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    Bonn

    Wo Gewalt herrscht, hilft nur Gewalt - Kluge Neuinszenierung Brechts in Bonn

    Es ist ein seit jeher umstrittenes Stück: Bert Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Heute erfreut es sich aus aktuellen Gründen wachsender Relevanz, das zeigt eine beachtliche Neuinszenierung in Bonn.

     

    Maike Jüttendonk als Johanna in Bertolt Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“: In einer starken Neuinszenierung am Theater Bonn arbeitet sie Zug um Zug Zweifel, Verzweiflung, Zorn und Verhärtung aus sich heraus.
    Maike Jüttendonk als Johanna in Bertolt Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“: In einer starken Neuinszenierung am Theater Bonn arbeitet sie Zug um Zug Zweifel, Verzweiflung, Zorn und Verhärtung aus sich heraus.
    Foto: Thilo Beu

    Zwischen Fertigstellung und Uraufführung von Bertolt Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" 1959 in der Regie von Gustav Gründgens lagen drei Jahrzehnte. Dann eroberte das „Lehrstück“ die Bühnen – um im Laufe der 1980er wieder fast völlig zu verschwinden. Viele Theatermacher hielten damals offensichtlich dessen antikapitalistischen Impetus für grobschlächtig und überholt. Doch jetzt treiben Entwicklungen des jungen 21. Jahrhunderts das Werk unversehens erneut auf die Spielpläne. Und wir sehen erstaunt: Es wirkt über einige Strecken wie fürs Heute gemacht. So derzeit zu erleben in einer ausgezeichneten Inszenierung am Theater Bonn.

    Die Kapitalisten stehen oben

    Valentin Baumeisters Bühnenbild ähnelt strukturell demjenigen in Matthias Fontheims Johanna-Inszenierung 2015 am Theater Koblenz. Hier mühten sich Schlachthofarbeiter eine Stufenpyramide aus Ledersofas hinauf, in Bonn haben sie es mit einer Treppe aus hohen Stufen in schmutziger Stahloptik zu tun. Solche Räume sind naheliegend. Denn oben gehen die Kapitalisten ihren Geschäften des gegenseitigen Übervorteilens und Ausstechens nach. Unten haben die Arbeiter deren Folgen auszubaden: lebensgefährliche Arbeitshetze, miese Löhne, Aussperrung, Arbeitslosigkeit, Armut.

    Tickets und Termine unter
    www.theater-bonn.de

    Das sei wie bei einer Schaukel, erklärt Johanna in der Schlussphase des dreistündigen Bonner Abends zornig: Die einen könnten nur oben sein, weil die anderen unten sind, und die unten müssten zahlreicher sein als die oben. Die vormals fromme Heilsarmistin hat ihre Lektionen gelernt: Erst wollte sie den Arbeitern mit Suppe und Gebet Gott nahebringen. Vergebens, denn die Armut ist im Diesseits groß und hat mit Gott wenig zu tun. Sie appelliert an Mauler, den mächtigsten der Schlachthof-Kapitalisten, seinem Herz einen Ruck zu geben und den Arbeitern Arbeit. Der Mann ist auch irgendwie empfindsam und folgt den Forderungen des ihn beeindruckenden Mädels – zumal ihre Vorschläge zufällig den Empfehlungen seiner anonymen Spekulantenfreunde an der Wall Street gleichen. Schließlich durchschaut Johanna das Spiel und damit die Verlogenheit des Spruchs: Bevor man die Welt ändern könne, müsse erst der Mensch sich ändern.

