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Mainz

Museen müssen an die Welt junger Leute andocken

Seit eineinhalb Jahren stehen Annette Ludwig (Gutenberg-Museum) und Andrea Stockhammer (Landesmuseum) an der Spitze zweier wichtiger Museen. Im MRZ-Gespräch ziehen sie Bilanz, sprechen über Sparzwänge und Frauenqoute.

Foto: Harry Braun

Mainz – Seit etwa eineinhalb Jahren stehen Annette Ludwig (Gutenberg-Museum) und Andrea Stockhammer (Landesmuseum) an der Spitze zwei wichtiger Mainzer Museen. Im MRZ-Gespräch ziehen die beiden Frauen Bilanz, sprechen über Sparzwänge und die Frauenqoute.

Foto: Harry Braun

Sie sind beide Neu-Mainzerinnen. Was gefällt Ihnen in der Stadt?

Annette Ludwig: Die Offenheit der Mainzer. Ich kannte hier niemanden und bin schnell heimisch geworden.

Andrea Stockhammer: Da stimme ich zu. Die Mainzer sind sehr gesellig. Da gibt es Parallelen zu Wien und der Wachau. Dort gibt es die Heurigen, hier die Weinstuben. Was ich furchtbar finde, ist der Fluglärm. Ich wohne in der Oberstadt. Der Zuwachs an Lärm ist unglaublich.

Welche Bilanz ziehen Sie beruflich nach etwa eineinhalb Jahren?

Stockhammer: Das meiste, was ich mir vorgenommen habe, hab ich untergebracht. Zu nennen sind vor allem die Wasser- und die Byzanzausstellung. Strukturell arbeitet die Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE), die 2007 eingeführt wurde, mittlerweile sehr erfolgreich. Hier arbeiten die Landesmuseen, Landesarchäologie, Landespflege und Direktion Burgen, Schlösser, Altertümer zusammen. Wir wachsen immer stärker zusammen. Es ist eine unglaubliche Kompetenz vorhanden.

Zeigt sich das auch nach Außen?

Stockhammer: Ja. Ein Beispiel ist die Synagogenausstellung. Diese Ausstellung hätte ich ohne die fachliche Hilfe der Denkmalpflege nicht gemacht. Hinzu kommt, dass wir unsere Arbeit auf breiterer Basis bewerben können.

Frau Ludwig, macht Sie das neidisch, wenn sie auf das Landesmuseum blicken, den starken Verbund GDKE und den 30 Millionen teuren Umbau?

Ludwig: Nein. Neid ist mir völlig fremd und die falsche Kategorie. Das Gutenberg-Museum hat mit der Stadt einen anderen Träger. Natürlich benötigen wir auf lange Sicht auch mehr Mittel, um konkurrenzfähig zu sein. Auf Dauer kann ein Museum durch chronische Unterfinanzierung diskreditieren. Ich ziehe aber eine positive Bilanz der letzten eineinhalb Jahre. Während der "Stadt der Wissenschaft" haben wir vier Ausstellungen gemacht. Es sind tragfähige Kooperationen, etwa zur Fachhochschule, entstanden. Insgesamt ist es gelungen, ein breites Publikum zu interessieren. Mehrfach haben wir bereits die Diplomschau der Kommunikations- und Mediendesigner veranstaltet. Dank der Gästeführer und Sponsoren hat das Haus an Sonntagen jetzt bis 17 Uhr geöffnet. Es gibt jetzt Audioguides auf I-Pod-Basis in drei Sprachen.

Es stand immer mal wieder im Raum, das Gutenberg-Museum auch in die Trägerschaft des Landes zu bringen?

Ludwig: Das ist eine politische Entscheidung, die nicht ich treffen kann. Erstrebenswert wäre natürlich eine institutionalisierte Förderung des Landes.

Angekündigt hatten Sie, dass Sie die Präsentation der Dauerausstellung neu ausrichten wollen.

Ludwig: Wir haben damit bereits begonnen, etwa in der ostasiatischen Abteilung und in der Kernabteilung Gutenberg. Vitrinen wurden ausgedünnt, außerdem wollen wir Skulpturen ausstellen. Diese Umstrukturierung wird ein langer Prozess. Man kann 3000 Quadratmeter nicht ohne finanzielle Mittel von heute auf morgen umstrukturieren. Die gesamte Innenausstattung des Gebäudes aus dem Jahr 1962 entspricht nicht den heutigen Standards. Ich würde das Museum gerne in meiner Amtszeit modernisieren. Dabei geht es unter anderem um eine zeitgemäße Infrastruktur, wie auch um eine bessere Präsentation der einzelnen Abteilungen.

Sie sind beide Frauen in Spitzenpositionen. Glauben Sie, dass Frauen anders führen als Männer?

