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    Koblenz

    Wenn Dinge aus dem Ruder laufen: Premiere von "Hexenjagd" in Koblenz

    Der US-Dramatiker Arthur Miller soll gesagt haben, dass, wenn sein 1952 geschriebenes Stück „Hexenjagd“ eines Tages wieder einen hohen Grad an Aktualität hat, sich die Gesellschaft dringend fragen müsse, welches Problem sie hat. Jetzt ist es wohl so weit.

    In all der Hysterie in Salem versucht John Proctor (Till Bauer, 2. von rechts), dem Richter Thomas Danforth (Jona Mues) die Wahrheit vor Augen zu führen. Zur Seite steht ihm Mary Warren (Magdalena Pircher). Doch der Versuch misslingt, die Geschehnisse in „Hexenjagd“ nehmen ihren Lauf.
    In all der Hysterie in Salem versucht John Proctor (Till Bauer, 2. von rechts), dem Richter Thomas Danforth (Jona Mues) die Wahrheit vor Augen zu führen. Zur Seite steht ihm Mary Warren (Magdalena Pircher). Doch der Versuch misslingt, die Geschehnisse in „Hexenjagd“ nehmen ihren Lauf.
    Foto: Theater Koblenz/Baus

    Arthur Miller schrieb sein Drama "Hexenjagd" unter dem Eindruck der Kommunistenverfolgung während der McCarthy-Ära in den USA. Es ist eine Parabel auf eine Hetzjagd, die sich Jahrhunderte zuvor in Amerika ereignet hatte, im Kern aber nach einer ähnlichen Dynamik ablief. Im 17. Jahrhundert geriet ein puritanisches Dorf namens Salem aus religiös-fanatischem Wahn in einen Strudel der Hysterie und Angst.

    Die Gemeinschaft zerbrach wegen Missgunst, übler Nachrede und religiös definierter Moralvorstellungen, neben denen weder ein Funke einer anderen Denkweise noch ein Hauch individueller Freiheit existieren durfte. Als beides aufblitzte, liefen die Dinge aus dem Ruder: Menschen wurden der Hexerei bezichtigt, eingesperrt, hingerichtet – oder begnadigt, sofern sie die Hirngespinste um Hexenkunst und Teufelswerk als wahr bestätigten und ihnen widersagten. Ein paar wenige hielten stand, gaben nicht viel auf den Hokuspokus: Nur nützte es in der Hochphase der Hexenjagd nichts.

    Mechanismen, die heute noch wirken können

    Nun sind die historisch verbrieften Vorgänge von Salem in einer säkularen, aufgeklärten Gegenwart wie der unsrigen nicht mehr vorstellbar – die Mechanismen, die die Dinge damals in Schwung brachten, sind es sehr wohl: Ideologisch aufgeladene Stimmungsmache, Eigeninteresse und eine Bereitschaft zur kollektiven Empörung sind heute allenthalben in der realen und der digitalen Welt auszumachen. Alternative Fakten und Falschmeldungen ziehen manipulierend ihre Kreise – und mit ihnen wird in Zeiten von all den Trumps und Erdogans dieser Welt gar Politik betrieben.

    Karten und Infos zum Stück gibt es online unter www.theater-koblenz.de

    Diese Mechanismen sah Arthur Miller bei der Hexenjagd in Salem, er sah sie während der Kommunistenverfolgung in den 50er-Jahren in den USA, und wenn wie jetzt im Theater Koblenz Millers „Hexenjagd“ in einem wirkmächtigen Abend auf die Bühne gebracht wird, sind diese Bezüge in einer politisch aufgeladenen Zeit wie der unseren nicht zu ignorieren. Auch wenn Regisseurin Esther Hattenbach glücklicherweise darauf verzichtet, Salem im Jahr 1692 in irgendeiner Art und Weise ins Heute zu tragen. Es ist wie beschrieben die allgemeingültige Dynamik menschlichen Handelns, die in die Gegenwart drängt.