    Klug gestaltete Szenenübergänge

    Brecht verschränkt drei Handlungsstränge, die Regisseurin Laura Linnenbaum mit sehr klug gestalteten Szenenübergängen fließend ineinander greifen lässt: den auf Monopolbildung abzielenden Vernichtungswettbewerb der Fabrikanten untereinander; Elend und Ohnmacht, dann Wut und Kampf der davon gebeutelten Schlachthofarbeiter; human-engagiertes, doch vergebliches Bemühen der Johanna um soziale Besserung – sowie, gemäß der Brecht‘schen Lehrabsicht, ihr verzweifeltes Erkennenmüssen, dass „wo Gewalt herrscht, nur Gewalt hilft“ mitsamt finaler Wandlung zur sterbenden Revolutionärin. Unsere noch frische Erinnerung an die Finanzkrise 2008 schreibt einer Figur besonders aktuelle Bedeutung zu: Slift, dem Makler für Fleisch und Kapital. Philipp Basener gibt ihn süffig als Kriecher, der vermeintlich allen Fabrikanten dient, in Wahrheit aber die Geschäfte des potenziell Stärksten verfolgt. Als er in Maulers Auftrag etwa die Konkurrenten auf dem Fleischmarkt abzocken soll, treibt ihn fiebrige Gier in derartige Maßlosigkeit, dass schier das gesamte Spekulations- und Finanzsystem zusammenbricht. Das kommt einem bekannt vor.

    Satire und Ernst in guter Balance

    Der Bonner Slift ist eine Karikatur, die kleineren Kapitalisten Cridle (Matthias Breitenbach) und Graham (Lydia Stäubli) sind es ebenfalls. Doch wie jede gute Karikatur fördern sie mit giftiger Überspitzung manche Wahrheit zutage. Auch hält Laura Linnenbaums Inszenierung sorgsam die Balance zwischen Satire und Ernst. Mauler ist bei Wilhelm Eilers ein vielschichtiger Charakter, sein brutales Geschäft ist ihm gleichermaßen zuwider und unverzichtbar; ähnlich ambivalent seine Beziehung zu Johanna. In ihr, der Titelfigur, kulminieren sämtliche Haltungen, die man zum „kapitalistischen System“ haben kann – oder Fragen, die man als Zuseher an Brechts Stück hat.

    Die zierliche Maike Jüttendonk könnte eine fast zu bildhübsche Johanna abgeben, brächen durch die Backfischfassade nicht Zug um Zug Zweifel, Verzweiflung, Zorn, Verhärtung – bis das zarte Mädchen schließlich ihr Schmuseschaf weglegt und mit Mühe, aber wilder Entschlossenheit einen schweren Vorschlaghammer schwingt. Manchem Zuseher mögen Brecht‘sches und Linnenbaum‘sches Elends- und Aufstandspathos nach wie vor weltfremd erscheinen, die Systemanalyse indes trifft vielfach (wieder). Das Übrige an diesem Abend ist allemal starkes und packendes Theaterspiel.

    Von unserem Autor Andreas Pecht
    Erst drei Jahre nach Brechts Tod uraufgeführt
    Bertolt Brecht (1898–1956) begann an der Arbeit an seinem Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ 1929 – im Jahr des New Yorker Börsenkrachs und der folgenden Weltwirtschaftskrise. Das Stück stellt die Methoden und Praktiken des kapitalistischen Wirtschaftssystems vor und greift auf frühere Werke Brechts zurück – etwa auf seiner Gaunerkomödie „Happy End“, auch auf das Fragment „Jae Fleischhacker in Chikago“. Auch Schillers „Jungfrau von Orléans“, Werke von George Bernard Shaw, Goethes „Faust“ und die Werke von Karl Marx beeinflussten das Werk, das Brecht 1930 fertigstellte, Umarbeitungen folgten. Zu Lebzeiten des Autors erfolgte nur 1932 die Ausstrahlung einer sinnentstellend stark gekürzten Hörspielfassung, infolge von Naziherrschaft, aber auch der Nachkriegszeit und des „Kalten Kriegs“ erlebte das Stück erst 1959, drei Jahre nach Brechts Tod, seine Uraufführung am Deutschen Schaupielhaus in Hamburg. ape
     

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