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    Mainz

    Front gegen Fluchlärm

    Sie heißen Nischell, Post oder Müller und haben alle ein Problem: Fluglärm. Wir haben Familien begleitet, die sich gegen den Krach am Himmel wehren. Ein Einblick in großen Frust - und große Hoffnungen.

    Mainz/Frankfurt - Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt wächst, über den Köpfen der Menschen im Rhein-Main-Gebiet brummen und heulen immer mehr Flugzeuge. „Fluchlärm“ schimpfen sie in Mainz-Laubenheim und anderswo den Krach am Himmel.

    Heute woll'n wir singen, lärmen oder schrei'n, für unser Recht auf Ruhe setzen wir uns ein. Darum sind wir laut, und darum sind wir hier! Alle deine Freunde protestieren heut mit dir! Alle deine Freunde protestieren heut mit dir! Wie schön, wenn einmal Ruhe wär! Doch das ist hier schon lange her! Wie schön, dass wir zusammen sind, heut protestieren Mann und Frau und Kind!

    Gelbe, weite T-Shirts sind ihr Erkennungszeichen. Ein leuchtendes Gelb mit schwarzer Aufschrift, nicht chic – aber zweckmäßig, weil auffällig. Privat oder auf der Arbeit in der Schule in der Mainzer Innenstadt würde Lehrerin Ulrike Post sich so etwas nicht über den Kopf ziehen. Jeden Montagabend fischt sie das gelbe Oberteil aber wieder und wieder aus dem Schrank, wenn es mit den anderen der Bürgerinitiative aus Mainz-Laubenheim zur Demo gegen Fluglärm zum Frankfurter Flughafen geht.

    Ulrike Posts wahren Namen sollen wir lieber nicht schreiben, denn ihr Mann arbeitet bei der Fraport AG, dem Betreiber des größten deutschen Flughafens in Frankfurt, gegen dessen Ausbaupläne die Menschen im Rhein-Main-Gebiet seit Monaten auf die Straße gehen. Er hört sich in der Informationsstelle des Unternehmens tagtäglich beruflich die Beschwerden über Fluglärm und Flughafenausbau an. „Was ich hier mache, ist quasi eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ihn“, zwinkert Ulrike Post und lacht laut. Dabei ist ihre Situation alles andere als lustig. Ihr Engagement für ein Nachtflugverbot, gegen die neu gebaute Nordwest-Landebahn, der Job ihres Gatten – eine große Belastung. Die Ehe der beiden leidet. Er unterstützt sie, bringt sie mit dem Auto zum Bahnhof, von wo aus sie jeden Montag mit der S-Bahn nach Frankfurt fährt. Und er ist einerseits stolz, dass seine Frau den Protest mit aufrechterhält. Andererseits kann er das Meckern über den Lärm am Himmel nicht mehr hören. „Es belastet ihn, und er empfindet es als Entwertung seiner Arbeit“, murmelt Ulrike Post, ihre Augen sehen dabei traurig aus.

    In Terminal 1 geht es rund 

    Um sie herum dröhnt und hallt es. Terminal 1 des Flughafens ist auch an diesem Montag wieder Schauplatz einer riesigen Demonstration. Menschen mit Rasseln, Ratschen, Trommeln, Tamburinen und Kochtöpfen sorgen für einen Höllenlärm. „Die Bahn muss weg! Die Bahn muss weg!“, tönt es im Takt durch die große Halle, Ulrike Post stimmt mit ein.

    „Die Bahn“ ist die neue Nordwest-Landebahn des Frankfurter Flughafens. Seit fast einem halben Jahr ist diese in Betrieb und bringt die Bürger im Rhein-Main-Gebiet kollektiv auf die Barrikaden. Gebaut, um noch mehr Flugbewegungen, also noch mehr Starts und Landungen, zu ermöglichen, sorgt die neue Bahn für neue Flugrouten. Menschen, die vorher nie von Fluglärm betroffen waren, etwa in der Mainzer Oberstadt, bekommen den rund 20 Kilometer entfernten Flughafen seitdem zu spüren. Die, über deren Köpfen es schon vorher lärmte, befürchten noch mehr Krach.