    Im Hier und Jetzt auf der leeren, schwarzen Bühne setzen Hattenbach und Bühnenbildnerin Geelke Gaycken erst einmal darauf, dass die Zuschauer ein Gespür für das Kaff Salem im Nirgendwo von Massachusetts entwickeln: Da ist Enge. Gesellschaftlich und moralisch ist alles eng in Salem. Eine einfache Holzhütte, die einige Figuren zu Beginn des Schauspielabends unter atmosphärisch-düsteren Klängen einer Liveband am Rande der Bühne zusammenzimmern, verdeutlicht dies. In ihr nimmt das Unheil seinen Anfang, als Pastor Samuel Parris, den Marcel Hoffmann treffend als rückgratlosen Mann spielt, seine Nichte Abigail zur Rede stellt, weil er sie, weitere Mädchen und die Sklavin Tituba im Wald überraschte, wie sie tanzten und sangen. Jetzt, nur Stunden danach, liegt seine Tochter Betty lethargisch im Bett – da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

    Stimmung schaukelt sich auf

    Die Anfangsvermutung des Pastors schaukelt sich hoch, immer mehr Wahn, Hysterie und Figuren, die Hexen am Werk vermuten, drängen ins enge Häuschen. Am Rande oder davor bleiben nur wenige kühle Köpfe, darunter der Farmer John Proctor (vielschichtig und intensiv gespielt von Till Bauer). Genau genommen tritt er aus der Hütte wieder heraus, in die ihn die Versuchung kurz hineinzog: Abigail ist dieser Grund, mit der er vor Monaten seine Frau betrog. Lisa Heinrici zeigt das Mädchen als durchtriebene Person, die zwischen zur Schau gestellter Naivität und Wahnsinn pendelt. Ihr fällt eine zentrale Rolle in der Hexenjagd von Salem zu – eine Bedeutung, die über Abigails Statur betont wird: Die groß gewachsene Heinrici spielt das Mädchen im kurzen, aber angemessen züchtigen Kleid (Kostüm: Annemie Clevenbergh) auf extrem hohen Absätzen – sie überragt damit sämtliche Darsteller und spielt diese Größe einschüchternd aus. Und laut.

    Überhaupt geht es laut auf der Bühne zu: Streit, Geschrei, lautstarke Handgemenge – Regisseurin Hattenbach setzt auf teils markerschütternde, anstrengende, akustische Effekte, aber auch auf die atmosphärische Stärke von Klang: Sie nutzt Livemusik (Leitung: Johannes Bartmes) als Kulisse und zusätzliche Erzählebene, wenn dann und wann Figuren aus dem Spiel treten und ihrem Inneren in Songs Luft machen, für die Zitate aus dem englischen Originaltext verwendet wurden. Niemand verschwendet hier Zeit auf ausgefeilten Gesang: Das würde nicht zu den Figuren, zu ihrer Wut und ihrer Angst passen. Ein krasser Effekt. Hart ist auch: Der Boden ist mit Metallplatten ausgekleidet. Schritte knallen und hallen immer dann bedrohlich, wenn das Leben in Salem noch hysterischer, noch gefährlicher wird. Etwa, als sich die Justiz in die Hexenjagd einschaltet. Eiskalte Richter (Jona Mues und Klaus Philipp), Handlanger (David Prosenc) und vermeintlich kluge Köpfe (Ian McMillan) befeuern den Wahn – und sind irgendwann machtlos gegenüber dessen Eigendynamik. Er überrollt sie im Wortsinn: Hier wirkt in der Inszenierung ein Bühneneffekt, dessen Geheimnis an dieser Stelle gewahrt bleiben soll.

    Starke Momente

    Generell ist „Hexenjagd“, so reduziert es auch eingerichtet ist, stark an Bildern und überraschenden Spielmomenten: Filmartige Szenenschnitte, Kommentare in Momenten, die wie improvisiert wirken sollen, und immer wieder dem Publikum zugewandtes, frontales Spiel der Darsteller machen „Hexenjagd“ zu einem Abend, der keinen Moment der Unaufmerksamkeit gestattet, selbst in langatmigen Passagen nicht.

    Dicht ist auch das Spiel des 16-köpfigen Ensembles in seiner Gesamtheit, wo neben den bereits Genannten zwei Darstellerinnen hervorzuheben sind: Dorothee Lochner macht Elizabeth, die Frau des John Proctor, zu einer der intensivsten Figuren des Abends. Und Magdalena Pircher spielt das innerlich zerrissene Mädchen Mary Warren inbrünstig verzweifelt in dieser „Hexenjagd“, die eines zeigt: Der Mensch bleibt Mensch. Und seine Wesenzüge, gute wie schlechte, haben Bestand.

    Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

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