Stockhammer: Ich würde das nicht unter dem Blick der Geschlechterforschung betrachten. Verschiedene Persönlichkeiten, egal ob Frauen oder Männer, führen unterschiedlich und wählen verschiedene Wege sich durchzusetzen.

Wie stehen Sie zur Frauenquote?

Ludwig: Schwierig. Entscheidend ist die Qualität, aber vielleicht braucht man die Quote, um Grundlegendes zu ändern.

Stockhammer: Ich hab nie eine Quote gebraucht, um da hinzukommen, wo ich hin wollte. Aber ich hab auch über Jahre wahnsinnig viel gearbeitet. Das ist einer der Gründe, warum ich erst so spät eine Familie gegründet habe.

Haben es Männer einfacher?

Stockhammer: In vielen Bereichen ja, etwa der Medizinbereich ist extrem hierarchisch organisiert und konservativ. Es ist zu beobachten, dass Frauen in solchen Systemen seltener an die Spitze kommen. In solchen Bereichen ist Frauenförderung sicher besonders nötig, nicht so sehr im Kulturbereich.

Wie könnte man Frauen den Weg in Spitzenpositionen erleichtern?

Ludwig: Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Beruf und Familie vereinbar machen. Ich habe ehemalige Studienkolleginnen, die sind sehr gut ausgebildet und haben dann durch die Gründung einer Familie weniger Chancen.

Stockhammer: Unser Sohn ist zweieinhalb Jahre alt und mein Mann übernimmt von allen Aufgaben zu Hause weit mehr als die Hälfte. Ohne ihn wäre das alles nicht möglich.

Ludwig: Man muss Frauen ermutigen. Wer Karriere machen will, muss verzichten, aber man muss verdeutlichen, dass es vor allem bereichernd ist, vor neuen Aufgaben zu stehen, Herausforderungen anzunehmen und Verantwortung zu tragen.

Stockhammer: Vorbilder sind dabei wichtig: Für mich war das etwa die Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung in Wien. Eine tolle Frau, die eine irre Karriere gemacht hat und eine tolle Familie hat. Das hat mir imponiert.

Wie hat sich in Zeiten leerer öffentlicher Kassen ihr Job verändert?

Stockhammer: Kooperationen sind heute wichtiger als früher. Bei der Byzanz-Ausstellung etwa kam die kuratorische Manpower von der Uni, den Katalog hat das RGZM gemacht. Wir haben die Schau gemeinsam beworben. Wir machen aus der Not eine Tugend.

Ludwig: Sponsoring und das Einwerben von Drittmitteln sind die Zukunftsaufgaben für Museumsleiter – nicht nur in Mainz. Gerade Sponsoring war früher nur das Sahnehäubchen. Das hat sich massiv verändert, weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Aber das empfinde ich nicht als Last, das gehört dazu. Ich kann nicht Leiterin eines so großen Hauses sein, wenn ich nur Wissenschaft machen will.

Stockhammer: Generell wird die Zielgruppenarbeit wichtiger. Man muss zwei Dinge bei jeder Ausstellung im Auge haben: Wie kann ich die Kunst der Zielgruppe angemessen vermitteln und wie finde ich neue Wege, den Besucherkreis auszuweiten.

Stichwort Besucherkreis: Wie locken Sie die junge Generation Youtube ins Museum?

Stockhammer: Wir bedienen die sozialen Medien wie Twitter und Facebook. Das läuft allerdings über unsere Kollegen in Koblenz – es ist sehr zeitintensiv, und wir sind leider in unserer personellen Ausstattung nicht etwa mit einem Städel zu vergleichen. Eine Party zur Finissage haben wir zum Beispiel im Schon schön veranstaltet. Man muss an bestimmte Communities herankommen und dranbleiben.

Ludwig: Man muss die Generation abholen. Wir haben gute Erfahrungen mit unserer Ausstellung "Moving Types" gemacht. Uns hat die Schau gezeigt: Die jungen Leute interessieren sich insgesamt für das Haus.

Stockhammer: Die Schuhtick-Ausstellung hat damals an die Lebenswelt junger Menschen angedockt. Das wird bei der Konzeption von Ausstellungen immer wichtiger: Man muss Fragestellungen wählen, die etwas mit der Gegenwart zu tun haben. Außerdem wird die Vermittlung immer wichtiger. Früher hat man Ausstellungen sehr konservativ gemacht. Das hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Jetzt denkt man bereits beim Ausstellungsmachen über die Vermittlung nach.

Ludwig: Ich habe bereits früh die Relevanz der Museumspädagogik erfahren. Klar ist: Es nützt die schönste Ausstellung nichts, wenn ich sie nicht vermitteln kann – und zwar auf verschiedenen Ebenen und an die verschiedenen Zielgruppen. Als Kulturinstitution arbeiten wir mit Steuergeldern. Deswegen will ich nicht Ausstellungen für ein Fachpublikum machen, sondern für alle Anreize bieten.

Das Gespräch führte Andrea Wagenknecht

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