    Familie Nischell macht mobil

    Mainz-Laubenheim, ein paar Stunden zuvor: lautes Vogelgezwitscher, die feinen, noch kahlen Äste der Büsche auf der Terrasse biegen sich im Wind, in einiger Entfernung rauscht ein Flugzeug über den Himmel. „Heute ist Westwind, da fliegen nur die startenden Flugzeuge über unser Haus. Die sind etwas höher und leiser“, erklärt Angelika Nischell und blinzelt der Sonne entgegen. Mehrere Kondensstreifen ziehen sich über den strahlend blauen Himmel. Der Schriftzug der Airline sei meist zu erkennen, oft könne man sogar die Fenster der Maschine zählen, die vorbeifliegt. An manchen Tagen glaubt die Mutter sogar, dem Piloten einen Kaffee reichen zu können.

    Vor rund einem Jahr ging es los. „Daran erinnere ich mich noch ganz genau“, sagt Ehemann Norbert Nischell. „Es war in den Osterferien, wir hatten wunderschönes Wetter. Plötzlich wurde es von einem Tag auf den anderen lauter.“ Die neue Nordwest-Landebahn in Frankfurt war noch nicht eröffnet worden, aber die Maschinen erprobten schon die neuen Flugrouten. Seitdem hört und sieht die sechsköpfige Familie nicht nur die landenden Flieger, die seit Jahren bei Ostwind von Westen aus über Mainz in Richtung Flughafen fliegen. Auch die startenden Flugzeuge nehmen nun zum Teil den Weg über ihr Zuhause. Die deutsche Flugsicherung hat mit dem Bau der neuen Bahn die sogenannte Südumfliegung eingerichtet. Die sorgt – einfach erklärt – dafür, dass sich die Flugzeuge der nunmehr drei parallel verlaufenden Bahnen des Flughafens beim Landen und Starten nicht in die Quere kommen. Viele Maschinen umfliegen dafür in Richtung Südwesten – unter anderem über Laubenheim.

    Familie Post - Schlafen mit Gehörschutz

    Als sich die Posts ihr Häuschen in dem Mainzer Stadtteil vor acht Jahren angeschaut haben, waren sie auf Anhieb begeistert. Alles hatten sie genau unter die Lupe genommen, bevor der Kaufvertrag unterschrieben wurde: Wie lange dauert es bis in die Innenstadt, zur Arbeit und zur Schule? Wie sind die Nachbarn? Gibt es viele Hunde, viele Kinder?

    „Wir dachten, wir hätten die optimale Lage erwischt“, erinnert sich Ulrike Post. Bis der Wind drehte und die Flugzeuge kamen. „Es ist halt Rhein-Main-Gebiet“ – zu spät wurde dem Ehepaar bewusst, was die Verkäuferin mit diesem Satz eigentlich gemeint hatte. Ulrike Post schläft schon seit dem Umzug ins Eigenheim nur noch mit Kopfhörern, wie sie die Mitarbeiter auf dem Flughafenvorfeld als Gehörschutz tragen.

    „Die Bahn muss weg!“ – die Demonstranten im Terminal formieren sich zur Karawane. Wie jeden Montag folgt nach der Kundgebung und dem gemeinsamen Singen eines zum Protestsong umgedichteten Liedes der Zug durch das Terminal. Ulrike Post reckt beim Laufen einen Besenstiel in die Höhe. An dessen Ende: ein selbst gebastelter Kopf auf Pappmaschee, eine Nachbildung der Gestalt von Edvard Munchs berühmtem Kunstwerk „Der Schrei“, erklärt sie. „Der Rhein-Main-Bürger nachts um drei.“

    Die Bürgerinitiative gegen den Fluglärm, die Montagsdemonstrationen tun der 51-Jährigen gut, helfen ihr dabei, ihre Wut auf die Maschinen am Himmel zu kanalisieren. Jeden Montag wird nach Feierabend für die Demo gebastelt. „Ich dachte ja eigentlich immer, Demonstranten sind Linke, Terroristen. Aber hier ...“ – eine ausholende Geste über die versammelte Menge im Terminal 1 – „alles ganz normale Leute.“

    Gerd Müller hat die Seite gewechselt

    Dass er sich jemals unter Demonstranten mischt und auf die Straße geht, hätte auch Gerd Müller bis vor ein paar Monaten nicht gedacht. 45 Jahre bei der Polizei haben ihn geprägt. Bei Fußballspielen stand er Fanmengen gegenüber, war selbst bei Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und die Startbahn West vom Frankfurter Flughafen im Einsatz, befand sich aus, heutiger Sicht betrachtet, auf der anderen Seite. „Schrecklich, wenn ich daran denke, wie sich die Hundertschaften damals im Wald mit den Gegnern geprügelt haben“, erinnert sich der Pensionär.

