Dass er einer der besten Bergsteiger aller Zeiten ist, sieht man Thomas Huber nicht unbedingt an. In Bluejeans, schwarzem T-Shirt und Adidas-Sneakern steht er am Samstagabend auf der Bühne der Antonius-Halle in Liebshausen und blickt mit wachen Augen ins Publikum. Die Halle ist restlos ausverkauft, knapp 450 Besucher haben einen Platz bekommen. Die meisten wissen, was Huber erreicht hat. Jetzt wollen sie von ihm persönlich seine Geschichten von Erstbesteigungen, Geschwindigkeitsrekorden am Berg und dem Leben am absoluten Limit hören.
Der Vortrag beginnt mit Völkerverständigung. Huber spricht im oberbayerischen Dialekt seiner Heimat im Berchtesgadener Land. „Versteht’s ihr mi?“, will er wissen. Lachen im Saal, hochgereckte Daumen, zustimmende Zurufe. Alles klar, los geht’s.

In den folgenden knapp drei Stunden nimmt Thomas Huber seine Zuhörer mit auf eine Reise um die Welt – in die Alpen und die Dolomiten, ins Yosemite Valley in den USA, nach Alaska und ins pakistanische Karakorum. Es geht zu steilen Bergwänden, die viele Hundert Meter senkrecht emporragen und die Huber – oft gemeinsam mit seinem Bruder Alexander – in atemberaubender Geschwindigkeit hinaufklettert. Als Huberbuam machen sich die Brüder einen Namen.
„Wir waren über zehn Jahre maximal erfolgreich“, erzählt Huber. „Wir waren das Team, das das Klettern bestimmt hat – mit Speedklettern.“ Die Brüder erklimmen Bergwände in Stunden, für die selbst geübte Seilschaften normalerweise Tage brauchen. Huber ist ein lebhafter Erzähler. Bilder und Videos, die er auf einer großen Leinwand einspielt, unterstreichen seine Worte. Mal krallt er sich mit bloßen Händen in den Fels, mal kämpft er sich durch eine tief verschneite Gebirgslandschaft – und immer wieder steht er auf hohen Gipfeln, ein breites, befreites Lachen im Gesicht.

„Auf dem Gipfel gibt es nichts über dir, nichts neben dir“, sagt Huber. „In den Bergen ist Freiheit.“ So lautet auch der Titel seiner Autobiografie, aus der er kurze Auszüge vorliest. In den Bergen werde er „ein Jäger des eigenen Glücks“.
Dafür geht Huber große Risiken ein. Seine Aufstiege sind oft genug Gratwanderungen. Und nicht immer gehen sie gut aus. Huber selbst stürzt im Juli 2016 gut 16 Meter im freien Fall in die Tiefe. Er zieht sich eine Schädelfraktur zu, kommt aber mit dem Leben davon. Einen Monat später klettert er schon wieder.
Andere haben weniger Glück. Huber berichtet von Freunden, die ihr Leben am Berg verloren haben. „Der Tod ist ein launiger Geselle“, sagt er. „Er kommt nicht erst, wenn man bereit ist.“ Umso wichtiger sei es, das Leben auszukosten. „Jeder einzelne Moment ist einzigartig.“

Daraus folgt eine gute Nachricht für alle Nicht-Bersteiger: Man muss keine Gipfel erklimmen, um glücklich zu sein. Aber: „Man muss neugierig sein“, sagt Huber. „Die Neugier ist das Holz für das Feuer, das in dir brennt.“ Seinen Zuhörern rät Huber, mutig zu sein: „Seid im Innern ein Bergsteiger!“
Zwei weitere Botschaften hat Huber an diesem Abend noch im Gepäck. Auf seinen Reisen habe er gesehen, wie wunderbar die Welt sei. „Wir alle haben die große Verantwortung, eine Welt zu hinterlassen, die lebenswert ist“, betont er. Und er fordert mehr Menschlichkeit. Er habe „alle Kontinente, Kulturen und Religionen kennengelernt. Wenn ich nach Deutschland zurückkomme, wundere ich mich, wie wenig Toleranz wir für andere aufbringen.“

Hubers Auftritt in Liebshausen wurde ermöglicht vom örtlichen Bauunternehmer Volker Schmitt, selbst ein begeisterter Alpinist. „Für mich gibt es kaum etwas Befreienderes, als in den Bergen zu klettern“, erzählt Schmitt. „Dann zählt nur der Moment, dann bin ich ganz bei mir.“
In den vergangenen Jahren hatte Schmitt schon mehrfach prominente Bergsteiger für Vorträge nach Liebshausen geholt. Wie in der Vergangenheit wurde auch dieses Mal der Erlös der Veranstaltung gespendet. Insgesamt kamen 14.000 Euro zusammen, die zu gleichen Teilen an die Tafel Rhein-Hunsrück und an „HELFT UNS LEBEN“, die Benefizaktion unserer Zeitung, gehen.


