Lebensmittel besser kennen. 
    Max und Christian schälen für den selbst gemachten Döbbekoche und lernen so unsere Lebensmittel besser kennen. 
    Foto: Stefanie Helsper

     

    Die Jungs sind bei Mitarbeiterin Christine Müller auf dem Arche-Hof von Familie Krechel in der Vordereifel – dort ist die 4c der Bad Breisiger Grundschule drei Tage lang auf Klassenfahrt. Da können sie erleben, dass Essen nicht in Supermarktregalen wächst; und selbst wer das schon wusste, erfährt, wo genau unsere Nahrungsmittel herkommen. Die Kartoffeln zum Beispiel, die die Jungengruppe verarbeitet, die waren tags zuvor noch auf Bauer Max' Acker. Auf einem Kartoffelfeld waren die Jungs vom Schältrupp allerdings noch nie.

     

    Bauer Max klärt schon einmal eine andere Gruppe auf. Max Krechel, kompakte Statur, ist mit Gummistiefeln und Strohhut unterwegs und nie um einen frechen Spruch für die Rabauken verlegen. Auf dem noch regennassen Acker sind mit ihm ein paar Jungen mit dem Karst zugange. Weithin sind in der diesigen Luft die Felder des Maifeldes zu sehen. Nur ein wenig müssen die Kinder harken, schon kommen die gelben Knollen zutage. Hofhund Sally wühlt mit.

     

    Die Kinder lernen, dass Kartoffeln unter der Erde wachsen, und zwar aus einer Saatkartoffel, die in Dämme gesetzt wird. „Die Knolle sprießt und verzweigt sich“, erklärt der Bauer. Aus den Keimen, die sich bilden, entstehen später neue Kartoffeln. Etwa im September verwelken die grünen Kartoffelpflanzen, die über der Erde gewachsen sind – die Ernte kann beginnen. Doch bei Bauer Max gibt es nicht nur Knollen. „Sind das Riesenkarotten?“, ruft der kleine Nolan, als er das Feld nebenan entdeckt. Nein, die orangefarbenen Riesenmöhren mit den großen Blättern sind Futterrüben. „Boah, guck mal, wie fett“, ruft Ermal, als der Bauer eine aus dem Boden zieht. Sie ist mitsamt den Blättern ungefähr so groß wie mancher Junge selbst. Die Blätter können sie gleich den Glanrindern geben.

     

    Sowieso: Bei Bauer Max kommt nichts weg. Ein paar braune Flecken auf den Äpfeln? Die sehen hier auf den Bäumen eben nicht aus wie die aus dem Supermarkt. „Das ist einfach Natur“, meint Max Krechel, zückt ein Messer und schneidet einen Apfel für die Runde klein. Aus den leckeren Äpfeln lässt sich prima ein Kompott zum Döbbekoche machen. Allerdings versteht nicht jedes Kind, warum man sich die Arbeit machen soll, wenn es doch schon fertiges Kompott im Glas gibt. Das erzählt Beate Krechel, Ehefrau von Bauer Max. Sie meint: Wer sich gesund ernähren will, muss auch wissen, wo herkommt, was man auf den Teller legt.

     

    Seit 2002 betreibt das Ehepaar den Schaubauernhof und will Kindern die Wertschätzung für gesunde Lebensmittel näherbringen. „Wir merken immer stärker, dass Kinder nicht mehr wissen, wie die Lebensmittel ins Regal kommen“, sagt die gelernte Erzieherin Beate Krechel.

     

    Bolognesesoße kommt eben nicht aus dem Tütchen und Püree auch nicht. Auch Sternekoch Johann Lafer setzt sich für die Wertschätzung der Natur – und der saisonalen Lebensmittel – ein. Seine eigenen Erfahrungen als Kind haben ihn diese gelehrt. „Wir hatten damals keinen Supermarkt und auch wenig Geld. Deshalb waren wir bestrebt, den ganzen Kreislauf der Natur so in Anspruch zu nehmen, dass wir immer was Leckeres zu essen hatten. Meine Mutter hat uns Kinder auch gebraucht, wir haben mitgeholfen“, erzählt er – und kommt ins Schwärmen. „Das ging vom Kartoffelklauben bis zum Sauerkrauttreten mit den blanken Füßen im Bottich. Wir haben Äpfel eingesammelt von den Streuobstwiesen, um Saft oder Kompott zu machen. Ich habe so mitbekommen, dass man eine Kartoffel erst mal anbauen muss, bevor man sie aus dem Boden holt, oder dass die Natur manchmal einen Strich durch die Rechnung macht. Es war eine Riesenfreude, wenn die Kirschen rot waren und man endlich ein paar klauen konnte.“

     

    Bei Krechels kommt eigenes Fleisch auf den Tisch, eigene Eier, Milch und Ziegenkäse. Im Garten wachsen Erdbeeren, Himbeeren, Kohlrabi, Tomaten, Zwiebeln, Brombeeren, Möhren und Salat. Je nach Jahreszeit helfen die Kinder ihnen beim Säen, Pflegen oder Ernten. Sie kochen Marmelade ein oder mahlen Getreide zum Backen. Der Kohlrabi ist nun schon geerntet, aber sogar jetzt zeigt sich am Boden noch die ein oder andere leuchtend-rote Erdbeere. Himbeeren hängen noch am Strauch.

     

    Familie Krechel freut sich, wenn Kinder merken, dass die frischen Sachen viel besser schmecken. Aber auch die wortwörtliche Drecksarbeit will getan werden. Nach dem Kartoffelschälen geht es für die sechs Jungen in den Ziegenstall, während sich ein paar Mädchen um den Nachtisch kümmern. „Männer, jetzt schaffen wir was“, ruft Bauer Max. Regel Nummer 1: Hände aus den Hosentaschen, denn es könnte Arbeit geben. Die wilden Kerle schaffen nach einigen „Ih-s“ und „Bäh-s“ den Mist weg und Platz für Heu. Und wo kommt das Heu her? Vom Heu-Strauch, wie die Gruppe vermutet, schon mal nicht. Julien (9) ist nah dran mit seiner Vermutung, Heu sei „getrocknete Wiese“. Getrocknetes Gras ist Heu.

     

    Eine Schubkarre voll Heu zu fahren ist für die Jungs jedenfalls gar nicht so einfach. Wie das große Ding durch das schmale Tor bekommen? Die Probleme führt Bauer Max auf die heutzutage nicht artgerechte Kinderhaltung zurück. Fernseher und Computer gibt es auf dem Arche-Hof nicht. Das wird vom ein oder anderen dann doch vermisst, trotz Strohburg, viel frischer Luft und all den Tieren. Auch beim Mittagessen ist nicht jeder mit selbst gemachtem Döbbekoche und Kompott statt Pommes zufrieden. Aber die meisten Teller sind leer.

    Von unserer Reporterin Stefanie Helsper

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