    Ruhig und still läuft er mit dem Strom durch das Terminal. Er trägt wie die anderen Laubenheimer das gelbe Shirt, aber er brüllt keine Parolen, schwenkt keine Plakate. Das ist nicht sein Naturell. Müller will seinen Protest gegen mehr Flugzeuge am Himmel allein durch die Teilnahme an den Montagsdemos zum Ausdruck bringen. „Einfach mit dabei sein, das Terminal füllen – vielleicht hilft das.“

    Vor 25 Jahren haben Gerd Müller und seine Frau ihre Eigentumswohnung mit kleinem Garten in Laubenheim bezogen. Erst vor Kurzem, pünktlich zur Pensionierung, war der Kredit für die eigenen vier Wände abbezahlt. „Mein Leben lang habe ich dafür gearbeitet“, seufzt Müller. „Ich habe dafür gelebt, mich jetzt an meiner Oase zu Hause erfreuen zu können.“ Doch das kann der 64-Jährige nicht. Beim Einzug 1987 war der Flughafen in Frankfurt auch schon da. Auch damals brummten Flugzeuge über die Wohnung der Müllers – „aber eben nicht in diesem Ausmaß“. In den vergangenen zwei Jahren hat der Fluglärm die Grenze des Erträglichen für Gerd Müller überschritten.

    700.000 Flugbewegungen bis 2020

    Knapp 500.000 Flugbewegungen sind es derzeit, 700.000 sollen es bis zum Jahr 2020 werden, wenn nach der neuen Nordwest-Landebahn auch das geplante neue Terminal gebaut ist. Flughafenbetreiber Fraport will so der steigenden Nachfrage von Passagieren und Airlines gerecht werden. „Wir haben hier eine Fürsorgepflicht“, versucht Sprecher Dieter Hulick zu erklären. Die neue Landebahn und mehr Luftbewegungen seien notwendig, weil der Flughafen in seiner vorherigen Gestalt die Kapazitätsgrenze erreicht hatte. Vielen Airlines konnten keine Zeitfenster zum Starten und Landen, sogenannte Slots, mehr angeboten werden. Nüchterne, wirtschaftliche Argumente eines großen Unternehmens, die schwer zu vermitteln sind, wenn ihnen emotionale Schicksale einzelner Menschen in der Rhein-Main-Region entgegenstehen.

    Montag, Dienstag, Mittwoch, das ist ganz egal, jeder Tag mit Fluglärm ist 'ne Riesenqual. Darum sind wir hier, und darum sind wir laut! Die Fraport hat unseren Lebenstraum versaut! Die Fraport hat unseren Lebenstraum versaut! Wie schön, wenn einmal Ruhe wär! Doch das ist hier schon lange her! Wie schön, dass wir zusammen sind, heut protestieren Mann und Frau und Kind!

    In Mainz-Laubenheim sitzt Elischa, der jüngste Spross der Nischells, in seinem Zimmer auf dem Boden und malt. Um den Vierjährigen herum liegen Legosteine und -figuren, ein Lego-Flugzeug hat er auch. An der Zimmerdecke baumelt eine Holzlampe in Form eines Propellerfliegers. „Wir haben ja nichts gegen den Flughafen und Flugzeuge“, sagt Mutter Angelika. Eine Zwischenlösung, einen Kompromiss zwischen Mensch und Natur auf der einen und dem Flughafen auf der anderen Seite sollte es aber geben.

