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    Sinzig

    Verwunschen und vergessen: Lost Places auf der Spur

    Der Übergang von Verlassen zu Verfall und Vergessen ist ein langsamer, ein gnadenloser Prozess, der das Fotografenpaar Anna und Roman Küffner fasziniert. Ihn dokumentieren sie mit der Kamera.

    Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

    Ein früherer Prachtbau, der dem Verfall ausgesetzt ist. Wo das Fotografenpaar verlassene Orte wie diesen findet, verrät es nicht.
    Ein früherer Prachtbau, der dem Verfall ausgesetzt ist. Wo das Fotografenpaar verlassene Orte wie diesen findet, verrät es nicht.
    Foto: Anna und Roman Küffner

    Die prächtige Villa: verlassen. Das Klassenzimmer: verwaist. Eine andere Fotografie zeigt ein ödes, muffig wirkendes Klassenzimmer, in dem seit Ewigkeiten kein Unterricht mehr stattfindet – und doch stehen die Holzpulte noch halbwegs ordentlich gereiht in dem Raum. Und dort, das Schwimmbad: menschenleer, die Fliesen sind verwittert, gerissen, matt. Der Zahn der Zeit frisst unaufhaltsam an all diesen Orten. Der Übergang von Verlassen zu Verfall und Vergessen ist ein langsamer, ein gnadenloser Prozess, in dem das Fotografenpaar Anna und Roman Küffner zu Zeugen eines Moments werden. Ihn dokumentieren sie mit der Kamera.

    Die beiden spüren europaweit verlasse Orte auf, Hotels, Schulen, Freizeitparks und vieles mehr. Sie gehen dorthin, wo vor Jahrzehnten das Leben spielte und jetzt Stille über einer ausgestorbenen Szenerie liegt, die zwar vereinsamt, verwunschen und oft marode ist, die aber stets auf eine belebte, oft sogar glanzvolle Vergangenheit hindeutet. Die Küffners lesen diese Spuren, mit ihren Fotografien machen sie sie offensichtlich.

    Verlassen, vergessen – auf der Bühne des ehemaligen Theaters blieb nur eine Schaufensterpuppe zurück, ganz so, als ob sie wie ein Wächter ein Auge auf das „Theatre bizarre“ behalten soll – so der Titel des Bildes.
    Verlassen, vergessen – auf der Bühne des ehemaligen Theaters blieb nur eine Schaufensterpuppe zurück, ganz so, als ob sie wie ein Wächter ein Auge auf das „Theatre bizarre“ behalten soll – so der Titel des Bildes.
    Foto: Anna und Roman Küffner

    Vom Projekt zur Profession

    Die beiden in Sinzig lebenden Fotografen, beide Jahrgang 1982, haben sich mit ihrer Fotografie auf sogenannte Lost Places, verlorene Orte, spezialisiert. Was vor Jahren ein Hobby war, professionalisierten sie, gründeten 2012 das gemeinsame Fotoprojekt „Blackbird Street“ und widmen sich inzwischen hauptberuflich der Fotografie.

    Seither suchen sie europaweit nach Orten, die schon vor langer Zeit ihre Funktion verloren haben. Meist sind es architektonisch interessante Gebäude wie ein mondänes Hotel, für das sich kein Investor mehr fand, ein marodes Schwimmbad, eine verlassene Heilanstalt, ein aufgegebenes Militärgelände. „Auf uns üben diese Orte eine besondere Anziehungskraft aus“, sagt Roman Küffner. Seine Frau Anna nickt, beschreibt die Faszination noch genauer. „Es schwingt immer noch viel von der Vergangenheit dieser Orte mit. Wir sehen die Schönheit in dieser Ästhetik der Abwesenheit.“ Treffender lässt sich der Charakter der Motive kaum ausdrücken.

    Anna und Roman Küffner sind fasziniert von sogenannten Lost Places.
    Anna und Roman Küffner sind fasziniert von sogenannten Lost Places.
    Foto: Anna und Roman Küffner

    Zumal die Küffners einen Stil entwickelt haben, der ihren Fotos einen rein dokumentarischen Charakter nimmt und ihnen einen fast malerischen Zug gibt. Dieser hebt das Mystische und Erhabene der verlorenen Orte hervor, mögen sie noch so baufällig sein. Sie bevorzugen Perspektiven mit Bildtiefe und fotografieren mit HDR-Technik, heißt, dass sie vom selben Motiv vom selben Standort aus mehrere Bilder mit unterschiedlicher Belichtung schießen und später am Computer übereinanderlegen.

