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    Tel Aviv

    Interview: Israelis wollen Deutschen die Hand reichen

    Deutschlands Botschafter in Israel, Andreas Michaelis, betont ein halbes Jahrhundert nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen die einzigartige Freundschaft zwischen beiden Ländern. Mit Blick auf die sich stellenden Schwierigkeiten bleibt er optimistisch. Deutschland spiele als politischer Akteur eine immer wichtigere Rolle in der Nahost-Region, sagte er im Interview.

    Der Weg zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland vor 50 Jahren war angesichts der düsteren Vergangenheit ein äußerst schwerer. Heute ist Deutschland Israels wichtigster Verbündeter in Europa. Wie sehen Sie die gemeinsame Zukunft?

    Wir haben eine Freundschaft erreicht in diesen Beziehungen, die keiner für möglich gehalten hat. Und ich sehe, dass diese Freundschaft auch in die Zukunft getragen wird. Die Grundlage dafür ist, dass dieses Verhältnis - und das wissen beide Seiten - ein besonderes bleiben wird. Wenn etwas in den deutsch-israelischen Beziehungen unmöglich ist, dann ist es, sich mit gestanzten Formeln zu begegnen. Es ist ein sehr lebendiges Verhältnis, das sich kontinuierlich entwickelt, seine Gestalt auch verändert, das aber auf sehr festen Fundamenten ruht.

    Das Deutschland-Bild der Israelis hat sich im Laufe der Jahrzehnte sehr gewandelt. Wenn Sie drei Begriffe nennen müssten, die Israelis heute mit Deutschland verbinden, welche wären das?

    Es ist zuallererst der Blick auf das Tätervolk - auch heute. Das hat in der Vergangenheit sehr vieles eingefroren, hat zu dem verständlicherweise schwierigen Beginn und manchem Rückschlag geführt. Aber heute ist das ein Bestandteil, der nicht im Widerspruch dazu steht, dass man Deutschland auch in besonderer Weise positiv sieht. Noch nie haben die Israelis, hat Israel die Deutschen so positiv gesehen wie heute. Deswegen ist der zweite Begriff eindeutig "ein besonders verlässlicher Partner", jemand, dem man vertrauen kann. Und das Dritte: Deutschland wird als ein Land gesehen, das ein besonders wichtiger internationaler Akteur ist, auch in dieser Region, wir müssen nur an die Iran-Verhandlungen denken. Und wenn ich einen vierten Begriff nennen darf: Das aktive Eintreten Deutschlands für die Sicherheit Israels.

    Berlin ist in den letzten Jahren erstaunlicherweise eine Art "Mekka" für junge Israelis geworden. Israels Führung ist darüber nicht unbedingt glücklich, Deutschland sieht es dagegen als ein Zeichen der Normalisierung. Wie kann Deutschland sich angesichts der israelischen Befürchtungen vor einer Abwanderung junger Leute richtig verhalten?

    Wir können uns freuen, dass junge Israelis nach Berlin gehen, dass sie sich dort zu Hause fühlen, dass sie sich dort wohlfühlen. Auch wenn in Israel gelegentlich Kritik an diesem Phänomen laut wird, geht es oft eher um die Solidarität der Israelis mit dem eigenen Land und weniger um die historisch ja auch nachvollziehbare Perspektive "Können Israelis überhaupt im Land der Täter wohnen mit ihren Familien?". Wandern junge Israelis aus ihrem Land ab? Die Statistiken belegen dies in keiner Weise, auch nicht mit Blick auf Berlin. In der Regel ist das ein Aufenthalt, der zeitlich begrenzt ist. Dieser Austausch, der keine Einbahnstraße ist, von dem profitiert auch Israel wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Israels Sicherheit zur Staatsräson erklärt. In der deutschen Öffentlichkeit gibt es jedoch eine sehr kritische Haltung gegenüber der israelischen Regierungspolitik. Auch judenfeindliche Slogans werden immer offener geäußert. Sehen sie eine wachsende Diskrepanz zwischen der offiziellen deutschen Haltung und der Sicht des Volkes?

    Es stimmt, dass das Bild Israels in den deutschen Medien heute leider mancherorts oft auf den Nahostkonflikt verkürzt wird und wir dazu aus Deutschland auch viele sehr kritische Stimmen hören. Aber aus der Geschichte unseres Verhältnisses heraus bin ich alles andere als ein Pessimist, sondern ein Optimist, dass wir auch mit kritischen Stimmen umgehen können. Ich habe in vielen Gesprächen mit jungen Menschen erlebt, dass sie am Ende erstens die Grundsolidarität mit Israel bestätigen und zweitens ihr Urteil - insbesondere wenn sie hier als Besucher waren - sehr stark differenzieren.

    Nach dem erneuten Wahlsieg Benjamin Netanjahus und angesichts der blutigen Konflikte in den arabischen Nachbarländern gilt ein Durchbruch im Nahost-Friedensprozess als unwahrscheinlich. Wie kann sich Deutschland nach der Bildung einer rechten und siedlerfreundlichen Regierung in Israel diplomatisch klug positionieren?

    Wir müssen sehen, wie sich ihre Politik ausbuchstabiert. Wir haben eigene Interessen als Europäer in der Region, aus diesen Interessen folgen bestimmte Sichtweisen und politische Entscheidungen, und wir werden diese so wie in der Vergangenheit der israelischen Regierung gegenüber vertreten, fair und im Geiste der Freundschaft. Wenn dies nun etwas schwieriger werden sollte, werden wir unsere Anstrengungen verdoppeln.

    Wie sehen Sie Bestrebungen in Richtung einer Ein-Staaten-Lösung? Israels Staatspräsident Reuven Rivlin und auch immer mehr Palästinenser machen sich dafür stark. Können Sie sich vorstellen, dass Deutschland unter dem Druck der Realität irgendwann auch in diese Richtung gehen und seine Sicht auf eine Zwei-Staaten-Lösung verändern könnte?

    Heute gilt - und das sage ich nach knapp 30 Jahren, in denen ich mich mit dieser Region auseinandergesetzt habe - dass Sie bei keiner überzeugenden Option landen außer der Zwei-Staaten-Lösung. Die Voraussetzungen für ihre Realisierung sind uns noch nicht aus den Händen geglitten. Deswegen sollten wir uns wirklich darauf konzentrieren, eine Zwei-Staaten-Lösung zu verwirklichen, trotz all der Schwierigkeiten.

    Das Gespräch führte Sara Lemel

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