    Südumfliegung ist der Strich durch die Rechnung

    Die Wahl für den Standort des Eigenheims fiel bei der Familie vor zehn Jahren auf den Stadtteil Laubenheim wegen seiner zentralen Lage, aber doch viel Natur ringsherum. Und für das neue Zuhause galt: Da rund 70 Prozent des Jahres Westwind herrscht, fliegen 70 Prozent des Jahres auch keine Flieger über das Haus. Denn die steuern ja nur bei Ostwind über Laubenheim den Flughafen Frankfurt an.

    Die aus dem Flughafenausbau resultierende Südumfliegung macht jetzt einen Strich durch die Rechnung. In den bisher ruhigen 70 Prozent des Jahres brummen nun die startenden Flieger über das Haus. „Eine Katastrophe“, findet Norbert Nischell. Die vier Kinder spielen nur noch ungern draußen, dabei könnten sie das im ländlich geprägten Laubenheim so wunderbar. Beim Einradfahren oder auf dem Fußballplatz, „die Flugzeuge sind immer da“, seufzt der 14-jährige Joshi. „Ich versuche, das auszublenden, aber die Flugzeuge sind unterschiedlich laut, und so wird man immer wieder daran erinnert.“

    „Die Bahn muss weg! Die Bahn muss weg!“ – Ulrike Post flüchtet regelmäßig vor den Fliegern und dem Lärm aus ihrem eigenen Zuhause. Am Wochenende geht es oft zu den Eltern nach Köln, „um mal wieder richtig auszuschlafen“. Wenn es ganz schlimm ist, hilft nur noch absolute Stille. „Dann fahre ich in ein Kloster“, versucht sie den Lärm der Mitdemonstranten im Terminal zu übertönen. Im vergangenen Sommer verbrachte sie eine Woche bei den Franziskanerinnen auf der Insel Nonnenwerth, zuletzt vier Tage in einem Kloster in Fulda. „Ich bin ein Lärmflüchtling“, sagt sie lächelnd.

    Im Alltag gelingt es kaum, dem Fluglärm zu entfliehen. Eine Auszeit gibt es für Ulrike Post auch während der Arbeit nicht, denn über die Schule in der Mainzer Innenstadt wird ebenfalls geflogen. Lüften während des Unterrichts ist „unmöglich, wenn man die Schüler noch verstehen will“, sagt Post. An denen geht die Lärmbelastung auch nicht spurlos vorbei, meint die Lehrerin beobachten zu können. Vor allem Kinder aus der Oberstadt und den westlichen Mainzer Stadtteilen seien oft müde und könnten sich nur schwer konzentrieren.

    Der Frust wächst und wächst

    Ein paar Meter weiter hinten im Strom der Demonstranten läuft mit hängenden Schultern Gerd Müller. Körperliche Auswirkungen durch den Lärm konnte er bei sich bisher noch keine feststellen, er fühlt sich fit. Aber die Situation schlägt ihm aufs Gemüt, der Fluglärm macht ihn regelrecht aggressiv. Nicht selten schallt ein „Scheiß Flieger!“ durch den Garten. „Ich habe oft Frust. Ein Blick gen Himmel, und ich fluche. Die Freude am Leben wird mir genommen“, versucht er zu beschreiben, was die derzeitige Situation in ihm auslöst. 20 Jahre lang hat er bei der Mordkommission ermittelt, regelmäßig an Tatorten mit mehreren Toten gestanden. Das sei alles irgendwie zu verarbeiten gewesen, sagt er. „Aber das hier setzt Gefühle in mir frei, von denen ich nicht dachte, dass ich sie einmal haben würde.“

    Gerd Müller blickt sich um. Bei der Masse an Menschen, die sich mit ihm durchs Terminal schiebt, sei so einiges Geschimpfe sicherlich überzogen. Er selbst will nicht übertreiben. Er kann ohne Ohrstöpsel schlafen, wurde von den Flugzeugen nie aus dem Schlaf gerissen – und sieht auch die Forderungen der Demonstranten nach Stilllegung der neuen Nordwest-Bahn und die Diskussion um das Nachtflugverbot kritisch. „In der Bahn stecken Milliarden drin, die wird sicherlich nicht wieder abgerissen“, schüttelt er den Kopf. Unrealistisch seien solche Hoffnungen. Dass die Bahn nicht genutzt, eine andere Lösung für die Südumfliegung gefunden wird, damit rechnet er auch nicht. Ähnlich wie bei Stuttgart 21, findet Müller, hätte man früher auf die Straße gehen sollen.

