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Koblenz

"Woyzeck" entsteht immer wieder neu

Wolfgang M. Schmitt

Georg Büchner war 23 Jahre alt, als er sich 1836 daranmachte, ein Stück zu schreiben, das aufgrund des frühen Todes des Autors 1837 Fragment blieb und erst 1913 uraufgeführt wurde. Es ist ein radikales Werk, vielleicht das radikalste, das die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Denn im Mittelpunkt steht eine Figur, deren Status in der Gesellschaft mehr als prekär ist. Eine Figur, die systematisch perfide gedrillt und zerstört wird, die vom Opfer zum Täter werden muss.

Ensemblemitglied Reinhard Riecke ist der neue Koblenzer Woyzeck in der ersten Schauspielneuproduktion zum Saisonstart. Foto:  Matthias Baus
Ensemblemitglied Reinhard Riecke ist der neue Koblenzer Woyzeck in der ersten Schauspielneuproduktion zum Saisonstart.
Foto: Matthias Baus

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

Sprachgewaltig lässt Büchner es in jeder Szene von „Woyzeck“ donnern: Kalt, grausam, unwirtlich ist diese Welt, die doch die Wirklichkeit ist. „‚Woyzeck‘ ist kein Stück“, sagt Olga Wildgruber, Regisseurin der Inszenierung am Stadttheater Koblenz, die am Samstag, 22. September, Premiere hat. „Es besteht aus vier Entwurfsstufen, die fragmentarisch enthalten sind. ‚Woyzeck‘ wird im Prinzip jedes Mal neu aufgeführt, da die Szenen immer neu kombiniert werden.“

Keine mutwillige Aktualisierung

Die eine ultimative „Woyzeck“-Fassung gibt es nicht, jeder Regisseur muss das Stück neu und für sich sinnvoll arrangieren. Wildgruber versuchte dabei, der möglichen Intention Büchners möglichst nahe zu kommen. Was der Autor dachte und wollte, interessiert die Regisseurin stets: „Das ist mein persönlicher Ansatz, wenn ich Theatertexte auf die Bühne bringe.“

Vordergründige Aktualisierungen wird es deshalb bei dieser „Woyzeck“-Inszenierung keine geben, vielmehr, erklärt das Team um Wildgruber im Vorgespräch, gehe es darum, die Offenheit des Stücks nicht einzuengen. „Da waren wir uns alle sehr schnell einig. Wir versuchen, die Grundkonflikte des Stücks darzustellen, diese sind zeitlos und allgemeingültig“, sagt Wildgruber.

Das soll auch die Bühne widerspiegeln, verrät Bühnenbildner Franz Gronemeyer: Er versucht, Woyzecks innere Welt auf die Bühne zu bringen. Dabei stellt das aus vielen kurzen Szenen bestehende Stück eine besondere Schwierigkeit dar. „Wie kann man einen Raum schaffen, indem diese schnellen Szenenwechsel möglich sind?“, fragte sich Gronemeyer. Mit allzu viel Konkretheit scheitert man da schnell. „Was von meinen Überlegungen übrig geblieben ist, ist eigentlich ein leerer Raum, mit ein paar Dingen.“ In ihm ereignet sich eine quälende Handlung: Der Titelantiheld wird auf Erbsendiät gesetzt, von der Obrigkeit wird er verlacht und schließlich verliert er noch das Einzige, was ihm Halt gibt: Marie. Am Ende steht ein Mord: „Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord, so schön als man ihn nur verlangen kann, wir haben schon lange so kein gehabt“, wie der Gerichtsdiener sagen wird.

„Für mich war die Verletzbarkeit der Figuren wichtig. Sie haben zwar Kleidung, aber sie bietet nicht wirklich Schutz“, erklärt Claudia Rüll Calame-Rosset. Zwar sind die Kostüme keineswegs grau in grau, sondern mitunter auch farbig, doch ging es stets darum, diesen Grundgedanken von der Verletzbarkeit auch im Kostümbild zu verdeutlichen. Deshalb werden Materialien verwendet, die weniger nach Stoff als nach Papier aussehen, die das Ausgeliefertsein, ja, die Nacktheit der Figuren entsprechend symbolisieren.

