Tag des offenen Ateliers
Philippe Devaud: Zum 70. sein fünftes Selbstporträt
Der Künstler und sein neuestes Monumentalwerk: „Ich, als Narr auf der Flucht vor der Imperialen Überdehnung“. Links der noch nicht fertige Ferrari.
Ute Müller-Devaud

Bei den Tagen des offenen Ateliers zeigt der Künstler aus Rinzenberg neue und alte Werke auf selbstgeschöpftem Papier aus Maulbeerbaumfaser.

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Kunstinteressierte haben wie jedes Jahr die Möglichkeit, das Atelier von Philippe Devaud in Rinzenberg in der Hochwaldstraße 32a zu besuchen. Unter anderem neue Werke von über zwei Meter Größe sind an den kommenden beiden Wochenenden, am 20. und 21. sowie am 27. und 28. September, von 14 bis 18 Uhr zu sehen – an allen Öffnungstagen bietet der Künstler um 16 Uhr eine Werkeinführung an.

„Eventuell, scheinbar oder auch ganz real“ habe für ihn eine märchenhafte Zeit begonnen, beschreibt der freischaffende Künstler Philippe Devaud, der in diesen Tagen 70 Jahre alt geworden ist, seine aktuelle Schaffensphase. „Sieben auf einen Streich, die magischen sieben Regenbogenfarben, die sieben sichtbaren Planeten oder die sieben Weltwunder. Kann die neue Lebensdekade eine magische Zukunft versprechen? Zeit für eine kritische Selbstreflexion“, thematisiert der Schweizer den runden Geburtstag.

„In meiner Heimat sagt man: ‚Wenn man stirbt, macht man den Schirm zu’. Nun habe ich mich dem Thema trotzig gestellt“, fügt er hinzu. Dieses Jahr habe er ein „brutales und ambivalentes fünftes Selbstporträt“ geschaffen – „ein Balanceakt zwischen Selbstverliebtheit und Selbstkritik, denn Ausgewogenheit scheint zurzeit eine überholte Norm zu sein“, wie er sagt.

Der Titel des Werkes auf selbst geschöpftem Maulbeerbaum-Papier lautet: „Ich, als Narr auf der Flucht vor der Imperialen Überdehnung“. Devaud dazu: „Wir leben in einer Wirklichkeit der Dramatisierung von Differenzen, und es stellt sich die Frage nach der Flucht und ob diese überhaupt gelingt, denn die heutige Normalität ist die Polarisierung.“

Sein ganzes Leben lang habe ihn die Frage beschäftigt: „Ist Kleinbeigeben okay oder nicht? Wie halte ich mich fern von Anklägern, welche eine Debatte ohnehin nicht führen mögen? Ähnlich wie das Bambusrohrprinzip scheinen sich alle zu biegen, damit sie nicht brechen. Doch ich halte den kurzen Bambusstock, der sich nicht biegen lässt, fest in meinen abgearbeiteten Händen.“

Der Künstler „missbraucht“ nach eigenen Angaben „als vergängliches Schiffchen einen chinesischen Papierschirm, auf dem er seinen vollen Überlebenskoffer mitnimmt. Eine ausgewählte Fracht auf einer wackeligen Fahrt in eine ungewisse Zukunft?“ Zwei Urnen, Pinsel, ein teures lichtechtes Farbpigment, der Schweizer Pass, Geld und das neue Buch über Europa vom Philosophen Peter Sloterdijk mit dem vielsagenden Titel „Der Kontinent ohne Eigenschaften“ sind zu sehen.

Szenen von Krieg und Verderben bilden den Hintergrund des Selbstporträts. Auch das chinesische Kuscheltier Labubu habe es auf das Gemälde geschafft „als Fellersatz für unser schutzloses Dasein“, sagt Devaud. An der Wand lehnen zwei Gemälde: vorne der „Turmbau zu Babel“, dahinter das UN-Gebäude in New York.

An der rechten Bildkante ist ein kleiner gemalter Zettel an dessen zerschossene Mauer genagelt. Er zeige die sogenannte ’Blaue Banane’ auf einer kleinen europäischen Landkarte, sagt Devaud. Es seien die Umrisse des alten europäischen Verdichtungs- und Ballungsraumes. Dieses Gebiet habe sich von Manchester über den Rhein bis nach Genua in Oberitalien gestreckt. „In den vergangenen 500 Jahren wurden hier die meisten Patente angemeldet – und heute? Als Optimist glaube ich an diese Fähigkeiten, denn ich bin überzeugt, es ist das Handwerk und nicht das Hobby, was die Welt weiterbringt“, interpretiert Devaud sein eigenes Werk.

Auch das Porträt eines Schweizer Industriellen ist beim offenen Atelier zu sehen. Er stützt sich auf seinen Ferrari. Beide sind Jahrgang 64. Die Untermalung für das Ölgemälde mit einer Leinwandbreite von 2,5 Meter wartet noch auf das typische Ferrari-Rot. „Es ist eine Auftragsarbeit über einen Zeitraum von drei Jahren“, erläutert Devaud.

Mehr Infos: www.artofdevaud.com

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