    Farben und Details treten so feinsinnig betont hervor, die Atmosphäre der Orte verdichtet sich regelrecht: Im Festsaal eines einstmals prächtigen Herrensitzes hängen noch die schweren Vorhänge an den Fenstern, sind die Deckenmalereien bis ins Kleinste zu erkennen, zumindest dort, wo die Farbe noch nicht abblättert. In einem anderen Foto sind an einer Tafel in einem ehemaligen Lehrsaal einer verlassenen Universität noch mit Kreide gekritzelte, chemische Formeln zu lesen. Die Aufzeichnungen haben Jahre in Stille und Staub überdauert. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die in den Bildern des Fotografenpaares eine Brücke aus dem Hier und Jetzt zurück in ein fernes, vor dem Vergessen liegendes Leben schlagen.

    Staub liegt auf den Möbeln, das Zimmer an diesem vergessenen Ort ist verlassen und wirkt doch nicht so: Das gezeichnete Porträt auf dem Tisch, das den Betrachter unmittelbar anblickt, erweckt den Eindruck von Leben am vergessenen Ort.
    Staub liegt auf den Möbeln, das Zimmer an diesem vergessenen Ort ist verlassen und wirkt doch nicht so: Das gezeichnete Porträt auf dem Tisch, das den Betrachter unmittelbar anblickt, erweckt den Eindruck von Leben am vergessenen Ort.
    Foto: Anna und Roman Küffner

    Langer Atem gefragt

    Bis die Küffners allerdings ihr Stativ samt Kamera an einem verlassenen Ort aufstellen, brauchen sie häufig einen langen Atem. Von der teils langwierigen Recherche, wo in der Welt ein Gebäude von ihnen entdeckt werden möchte, einmal abgesehen: Ein Grundstück oder ein Haus zu betreten, ohne dafür eine Erlaubnis zu haben, kommt für beide nicht infrage – bis aber ein Ansprechpartner gefunden ist, kann es dauern. Und selbst wenn dies gelingt, kassieren die beiden häufig eine Absage. „Von zehn angefragten Orten können wir einen besuchen“, sagt Roman Küffner.

    Aus Erfahrung weiß er, dass Besitzer und Verwalter oft Vorbehalte gegen Erkunder von vergessenen Orten haben.
    Denn: In den vergangenen Jahren haben immer mehr sogenannte Urban Explorers Spaß daran gefunden, sich in verlassenen Gebäuden umzusehen, oft genug geht dabei etwas zu Bruch, wird etwas gestohlen, werden Graffiti gesprüht. Über solches Verhalten schütteln die Küffners nur den Kopf. „Wir respektieren den Ort“, sagt Anna Küffner – so sehr, dass sie und ihr Mann sogar darauf verzichten, Gegenstände oder Möbel vor Ort für das Foto zu arrangieren. Ihre Arbeiten bilden ab, wie sie einen Ort vorfinden – manchmal wirkt er überraschend belebt, etwa, wenn ein Oberbett noch aufgeschlagen auf dem Bett liegt, vom Schmutz der Jahre überzogen.

    Dieses Foto von einer verlassenen Sporthalle entstand im ukrainischen Prypjat. Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl wurde die Stadt aufgegeben.
    Dieses Foto von einer verlassenen Sporthalle entstand im ukrainischen Prypjat. Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl wurde die Stadt aufgegeben.
    Foto: Anna und Roman Küffner

    Die besondere Atmosphäre in den vergessenen Räumen, Sälen und Hallen will das Fotografenpaar erhalten, keinesfalls verfälschen oder gar zerstören. Ebenso wenig möchten die beiden mit ihren Fotos andere Lost-Places-Fans auf ihre Spur setzen und zu den Orten führen. Manche sind in der Szene zwar bekannt, andere aber stöbern die Küffners zuerst auf. Wo genau, verraten sie nicht, auch die Titel der Bilder lassen keine Rückschlüsse auf die Standorte zu.

    Ein verlassenes Klassenzimmer: Die Tische stehen noch immer halbwegs ordentlich aufgereiht.
    Ein verlassenes Klassenzimmer: Die Tische stehen noch immer halbwegs ordentlich aufgereiht.
    Foto: Anna und Roman Küffner

    Zu Besuch in einer Geisterstadt

    Es gibt aber auch Ausnahmen. Prypjat ist beispielsweise eine. Die Stadt in der Ukraine wurde nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 geräumt, sie ist eine Geisterstadt. Roman Küffner reiste dort vor einer Weile hin, gehörte zu einer kleinen Gruppe, die das Sperrgebiet betreten durfte. Natürlich hatte er die Kamera dabei, fotografierte dort die Verlassenheit, die sich über Sportplätze, Wohnungen und eine Säuglingsstation gelegt hat. Diese Reise hat den Fotografen beeindruckt, in Prypjat fand er im geballten Maß, was ihn und seine Frau an den verlorenen Orten so fasziniert: die Ästhetik der Abwesenheit.

    • Mehr Eindrücke von den Arbeiten des Fotografenpaars Küffner gibt es hier

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