In Büchners Drama geht es um Stimmungen, die durch die Sprache evoziert werden, die aber in der Koblenzer Inszenierung auch musikalisch verstärkt werden sollen. Wolfram Karrer spielt Karl, den traurigen Narren im Stück, doch Karrer hat zugleich Musik für das Stück komponiert, die er in der Rolle des Karl mit dem Akkordeon zu Gehör bringen wird. „Die Musik eng an Karl gebunden. Karl nimmt Stimmungen auf und drückt sie in Musik aus. Karl spricht auch nicht, sondern singt“, erläutert Karrer das Konzept. Ihn berührt „das Mitfühlen“, das das Stück ermöglicht. „Es ist ein Sog, in den man hineingezogen wird. Es passiert unglaublich viel mit Woyzeck, es ist wie ein Thriller“, ergänzt Claudia Rüll Calame-Rosset.

Juliane Wulfgramm, Dramaturgin des Abends, erklärt, dass das Mitfühlen und Mitleiden wohl noch durch die Besetzung verstärkt wird: „Wir haben uns entschieden, den Woyzeck mit Reinhard Riecke, einem Schauspieler über 50, zu besetzen.“ Warum die Abkehr von der Tradition, die Rolle meist einem wesentlich jüngeren Schauspieler anzuvertrauen? „Das verschärft die Situation noch. Man weiß, dieser Mann steht noch immer ganz unten, und Hoffnung auf ein besseres Leben gibt es für ihn nicht mehr.“

Kein Anlauf führt zu den Figuren

Und nicht nur Reinhard Riecke verlangt dieser Abend viel ab. Generell machen es die kurzen Szenen und die fragmentarische Form den Schauspielern nicht leicht. „Die Herausforderung für die Schauspieler ist, innerhalb der blitzlichtartigen Szenen Menschen auf der Bühne darzustellen. Es gibt bei Büchner keinen Anlauf, keine inneren Monologe, die zu Figuren hinführen. Das erfordert von den Schauspielern große Präzision und eine hohe Konzentration“, sagt Regisseurin Wildgruber. Leicht hat es Büchner niemandem gemacht, auch den Zuschauern nicht. Aber so ist das mit großer Kunst: Sie verlangt etwas von einem, nur dann bekommt man etwas zurück.

Premiere ist an diesem Samstag, 22. September, um 19.30 Uhr im Großen Haus , Tickets und Termine an der Theaterkasse, unter Tel. 0261/129 28 40 sowie online unter www.theater-koblenz.de

  • Handlung: Der Soldat Franz Woyzeck dient seinem Hauptmann für einen kargen Sold, mit dem er seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind zu ernähren versucht. Für ein wenig zusätzliches Geld lässt er sich auf absurde medizinische Versuche bei einem Arzt ein, der ihn auf eine strenge Erbsendiät setzt. Hauptmann und Arzt demütigen Woyzeck, wo sie nur können. Aufgrund der physischen und psychischen Ausbeutung leidet dieser zunehmend an Wahnvorstellungen. Marie beginnt eine Affäre mit einem Tambourmajor, und Woyzeck beobachtet die beiden beim Tanz. Nun glaubt Woyzeck, innere Stimmen zu hören, die ihm den Mord an der Treulosen befehlen. Er führt Marie auf einem abendlichen Spaziergang in den nahe gelegenen Wald und ersticht sie dort am Ufer eines Sees.
  • Leitungsteam: Olga Wildgruber (Regie), Franz Gronemeyer (Bühne), Claudia Rüll Calame-Rosset (Kostüme), Wolfram Karrer (Musik), Juliane Wulfgramm (Dramaturgie)
  • Besetzung: Reinhard Riecke (Woyzeck), Jana Gwosdek (Marie), David Prosenc (Hauptmann), Stephen Appleton (Doktor), Cédric Cavatore (Tambourmajor), Christopher Menk (Andres) und andere mehr
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