„Lass uns doch für vier Wochen ein Gastkind aufnehmen.“ Dieser Satz von Sabine Schwarz, die damals selbst zwei kleine Kinder hatte und deshalb vorübergehend zu Hause war, führte 1992 zu einer Begegnung, die einem Mädchen aus Belarus das Leben rettete und das Leben des Ehepaares Rainer und Sabine Schwarz über viele Jahre immer wieder auf den Kopf stellte.
Olga hat einen tödlichen Herzfehler
Der Gutenberger Verein „Den Kindern von Tschernobyl“ organisierte Erholungsaufenthalte für Kinder aus der vom radioaktiven Fallout des Reaktorunglücks im ukrainischen Tschernobyl besonders betroffenen Region um die weißrussische Stadt Gomel. Sie bekamen die zehnjährige Olga zugeteilt, ein schüchternes, blasses Mädchen, dass vor allem durch die etwa gleichaltrige Tochter Kathrin der Familie Schwarz nach und nach Zutrauen fasste. Als Sabine Schwarz am Ende des Aufenthaltes Olgas Koffer packte, fand sie ein Medikamentenfläschchen mit russischer Aufschrift. Auf Nachfrage bei der Dolmetscherin stellte sich heraus, das Ola, wie sie genannt wird, einen angeborenen Herzfehler hat.
Olas Familie war darüber informiert, sie hatten von den Ärzten in Minsk gesagt bekommen, ihr Kind sei noch zu jung für eine Operation. Damit hätten sich die meisten wahrscheinlich zufriedengegeben, nicht aber Sabine und Rainer Schwarz. Sie setzten alle Hebel in Bewegung, um Olga im darauffolgenden Jahr erneut zu sich einzuladen, und organisierten für ihren nächsten Besuch einen Termin bei einem Kardiologen in Bad Münster am Stein. Das Ergebnis war alarmierend: Das Kind müsse innerhalb eines Jahres operiert werden, um eine Überlebenschance zu haben, so die Ärzte. Es folgte eine fieberhafte Suche von Sabine und Rainer zuerst nach einem Herzchirurgen, dann nach einer Spendenquelle, um die Operation in Deutschland zu finanzieren.
Wie Familie Schwarz das Leben von Olga rettete
Es klappte wie durch ein Wunder innerhalb von 24 Stunden. „Das war schon ein Gänsehaut-Moment“, sagt Rainer Schwarz. Professor Dahm von der Universitätsmedizin Mainz und sein Team erklärten sich bereit, das Mädchen kostenlos zu operieren, und einen Tag später meldete sich „Helft uns leben“ und teilte mit, dass der Verein die Kosten für den Krankenhausaufenthalt übernimmt. Beim nächsten Aufenthalt 1994 wurde Ola operiert und in der Folge waren noch zwei weitere Operationen 2003 und 2007 erforderlich. Auch hier suchten Rainer und Sabine Schwarz jeweils unter enormem Zeitdruck nach Spendengeldern.
„Helft uns leben“ beteiligte sich an der zweiten OP noch einmal mit 5000 Euro. „Es war ein Geschenk für uns, das wir einem anderen Menschen das Leben retten durften“, das ist das Resümee von Sabine und Rainer Schwarz zur Geschichte ihrer Gasttochter Olga aus Belarus. Inzwischen ist sie 44, arbeitet als Krankenschwester, hat geheiratet und ist selbst Mutter einer Tochter. Das 2012 geborene Mädchen trägt den Namen Sabine. Beide Seiten halten weiterhin Kontakt, Familie Schwarz war zur Hochzeit in Minsk eingeladen und besuchte zuletzt 2017 ihre weißrussische Tochter.


