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Mainz

Nicht alle Mainzer haben Geld fürs täglich' Brot

Traurig, aber wahr: Ohne die Unterstützung durch die Tafel mit Lebensmitteln müsste mancher Mainzer hungern.

Foto: Harry Braun

Mainz – Es ist 8.30 Uhr, als Thomas Ihl mit seinem Kastenwagen aus dem Hof der Mainzer Tafel düst.

In der Sommerzeit sind die Regale mit Obst und Gemüse gut gefüllt.
In der Sommerzeit sind die Regale mit Obst und Gemüse gut gefüllt.
Foto: fdsa

Der 47-Jährige ist einer von 65 ehrenamtlichen Fahrern, die in Geschäften und Supermärkten in und um Mainz Lebensmittel abholen, deren Verfallsdatum bereits überschritten ist oder in Kürze abläuft. Sechs Stationen stehen an diesem Morgen auf dem Plan, die er möglichst schnell abklappern muss, denn in der Ausgabestelle der Tafel stehen ab 10 Uhr die Bedürftigen Schlange, um sich ihre Wochenrationation abzuholen.

Thomas Ihl stapelt die Kisten mit Lebensmitteln in seinem Wagen auf, nachdem er den Inhalt vorsortiert hat. Angefaulte Produkte oder solche, die das Verfallsdatum deutlich überschritten haben, bleiben da. 
Foto: Bernd Eßling
Thomas Ihl stapelt die Kisten mit Lebensmitteln in seinem Wagen auf, nachdem er den Inhalt vorsortiert hat. Angefaulte Produkte oder solche, die das Verfallsdatum deutlich überschritten haben, bleiben da.
Foto: Bernd Eßling – braun

Sein Weg führt den Mainzer zuerst nach Rüsselsheim zur Bäckerei Kraft. "Guten Tag, ich bin von der Mainzer Tafel", begrüßt er das Team in der Backstube. "Haben Sie etwa für mich?" Man hat. Und nicht zu knapp. Sieben Kisten mit Brot, Brötchen, Brezeln und Gebäck vom Vortag stehen schon zum Abholen bereit. Ihl schichtet die Ware in die mitgebrachten Körbe ein und belädt das Auto.

"Jetzt in der Ferienzeit bleibt viel liegen, sagt Birgit Kraft, die Chefin des Hauses. Und die Kunden sind verwöhnt, "wollen die Brötchen am liebsten noch warm", wie Kraft erzählt. Im Verkaufsraum steht zwar eine Schale mit Produkten vom Vortag. Ein Euro kostet das Brot. Doch die Kunden bedienen sich nur spärlich an dem Angebot. "Früher haben wir die Reste einer Firma übergeben, die es zu Viehfutter aufbereitet und verwertet hat", erinnert sich die Chefin. "Wir sind froh, dass wir es heute der Tafel für den guten Zweck überlassen können."

Nach getaner Arbeit steuert Ihl nun den ersten von drei Rewe-Märkten an – in der Göttelmannstraße. Auch hier steht das Abholgut schon fertig sortiert bereit, was nicht in jedem Geschäft der Fall ist, wie Ihl aus Erfahrung weiß. "Manchmal muss ich mich auch durch kaputte Joghurtbecher wühlen." Doch das ist hier anders. Die Ausbeute: vier Kisten mit Obst, Gemüse, Sushi, Wurst, Schinken, Fertiggerichte und vieles mehr.

Ihl wirft einen Blick auf das Verfallsdatum und nickt zufrieden. Beim Obst und Gemüse sortiert er schon einmal grob aus. Eine aufgeplatzte Melone, deren Saft schon durch den Korb sickert, lässt er zurück. Ebenso einige angefaulte Pfirsiche. Bei einem hübsch verzierten Blumenkörbchen zögert er kurz. Die Pflanzen sind vertrocknet. Doch für den schmucken Übertopf wird sich sicherlich ein Liebhaber finden.

Weiter geht's in Richtung Stiftswingert, wo eine weitere Rewe-Filiale zu den Sponsoren der Tafel zählt. In den vier Körben befindet sich jede Menge Gemüse, Obst, zwei Paletten Milch, Lachs, Krabben und was sonst noch in einem Supermarkt in den Regalen steht. Wieder prüft Ihl das Verfallsdatum und fischt eine Packung Kochschinken heraus, die ihren Zenit schon lange überschritten hat. Verfallsdatum 16. Juni – der Schinken bleibt liegen.

