Separatisten nutzten die Not der Menschen - Bewegung zerbrach vor 100 Jahren am Widerstand der Bevölkerung
Separatismus in der Region: Im Jahr 1923 drohte Blutbad in Nassau
Fotostudio Jörg
Umzug der Nassauer Feuerwehr 1929 mit der ersten Motorspritze: 1923 stieß eine Gruppe von Separatisten auf den Widerstand der Feuerwehr, was damals wahrscheinlich eine blutige Auseinandersetzung verhindert haben dürfte.
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Nassau. Es waren Jahre der bittersten Not, die dem Ende des Ersten Weltkrieges folgten. Der damalige Unterlahnkreis geriet unter französische Besatzung. Im Stein’schen Schloss saß die französische Ortskommandantur. Die dramatischen Entwicklungen des Jahres 1923 schildert Herbert Baum vom Nassauer Geschichtsverein.

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Umzug der Nassauer Feuerwehr 1929 mit der ersten Motorspritze: 1923 stieß eine Gruppe von Separatisten auf den Widerstand der Feuerwehr, was damals wahrscheinlich eine blutige Auseinandersetzung verhindert haben dürfte.
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Auf der Burg Nassau wehte die Trikolore. „Das war auch noch nicht da gewesen“, stellte Bäckermeister Wilhelm Elbert angesichts der blau-weiß-roten Fahne auf Nassaus Wahrzeichen fest. Zur Erinnerung an die Opfer des Krieges und zur Ermahnung stiften Nassauer Bürger 1923 einen Gedächtnisbrunnen. Noch heute ist zu lesen, was dort in Stein gemeißelt steht: „Von 430 Männern, die auszogen, Heim und Herd zu schützen, kamen 50 nicht wieder.“

An die Stelle der Mark trat städtisches Notgeld (Rhein-Lahn-Zeitung berichtete kürzlich: „Vor 100 Jahren: Hyperinflation“). Einer, der die Ereignisse des Jahres 1923 aus der Nähe erlebte, war der junge Stadtsekretär Karl Philipp Lotz aus Hömberg. In seinem Augenzeugenbericht „Blutbad drohte in Nassau“, erschienen im „Rhein-Lahnfreund“ 1973, schildert er ein dramatisches Ereignis, von dem uns heute 100 Jahre trennen.

Hunger und Arbeitslosigkeit

Überall flackerten in den Nachkriegsjahren Hungerrevolten als Folge von Arbeitslosigkeit und Inflation auf. Als Anstifter der Unruhen sieht Karl Philipp Lotz die Separatisten. Sie strebten unter dem Schutz der französischen Besatzung die Abspaltung des Rheinlands an. Im August 1923 schlossen sich in Koblenz unterschiedliche Gruppen zusammen, im Oktober besetzten Separatistentrupps mehrere Städte, und am 21. Oktober riefen sie in Aachen die Rheinische Republik aus.

In Nassau widersetzte sich der Bürgermeister Dr. Schlößin den Anordnungen der Besatzungsbehörde, er kam im Hotel Schloss Langenau in Bad Ems in Haft. Der Erste Bürobeamte, Stadtobersekretär Gabel, wurde ausgewiesen. Die Separatisten verstärkten ihre Drohhaltung. „Der Separatistenführer Karl Kaffine terrorisierte mit seinen bewaffneten Banden das untere Lahntal“, schildert der Zeitzeuge Lotz seine Erlebnisse.

„Es dürfen nicht mehr als drei Personen zusammenstehen.“

Eine Anordnung der Ortskommandatur von 1923

Es waren unruhige Tage und Wochen. Oft gab es Alarm. Kaffines Leute hatten fast alle Verwaltungen besetzt, nur Nassau nicht. „Eines Tages war es so weit“, schreibt Lotz. Man hatte aus Bad Ems erfahren, dass ein Kommando das Rathaus in Nassau stürmen wollte. Mit Anordnung vom 24. Oktober 1923 verbietet die Ortskommandantur Ansammlungen auf den Straßen und verfügt: „Es dürfen nicht mehr als drei Personen zusammenstehen.“

Dessen ungeachtet rüstet sich die Bürgerschaft. Der Zugang zum Rathaus sollte mit Waffengewalt verwehrt werden. Rund um die Treppe und an den Fenstern standen Schützen, „alles entschlossene Männer“, mit Jagdflinten, Karabinern und Armeepistolen. In der Ausgabe des „Nassauer Anzeigers“ vom 24. Oktober ist zu lesen: „Bis jetzt ist es den Rheinischen Separatisten noch nicht gelungen, das hiesige Rathaus zu besetzen. Große Arbeiter- und Bürgermassen halten Tag und Nacht Wache.“ Tags darauf sollte die entscheidende Kraftprobe stattfinden.

Anfahrt über die Emser Straße

„Nach unseren Abwehrplänen sollte die Feuerwehr die Separatisten in der Emser Straße unter Wasser nehmen“, so Lotz. „Am 25. Oktober kam ein mit bewaffneten Separatisten besetzter Lastwagen von Bad Ems aus angefahren. In der Emser Straße wurde er prompt von den Wasserspritzen der Feuerwehr eingedeckt, so daß der Wagen schnellstens nach Bad Ems zurückfuhr.“ Wäre der Kommandotrupp in das Rathaus eingedrungen, hätte es ein Blutbad gegeben, ist sich Karl Philipp Lotz sicher.

Eine Woche später schlug Kaffine Verhandlungen vor, was in Nassau schroff abgewiesen wurde. Kaffine wurde beschieden, er sei ein toter Mann, wenn er das Rathaus betrete. „Nun ließ man uns in Ruhe. Nassau wurde nicht ,erobert'“, schrieb der Zeitzeuge 50 Jahre später nieder. Anfang 1924 zerbrach der „Separatistenunfug“ am Widerstand der Bevölkerung, stellte Karl Philipp Lotz in seinem Bericht erleichtert fest. red

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