    Die Frage, ob es zu spät war, sich erst vor rund einem Jahr mit der Bürgerinitiative gegen den Fluglärm zu wehren, quält auch Familie Nischell oft. Umso engagierter sind alle sechs jetzt im Kampf gegen die Flieger über dem Haus. An den Innenseiten der Scheiben des Familienautos kleben Flyer mit den Ankündigungen der nächsten Demonstrationen. An der Hausfassade hängt an manchem Tag ein Protestplakat, selbst gebastelt für eine der Demos. Strahlend kommt der kleine Elischa auf Mama und Papa im Wohnzimmer zugelaufen, mehrere Blätter Papier in der Hand, die blonden Locken auf dem Kopf hüpfen auf und ab. „Fertig malt!“ Stolz präsentiert er seine Bilder. Schwarze Flugzeuge, die über einen grauen Himmel fliegen, sind auf jedem von ihnen zu sehen, darunter bunte Häuser oder Menschen, die den Kopf in Richtung Himmel recken.

    „Blöde Flugseuge!“, erklärt Elischa seinen Eltern. Die wundern sich über solche Kunstwerke ihres Kleinsten schon lange nicht mehr. Die Kinder beschäftige das Thema eben auch, sie seien ja genauso betroffen. „Bedenklich sind solche Bilder trotzdem irgendwie“, findet Angelika Nischell, Sorgenfalten auf der Stirn.

    Einfach weggehen?

    „Die Bahn muss weg! Die Bahn muss weg!“ – Ulrike Post hat schon Ernst gemacht und sich wegbeworben aus der Region. Ihr war sogar schon eine neue Stelle an einer Schule im Rheinland sicher – doch ihr Mann fand dort keinen neuen Job. „Spätestens, wenn wir in Rente gehen, ziehen wir aber weg“, sagt sie entschieden. Bis dahin sind es aber noch etwas mehr als 16 Jahre.

    Auch Gerd Müller spricht oft davon, in Laubenheim alles hinzuschmeißen und irgendwo hinzuziehen, wo Ruhe herrscht. Eigentlich mag er aber gar nicht daran denken. Denn wegzuziehen, „das sagt sich so leicht“. Der Sohn lebt auch in Mainz-Laubenheim, die Eltern liegen dort begraben. Seit 1966 ist das Ehepaar Müller in der Landeshauptstadt verwurzelt. „Ich habe hier meinen Freundeskreis, meine Kumpels, meinen Sport. Jetzt, wo ich pensioniert bin, habe ich endlich wieder Zeit für das alles.“ In seinem Alter die sozialen Kontakte aufzugeben und irgendwo noch einmal ganz von vorn anzufangen – „eigentlich kann ich mir das gar nicht vorstellen“, schüttelt er den Kopf. „Es würde ja auch so viel verloren gehen, ich weiß nicht, ob das mit Ruhe aufzuwiegen ist. Der Schmerz, alles, was mir am Herzen liegt, zu verlieren, wäre noch größer als die Wut über den Fluglärm.“

    Für die Nischells kommt ein Umzug aus ganz anderen Gründen nicht infrage. „Wir sehen es einfach nicht ein, aufzugeben“, sagt Mutter Angelika trotzig. Mittlerweile sitzt die Familie im Zug, hat sich auf den Weg gemacht. Auch sie wollen an diesem Montag wieder am Frankfurter Flughafen demonstrieren. Auch sie tragen jetzt die gelben T-Shirts der Laubenheimer Bürgerinitiative, im Gepäck: Kopfhörer, Tamburin und Protestplakate. Der kleine Elischa hat eins seiner Bilder auf Pappe geklebt und mitgenommen. „Wir haben keine Lust, uns fremdbestimmen zu lassen. Ich will nicht, das die Fraport darüber entscheidet, wann und ob wir es uns im Garten gemütlich machen können“, erklärt Angelika Nischell weiter. Gesundheitliche Auswirkungen seien vielleicht ein Grund, Laubenheim zu verlassen. Aber so lange wie möglich will die Familie ihr Eigenheim behalten, will nicht resignieren.