Feste Regeln für Abgabe

Denn es gibt feste Regeln, wie lange ein Nahrungsmittel noch in Umlauf gehen darf. Die Liste hängt im Lagerraum der Tafel. So ist etwa Joghurt und Milch bis zehn Tage nach Ablauf des Verfallsdatums noch genießbar. Dauerwurst ebenso lange. Für Fertigprodukte gilt eine Frist von vier bis fünf Tagen und aufgetaute Tiefkühlwaren sollten binnen zwei Tagen verzehrt werden. Die nächste Anlaufstelle ist die Rewe-Filiale in der Langenbeckstraße. Auch hier sind schon drei Körbe gefüllt. Jede Mange Kopfsalat ist dabei, der noch richtig knackig aussieht. Dazu die übliche Mischung an Produkten aus der Obst- und Gemüsetheke, aus Kühlregal und dem Trockensortiment.

Stolze 20 Kisten hat Ihl inzwischen im Wagen aufgestapelt. Es ist 10 Uhr. Bevor er die Tour fortsetzt, legt er erst einmal einen Zwischenstopp bei der Tafel ein. Denn es kann sein, dass es bereits Engpässe bei bestimmten Lebensmitteln gibt. Man weiß ja nicht, was die anderen Fahrer an diesem Tag so anliefern. In der Heidelberfaßgasse angekommen, ist im Lager bereits eifriges Gewusel. Die Helfer nehmen seine Kisten in Empfang, nehmen das Mitgebrachte noch einmal in Augenschein und bereiten es für die Ausgabe vor. Eine etwas angeschlagene Honigmelone wird geteilt und in Folie gewickelt, die unansehnlichen Teile werden weggeschnitten. Produkte, an denen es in der Ausgabestelle mangelt, wandern sofort in die Regale. Das Gebäck, das Ihl eingesammelt hat, liefert er sofort in der Ausgabe ab.

Dort ist es bereits proppenvoll. Die Produktgruppen sind auf mehrere Theken aufgeteilt, an denen die Kunden vorbeiwandern und sich ihre Ration zusammenstellen. Allerdings achten die Helfer genau darauf, dass es auch gerecht zugeht. Eine junge Frau, die sich großzügig am Joghurt bedient, wird freundlich darauf hingewiesen, dass auch die anderen Kunden noch Bedarf haben.

Spaß daran, anderen zu helfen

Mittlerweile hat Ihl schnell einen Kaffee getrunken. Nun muss er noch zwei Stellen in der City anfahren, dann ist seine Tour für heute beendet. Auf dem Weg dorthin, erzählt er, was ihn dazu bewogen hat, sich als Fahrer zu bewerben. Ein Zeitungsbericht habe ihn auf die Einrichtung aufmerksam gemacht. Und geärgert hat es ihn schon lange, dass in seinem Kühlschrank zu Hause hin und wieder etwas verdirbt. Und es mache einfach Spaß, etwas für andere Menschen zu tun. Dann traf er zufällig einen Fahrer der Tafel, kam mit ihm ins Gespräch und bewarb sich schließlich.

"Anfangs war ich erschrocken über die Mengen an Lebensmitteln, die aussortiert werden", schildert er seine ersten Eindrücke. "Nach Ostern war ich in einem Supermarkt, in dem so viele Kisten mit süßen Sachen standen, dass ich irgendwann Stop sagen musste." Die Kapazität des Transporters war erschöpft. Jeden Freitag geht der Mainzer auf Tour, und wenn mal ein Fahrer ausfällt auch an anderen Tagen.

In Denn's Biomarkt ist die Ausbeute heute nicht so groß – "das ist von Tag zu Tag verschieden" – auch bei Karstadt ist die Menge an Produkten eher überschaubar. Ihl lädt ein, bringt alles zur Tafel, holt sich dann noch die Tourenplan für die nächste Schicht ab und geht mit dem guten Gefühl nach Hause, anderen Menschen mit seinem Einsatz geholfen zu haben. Sabine Jakob

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