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Koblenz

Wild, laut, sinnlich: Theater Koblenz erobert Ingmar Bermans Reich der Dämonen

Melanie Schröder

Stimmiges Experiment: „Die Stunde des 
Wolfes“ von Ingmar Bergman ist in der Übersetzung von Renate Bleibtreu erstmals auf der Bühne zu sehen. Als Puppentheater. Regisseur Jan Müller stürzt dabei Spieler und Zuschauer in einen Theatertaumel auf kleinstem Raum.

Halt suchen, wenn die Welt um einen einstürzt: Die Figur Johan kämpft 
in „Wolfsstunde“ mit grotesken 
Dämonen.
Halt suchen, wenn die Welt um einen einstürzt: Die Figur Johan kämpft 
in „Wolfsstunde“ mit grotesken 
Dämonen.
Foto: Katharina Dielenhein

Einen Schritt in die richtige Richtung hat Schwedens Regieikone Ingmar Bergman sein Psychogramm „Die Stunde des Wolfs“ (1968) einmal genannt. Weil er darin wiederkehrende Themen seines Werks entschieden surreal sezierte: die Angst vor Dunkelheit und Auflösung des Ichs, die Ohnmacht zwischen Liebenden. Schließlich die Zweifel am eigenen Künstlerdasein. Zu diesen düsteren Gedanken schleichen sich im Film die Dämonen und Geister.

Bergman stellt den Zerfall seiner Figuren mal in monumentalen, standbildgleichen Nahaufnahmen aus, mal fängt er in schneller Schnittfolge ihr irrwitziges Taumeln zwischen Realität und Wahn, Traum und Wirklichkeit ein. Nun hat das Theater Koblenz mit „Wolfsstunde“ als erstes deutsches Haus eine Umsetzung für die Bühne gewagt. Als Puppentheater in der Übersetzung von Renate Bleibtreu.

Die Inszenierung Jan Müllers („Findus zieht um“) treibt Bergmans düster-experimentelle Suche fort – und ist deshalb stimmig, weil sie mit einer Bilderflut arbeitet, die sehr assoziativ angelegt ist. Sich überschneidende Sprechparts (jeder Spieler ist nahezu jede Figur) lassen zudem die Gestalten und Stimmen verschwimmen. Wer versucht, sich am Ende die Vielfalt dieser Bilder ins Gedächtnis zu rufen, wird nur einige finden. Wie ein Traum selbst verweigert sich „Wolfsstunde“ dem rein rationalen Zugriff. Vielmehr strudelt man mit den Figuren.

Düstere Visionen der Vergangenheit

Darum geht es: Alma und Johan Borg – sie schwanger, er Maler – fliehen auf eine Insel. Was genau sie hinter sich lassen, bleibt vage, kehrt jedoch in düsteren Erzählungen der Vergangenheit zurück. Johan ist krank, neigt zu einer Art Fieberträume. Von seinen Dämonen erzählt er Alma zunächst, später erfährt sie davon auch aus seinem Tagebuch. Etwa von der Affäre mit der mystischen Veronika Vogler, die Johan nach und nach endgültig ins Reich der Phantome – sie tauchen in Form einer skurrilen Schlossgesellschaft auf – hinabzieht.

Weitere Infos, Termine und Tickets online unter www.theater-koblenz.de

Bereits zu Beginn legt Müller die Entgrenzung von Raum und Zeit offen, untermalt die Flucht mit treibendem Techno. Und auch die Spieler treten über sich hinaus: Christian Pfütze, Myriam Rossbach und Hendrika Ruthenberg – alle sprechen Almas Rolle, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Eindeutig, dass sich hier Figuren in Auflösung befinden. Mit Spieleifer stürzen sich die drei in das Rollenkonvolut, eignen sich im Kollektiv den Stoff an, spitzen zu und überzeichnen ineinandergreifend. Wie die Figuren der Erzählung selbst verschmelzen sie zu einem großen Ganzen – eine tolle Leistung.

Wählte Bergman für die Entblößung des Seelenlebens seiner Protagonisten die Nahaufnahme, um mimische Details einzufangen, ist es im Theater zunächst die räumliche Enge, die zur Nahaufnahme zwingt. Im Kunstraum Werkstatt finden gerade 30 Gäste Platz. Ein Bühnenbild gibt es in dem Sinne nicht, vielmehr wird der Ort durch Verweise als Experimentierfeld erschlossen. Hier ein Miniaturleuchtturm, der die Insel anzeigt, dort ein Holztisch als Ort der Gesprächssituation.

Da Bergman Geschichten über Gesichter erzählt, mag irritieren, wie Masken und Puppen im Theater aus dem Innersten berichten sollen. Doch immer wieder erstarren Emotionen in Bergmans Filmen, werden Masken. Gut gelöst, dass also die Spieler auf der Bühne transparente Masken tragen, die ihr Mienenspiel häufig zu schablonenartigen Emotionen schneiden. Erstaunen, Entsetzen erstarren als aufgerissene Münder – unmittelbar von Bergmans Expressionismus inspiriert.

Puppen weiten Raum des Möglichen

Diesen an sich surrealen Kosmos weiten die gut 80 Zentimeter großen Puppen (Puppenbau: Jan Müller), ohne ihn jedoch fantastisch oder gar märchenhaft auszudeuten. Auf verspielte Details verzichtet Müller, wählt, wie hinsichtlich der Masken, reduzierte Bilder. Johans Dämonen werden etwa hinter einem weißen Laken sichtbar. Je nach Lichteinfall variiert die Größe des Schattenspiels – das einfachste Mittel, um Grusel zu erzeugen. Auch allein die Größenunterschiede in Liebesszenen zwischen Johan (Puppe gespielt von Christian Pfütze) und seinen Frauen (Myriam Rossbach, Hendrika Ruthenberg) verzerren das Sichtbare zur Groteske. Ganz abgesehen davon, dass die Figuren ihre Körper verdrehen, verbiegen können. Die Schlossgesellschaft wird als reines Puppenkabinett vorgestellt, das sich im wahren Wortsinn als Bande von Merkwürdigen entpuppt. Ein Schwachpunkt ergibt sich, als dieses Ensemble komplett ist: Bildet die Schlossszene bei Bergman einen Schlüsselpunkt, weil das Schaudern der Protagonisten durch schnelle Schnitte eingefangen wird, fehlt auf der Bühne das Tempo. Die Charaktere werden vorgestellt, verharren dann statisch nebeneinander. Die Szene, die Johan und Alma doch zunehmend auf den Leib rücken sollte, bremst.

Ein interessantes Experiment ist „Wolfsstunde“ dennoch, aber eines, das man zulassen muss. Kann man zu Bergmans Film Distanz wahren, wird man nun Teil des Wahns; Teil eines lauten, wilden, sinnlichen Erlebnisses – eines Theatertaumels.

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