    Uns're große Demo, die hat einen Grund, wir woll'n hier weiter leben, glücklich und gesund. Tausende von Fliegern über meinem Haus! Ich schrei so laut ich kann: Ich halt den Krach nicht aus! Ich schrei so laut ich kann: Ich halt den Krach nicht aus! Wie schön, wenn einmal Ruhe wär! Doch das ist hier schon lange her! Wie schön, dass wir zusammen sind, heut protestieren Mann und Frau und Kind!

    Je näher der Zug dem Flughafen kommt, desto voller wird er. Immer mehr Menschen mit T-Shirts in grellen Farben und Plakaten drängen sich in die Waggons. „Toll“, strahlt Mutter Angelika. „Man trifft schon auf dem Weg Gleichgesinnte und fühlt sich nicht mehr so allein mit seinem Anliegen.“

    Hoffen auf neue Techniken

    „Die Bahn muss weg! Die Bahn muss weg!“ – Je mehr Menschen jeden Montag durch Terminal 1 des Flughafens ziehen, desto ernster würden die Anliegen der Bewohner des Rhein-Main-Gebietes von Fraport und Politik vielleicht genommen, hofft Gerd Müller. Er setzt auf eine Kapazitätsbegrenzung, eine festgeschriebene Anzahl an Starts und Landungen am Frankfurter Flughafen. Ein neues Fluglärmgesetz sollte seiner Meinung nach auch her.

    Und Müller hofft auf den Fortschritt: Neue technische Möglichkeiten, leisere Flugzeuge und geänderte Anflüge auf den Flughafen, die bei der derzeitigen Anzahl an Flugzeugen über seinem Zuhause für mehr Ruhe sorgen könnten. Fraport, Airlines und die Deutsche Flugsicherung suchen hier bereits nach Möglichkeiten der Lärmreduzierung.

    Bei schönem Wetter wieder auf der kleinen Terrasse der Eigentumswohnung frühstücken – davon träumt der 64-Jährige. Momentan mache das keinen Spaß. „Man versteht nicht, was der andere erzählt, und hat nach einer halben Stunde keine Lust mehr“, erklärt Müller. „Ätzend ohne Ende“ sei das. Auch Freunde lädt das Ehepaar nur noch dann zu sich nach Laubenheim ein, wenn der Wetterdienst im Internet keinen Ostwind vorhersagt. Die landenden Flieger sind so laut, es sind so viele, dass sich die Müllers für ihren Wohnort schämen. „Freunde schütteln den Kopf und finden es nicht schön, wie wir wohnen. Dabei habe ich dafür doch mein ganzes Leben gearbeitet.“ Gerd Müller bleibt abrupt stehen. Eine Gruppe Anzugträger mit Koffern sucht sich genau vor ihm einen Weg durch die Karawane der Demonstranten zu den Schaltern der Airlines. Viele beäugen den Protest grimmig, andere grinsen.

    „Die Bahn muss weg! Die Bahn muss weg!“ – Im Takt recken Norbert Nischell und sein Jüngster ihre Plakate in die Höhe. „Vielleicht bringen wir den ein oder anderen von ihnen ja zum Nachdenken, ob sein Flug überhaupt notwendig ist“, überlegt Norbert Nischell mit Blick auf die Reisegäste an den Schaltern im Terminal 1. Denn wenn man sich über zu viele Flugzeuge am Himmel beschwert, muss man bei sich selbst anfangen, findet die Familie. Dass sie das letzte Mal in den Urlaub geflogen sind, liegt rund ein Jahrzehnt zurück. Das Auto wird in Mainz meistens stehen gelassen und stattdessen Fahrrad oder Bahn benutzt. „Erdbeeren im Winter brauchen wir auch keine.“

    „Die Bahn muss weg! Die Bahn muss weg!“ – Ulrike Post reibt sich den Hals. Am nächsten Tag wird sie wieder heiser vor ihren Schülern stehen – wie jeden Dienstag. Die Lehrerin wird des Protests gegen den Fluglärm nicht müde. „Und je mehr ich protestiere, desto mehr wächst mir die Gegend hier ans Herz. Eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, ob ich jemals wieder wegziehen möchte.“  Anna Lampert

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