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Mainz

Keine Kontakte, keine Gefühle – die Welt nur als viereckiger Raum

Die Mainzer Ambulanz für Spielsucht verhilft Internetsüchtigen zu einem kontrollierten Umgang mit dem PC.

Besonders häufig verlieren sich die Süchtigen in Rollenspielen.
Besonders häufig verlieren sich die Süchtigen in Rollenspielen.
Foto: Grafik: Universitätsmediz

Gespielt hatte er immer schon viel – allerdings ohne negative Konsequenzen. Dann, in den Weihnachtsferien 2009, nahm der Konsum überhand. Statt fürs Abitur zu lernen, saß er nur noch am Computer. Marc Müller (Name geändert) spürte zwar, hier läuft etwas schief, aber irgendwie hatte er die Kontrolle verloren.

Bei den "Verhaltenssüchten" steht der Computerkonsum ganz oben.
Bei den "Verhaltenssüchten" steht der Computerkonsum ganz oben.
Foto: Grafik: Universitätsmediz

Im Januar 2010 wandte er sich Hilfe suchend an die Mainzer Ambulanz für Spielsucht. Gestern saß der junge Mann dann in der Pressekonferenz der Universitätsmedizin, in der die Ambulanz-Mitarbeiter ihre neue Therapiestudie für die Behandlung von Internet- und Computerspielsucht vorstellten. Und erzählte, wie es ihm ergangen ist.

Die Verzweiflung wächst

"Ich lernte nicht, ging nicht mehr 'raus, hatte keine richtigen Kontakte mehr, statt dessen saß ich nur am PC. Die Welt war für mich nur noch ein viereckiger Raum, ich habe nichts mehr gefühlt." Doch irgendwann ging es ihm nicht mehr gut dabei. Die Lehrer ermahnten ihn, endlich zu lernen, der Druck wurde immer größer. Schließlich war er völlig verzweifelt.

In der Mainzer Ambulanz für Spielsucht, die sich seit 2008 um Spiel- und Internetsüchtige kümmert – oft kostenlos, weil Internetsucht noch nicht als Störungsbild anerkannt ist und deshalb die Behandlung nicht über die Krankenkassen abgerechnet werden kann – fand er offene Ohren für sein Problem.

In den folgenden Wochen fiel er zwar erstmal durchs Abitur, konnte aber an einer Pilotstudie teilnehmen, die der gestern gestarteten "großen" Studie in Mainz und an drei anderen Standorten vorausging.

Flucht aus der Realität

"Wichtig war für mich nicht nur, mir über meinen damaligen Alltag klar zu werden und die Suchtsymptome zu erkennen, sondern auch festzustellen, warum ich aus der Realität flüchtete", erzählt er mit Blick auf seine Vergangenheit.

Mittlerweile hat er das Abitur im zweiten Anlauf bestanden und studiert Sozialkunde und Politik. Und er hat gelernt, den Computer als Werkzeug zu nutzen. Er betont: "Ich verhalte mich heute anders als früher. Ich gehe wieder mit Freunden Fußball gucken, und ich finde es mittlerweile schöner, jemandem gegenüber zu sitzen als nur vor dem Computer."

Neben der Analyse der Situation und den Verhaltensänderungen hat die Therapie – eine Kombination von Einzel- und Gruppensitzungen – ihm noch mehr mit gegeben, nämlich einen sogenannten Notfallplan für den Fall, das die Sucht wieder nach ihm greift. "Wenn ich heute solche ,Anfälle' bekomme, kann ich damit umgehen. Dann ziehe ich mich zum Beispiel in die Bibliothek zurück." Irmela Hess

Informationen: www.verhaltenssucht.de, www.internetsucht-hilfe.de

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