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Medinetz Mainz: Ein Arzt kommt auch zu Patienten ohne Papiere

Menschen ohne Papiere gehen, wenn sie krank werden, aus Angst vor Entdeckung und Abschiebung oft nicht zum Arzt. Manchmal werden sie dann zum medizinischen Notfall. Damit das nicht geschieht, ist seit 2006 der Verein Medinetz Mainz aktiv.

Medizinische Hilfe auch ohne Versichtertenkarte organisieren Anna Siegl und Simon Schuster vom Caritaszentrum Debrêl aus.
Medizinische Hilfe auch ohne Versichtertenkarte organisieren Anna Siegl und Simon Schuster vom Caritaszentrum Debrêl aus.
Foto: Harry Braun

Mainz – Menschen ohne Papiere gehen, wenn sie krank werden, aus Angst vor Entdeckung und Abschiebung oft nicht zum Arzt. Manchmal werden sie dann zum medizinischen Notfall. Damit das nicht geschieht, ist seit 2006 der Verein Medinetz Mainz aktiv.

Zu den rund 20 Mitarbeitern gehören auch Anna Siegl (27) und Simon Schuster (26). Sie sorgen dafür, dass Migranten ohne gültige Krankenversicherungskarte anonym behandelt werden können.

Immer mehr Menschen suchen Hilfe bei Medinetz. 2011 waren es 74, über die Hälfte davon kam aus EU-Ländern Osteuropas, vor allem aus Bulgarien. Woher sie von dem Angebot erfahren, wissen die Mitarbeiter nicht genau. "Wir haben zwar einen Flyer in acht Sprachen, aber es spricht sich wohl überwiegend durch Mund-zu-Mund-Propaganda herum."

Sinnvolle Arbeit

Anna Siegl ist im Vorstand des Vereins aktiv. "Vor drei Jahren – damals studierte ich noch Medizin – suchte ich etwas, wo ich helfen kann", erzählt die Sozialarbeit-Studentin. "Und hier kann ich etwas bewirken. Jeder Patient, der anonym ärztliche Behandlung bekommt, ist für uns ein Erfolg." Das sieht auch Simon Schuster so. "Die Arbeit ist sehr sinnvoll."

Das hat der Jurastudent vor kurzem erlebt, als er eine Frau mit starken Bauchschmerzen ins Krankenhaus begleitete. "Sie musste sofort am Blinddarm operiert werden. Und heute geht es ihr wieder gut." Immer montags zwischen 18 und 20 Uhr bietet der Verein im Caritaszentrum Delbrêl in der Aspeltstraße 10 eine Sprechstunde an. Jeweils zwei aktive Vereinsmitglieder – manchmal sind Medizinstudenten dabei – warten auf Menschen, die ärztliche Hilfe benötigen. Sie hören sich die Beschwerden an und entscheiden, was zu tun ist. "Dringende Fälle begleiten wir ins Krankenhaus. Oder wir nehmen Kontakt zu einem Arzt auf, vereinbaren einen Termin und begleiten die Patienten dahin." Montags abends treffen sich alle Aktiven, um die aktuellen Fälle zu besprechen.

Rund 70 Ärzte haben sich zur Zusammenarbeit mit Medinetz Mainz bereit erklärt. Durch ihre Berufspflicht, medizinische Hilfe zu leisten, und ihre Schweigepflicht machen sie sich nicht strafbar, wenn sie Menschen ohne Krankenversicherung und ohne Aufenthaltsgenehmigung behandeln und deren Daten nicht weiter geben. "Die meisten arbeiten kostenlos oder gegen Spendenquittung. Laborkosten oder ähnliches werden von uns bezahlt", erzählt Anna Siegl. Wenn sie können, zahlen die Patienten auch einen Teil der Behandlung selber. Wenn ein Rest bleibt, wird der aus Spenden gedeckt. Dafür sammeln die Medinetz-Mitglieder und organisieren Benefizveranstaltungen.

Zusammenarbeit mit Krankenhäusern

Auch einige Krankenhäuser arbeiten mit Medinetz Mainz zusammen. "2010 gab es einen Runden Tisch mit drei Wiesbadener Krankenhäusern, die sich bereit erklärten, für 400 Euro Entbindungen für hier legal lebende, aber nicht versicherte Rumäninnen und Bulgarinnen zu leisten", berichtet Anna Siegl und fügt hinzu. "Wir organisieren die Vor- und Nachsorge mit zwei Hebammen."

Nachdem die Zusammenarbeit mit Mainzer Krankenhäusern jahrelang eher schwierig war, gibt es seit kurzem auch mit der Universitätsmedizin und dem Katholischen Klinikum entsprechende Vereinbarungen für Entbindungen. "Die Versorgung der Schwangeren hat sich enorm verbessert", betont Anna Siegl und erzählt von einem bedrückenden Erlebnis aus der Anfangszeit ihres Engagements: Damals betreute sie eine Schwangere. "Als sie zu uns kam, war es schon zu spät. Sie hatte eine Totgeburt."

Neben der konkreten Hilfe für die Patienten engagieren sich die Medinetz-Mitglieder auch auf politischer Ebene. Und verbuchen es für sich als Erfolg, dass das Land, wie berichtet, in Zukunft Impfungen für Kinder ohne Versicherungsschutz zahlt. "Vor zwei Jahren haben wir mit den Gesprächen begonnen und sind seitdem dran geblieben", sagt Anna Siegl, die sich über den Erfolg freut. Aber sie fragt sich: "Warum aber muss erst so ein kleiner Verein wie wir kommen, damit das Thema den Politikern auffällt?"

Überhaupt versteht sie nicht, warum es in Mainz nicht wie in Wiesbaden eine humanitäre Sprechstunde gibt, in der Menschen ohne Papiere und ohne Krankenversicherung medizinisch versorgt werden. "Gäbe es so etwas, könnten wir uns neue Ziele suchen", betont die Studentin. Und fügt lächelnd hinzu: "Unser Ziel ist sozusagen die Selbstabschaffung." Aber noch ist es nicht soweit.

Irmela Heß

Info und Kontakt: www.medinetzmainz.de; www.facebook.com /medinetz.mainz; E-Mail: mainz@ippnw.de; Telefon: 0176/62 033 302.

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