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Köln/Mayen-Koblenz

Wie überleben im digitalen Zeitalter? Musiker schlagen Alarm

Musik ist nicht viel mehr als ein Wegwerfprodukt; aus dem Kulturgut ein Konsumgut geworden. Es klingt hart, aber zwei Kulturschaffende formulieren es in Bezug auf die Nutzungsgewohnheiten vieler Menschen genauso kritisch. Und fordern deshalb dringend einen Wertewandel.

Auch die nächste Musikergeneration soll mit ihrer Arbeit noch Geld verdienen, deswegen setzt sich eine Reihe deutscher Musiker für eine faire Bezahlung Kulturschaffender im digitalen Zeitalter ein.
Auch die nächste Musikergeneration soll mit ihrer Arbeit noch Geld verdienen, deswegen setzt sich eine Reihe deutscher Musiker für eine faire Bezahlung Kulturschaffender im digitalen Zeitalter ein.
Foto: Adobe Stock

„Wir hören Musik im Kaufhaus, im Café, in der Werbung und streamen übers Internet Songs immer und überall. Wir werden dauerberieselt. Das erweckt den Eindruck, dass Musik einfach da ist – und was einfach da ist, ist quasi umsonst“, sagt Joachim Becker, einer der wichtigsten Jazzproduzenten Deutschlands und eine regionale Größe: Becker ist im Raum Mayen-Koblenz zu Hause.

Er sieht übermüdet aus, hat sich Nächte im Studio in Köln um die Ohren geschlagen, um Maceo Parker, langjähriger Wegbegleiter von James Brown, für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) zu produzieren. Und vielleicht nimmt diese Arbeit den gleichen Weg wie viele andere des Musikproduzenten und zweifachen Grammy-Gewinners: Sie landet vorab komplett zugänglich auf der Onlineplattform YouTube, versehen mit Fremdwerbung. Die Arbeit von Tagen – auf einmal dahin.

Obwohl er genau das schon etliche Male erlebt hat, ärgert es Becker jedes Mal wieder. „Man fragt sich, ob den Menschen, die sich Musik umsonst aus dem Netz auf irgendeine Art besorgen, egal ist, dass Musiker auch von etwas leben müssen. Sie entscheiden ja bewusst, alles gratis zu wollen.“ Schon jetzt kenne er Nachwuchskünstler, die sich in prekären Lebenssituationen befänden und finanziell kaum über die Runden kämen. Auch weil ihre Arbeit häufig unfreiwillig kostenlos im Netz landet. Deswegen setzt sich Becker jetzt ein – um für Respekt gegenüber geistigem Eigentum zu plädieren.

Jazzproduzent Joachim Becker (links) ist dem Ruf seines Freundes Lando van Herzog gefolgt: Gemeinsam mit vielen anderen prominenten Akteuren setzen sie sich für faire Löhne für Kulturschaffende ein.
Jazzproduzent Joachim Becker (links) ist dem Ruf seines Freundes Lando van Herzog gefolgt: Gemeinsam mit vielen anderen prominenten Akteuren setzen sie sich für faire Löhne für Kulturschaffende ein.
Foto: Melanie Schröder

Prominente Unterstützer

Viele bekannte Namen der deutschen Musiklandschaft tun es ihm gleich – unter anderem Till Brönner, die Söhne Mannheims und Marianne Rosenberg, aber auch die Prager Philharmoniker oder die Kölner Domchorknaben. Sie alle haben ein Konzeptalbum unterstützt, dessen Initiator der Musiker Lando van Herzog ist. Unter dem Titel „Project Fair Play“ setzen er und seine prominenten Akteure ein Zeichen gegen den Diebstahl etwa von Musik im digitalen Zeitalter – in Form von Songs, in denen sie ihre Erfahrungen mit dem Thema Urheberrecht schildern.

Mehr Infos zum Konzeptalbum und zu beteiligten Künstlern am „Project Fair Play“ gibt es online unter www.project-fairplay.com

Um die Dringlichkeit der Sache klarzumachen, führt van Herzog gern Umfragewerte an. Aus einer Untersuchung aus dem Jahrbuch 2016 des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie geht etwa hervor: Die Hälfte der 30- bis 39-Jährigen ist bereit, für Musik zu zahlen. „Das klingt nach einer positiven Meldung, aber für mich ist das eine niederschmetternde Zahl. Es braucht einen Gesinnungswandel“, sagt er und wirbt für ein bewusstes Umdenken, so wie es sich etwa über die Jahre auch bei Fairtrade-Produkten eingestellt hat. „Schließlich sind inzwischen immer mehr Menschen bereit, für Produkte etwas mehr zu zahlen, in dem Wissen, dass diese fair gehandelt sind“, meint van Herzog. Einen mentalen Ansatz nennt er das, der sich ebenso auf künstlerische Arbeit übertragen ließe: „Man muss es so sehen, da wo Musik, Texte, Filme im Netz für null Cent angeboten werden, findet eine mentale Konditionierung statt, auch weil das Produkt nicht mehr physisch fassbar ist. Dafür wollen wir ein Bewusstsein schaffen: Künstlerische Inhalte sind nicht umsonst. An jedem Song, den wir hören, an jedem Buch, das wir lesen, hat jemand gearbeitet.“

Mit Kopfschütteln kommentiert er das Klischee, dass Kulturschaffende immer mit dem Vorurteil der „brotlosen Kunst“ zu kämpfen hätten. Gerade für die Musikbranche gelte das zudem nur bedingt, es gab schließlich einmal goldene Zeiten. Das CD-Zeitalter sei eine Erfolgsdekade gewesen, in der man mit Musik viel Geld verdienen konnte. Doch dann hätte die Industrie schwere Fehler gemacht: „Als sich das Downloadgeschäft entwickelte, war sich die deutsche Musikindustrie nicht einig, eigene Downloadshops zu kreieren. So ist das Eigentum außerhalb des eigenen Kontrollbereichs gelandet. Klar gab es Verträge mit externen Anbietern, aber der Zugriff wurde komplett aus der Hand gegeben.“

Mit dem Aufkommen des Formats MP3, ein Verfahren, das Musik ohne Sound- und Qualitätsverlust komprimiert und unendliche Vervielfältigungen ermöglicht, erlebte die CD zudem einen enormen Wertverlust. „Eine Beethoven-Sinfonie landet für ein paar Euro in der Kaufhaus-Wühltruhe. Schon da wird doch festgeschrieben, wie man den Wert künstlerischer Arbeit wahrnimmt“, fügt Becker hinzu.

Musikindustrie hält sich bedeckt

Für den Jazzproduzenten ist klar, dass ihr Einsatz für die gute Sache ein Projekt für Jahre ist: „Ich glaube nicht, dass wir noch eine gerechte Verteilung erleben werden, aber deswegen können wir ja nicht den Schluss ziehen, nichts mehr zu tun.“ Zudem bräuchte es gerade private Initiativen – die marktführenden Labels in Deutschland wollten mit dem Projekt nichts zu tun haben, lehnten eine Unterstützung ohne Begründung ab. Ebenso wie einige andere Musikgrößen, die van Herzog ins Boot holen wollte. Warum, kann er nicht genau sagen: „Vielleicht liegt es daran, dass einige ihre Fans nicht vergraulen wollen. Viele Musiker wissen ja selbst, dass auch ihr Publikum Songs rippt.“ (Mit Ripping ist das Downloaden von Songs mit einer Software gemeint. Auf diese Weise können Songs kostenfrei auf der Festplatte gespeichert werden, Anm. d. Redaktion) Weltweit sollen laut einer Untersuchung des Bundesverbands Musikindustrie 40 Prozent Streamripping betreiben, wobei kein Cent beim Künstler landet.

Natürlich sind da auch Becker und van Herzog Bezahlmodelle lieber, wie sie etwa die Onlinemusikplattform Spotify betreibt. Dennoch kritisieren sie auch diese Formate: „Musiker werden dabei ja per Aufruf und Abspielen bezahlt. Die genauen Zahlen sind strittig, aber in etwa verdient ein Musiker bei Spotify zwischen 0,05 und 0,2 Cent, wenn sein Lied abgespielt wird.“ Auch das müsse sich ändern: Die befreundeten Musiker sind sich einig, dass die Zukunft der Musikindustrie und generell der Kreativbranche nicht außerhalb digitaler Geschäftsmodelle liegt. Sie müssten aber überdacht und verändert werden. Damit die Wertschätzung für künstlerische Inhalte wieder steigt – und auch künftig Kulturschaffende von ihrer Arbeit leben können.

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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