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    Koblenz

    Wechselfälle der Liebe dreimal durch Tanz erzählt

    Drei Choreografen, zwei Dirigenten und ein leibhaftiger Komponist, im Graben die Rheinische Philharmonie in unterschiedlichen Besetzungen, auf der Bühne zwei Schauspieler und natürlich die gesamte Tanzcompagnie: Das Theater Koblenz bietet einiges auf für seine erste Ballettproduktion in der Spielzeit 2017/18.

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Es gibt viel zu sehen und allerhand Interessantes zu hören im Laufe des 135-minütigen Abends aus drei eigenständigen Teilen. An Abwechslung herrscht kein Mangel unter dem Motto „Gefallene Helden“, das ebenso gut „Wechselfälle der Liebe“ hätte lauten können.Den Auftakt macht eine Choreografie von Gast Andreas Heise zu Musik von Christoph Willibald Gluck aus der Oper „Orfeo ed Euridice“. Unter dem Dirigat von Daniel Spogis erklingt das hervorragend eingestellte Orchester in bald munter treibender, bald gefühligen bis tragischen Schmelz zeichnender Präzision und Klarheit. Der Tanz erzählt auf der Bühne dazu unter dem Titel „Orfeo“ die Geschichte eines Paares, das sich findet, verliert, wiederfindet, um sich am Ende erneut zu verlieren.

    Die von Rory Stead mit der Erfahrung des Compagnie-Seniors fein differenziert ertanzte Titelfigur ist ein Träumer, zugleich ein eitler, fahriger Künstlertyp. Er träumt von einer schmetterlingshaften, von seinen Traumschatten ihm zugeführten, allweil lächelnden Geliebten. Kaho Kishinami tanzt ihm dies Hirngespinst in wundervoller Leichtigkeit – erweist sich aber nachher als weniger hingebungsvolle, in Freud und Leid mehr nach Eigenständigkeit strebende Frauenpersönlichkeit.

    Das ist nur eine mögliche Deutung des Geschehens. Die hat zwar irgendwie auch mit dem Narrativ der Oper zu tun. Doch steht sie – wie so oft bei der wortlosen Ballettkunst jüngerer Zeit – dem Schauen, Genießen, Begreifen des Zusehers eher im Wege, wenn er sich abmüht, alte Geschichten in neuer Tanzadaption wiederzuerkennen. Der Tanz geht seine eigenen Wege, erschließt sich eigene Zugänge, erzählt anders und Anderes. Gar nicht selten sieht das Publikum auch Anderes als vom Choreografen vielleicht gemeint. Unter den darstellenden Künsten gewährt das Ballett den Zusehern wohl die meiste Deutungsfreiheit. Das gilt an diesem Abend noch stärker für die Choreografie des Koblenzer Ballettchefs Steffen Fuchs zur Uraufführung der Auftragskomposition „Quartett“ des anwesenden Marijn Simons. Die intellektuellen Vorarbeiten dafür rekurrieren auf Heiner Müllers gleichnamiges Zweipersonenstück von 1980 sowie dessen Bezugnahme auf de Laclos‘ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ aus dem Jahr 1782.

    Hilft es für das Verständnis der Choreografie, wenn man die literarischen Vorlagen kennt? Mitnichten. Eine krampfhafte Suche des Zuseherhirns nach Bezügen stört eher das genaue Hinschauen sowie das aufmerksame Lauschen auf die noch völlig unbekannte Musik. Zu sehen ist im Bühnenhintergrund eine üppig ausstaffierte historische Speisetafel, daran sitzt stocksteif und schweigsam vor sich hin essend ein barock kostümiertes älteres Paar (Tatjana Hölbing und Reinhard Riecke, Kostüme und Raumgestaltung aller drei Abendteile: Sascha Thomsen).

    Davor tanzen Lisa Gottwik und Emmerich Schmollgruber in Feinrippunterwäsche einen ebenso engagierten wie Kräfte zehrenden halbstündigen Pas de deux. Der besteht aus vielfach wiederholten Figuren und Bewegungsmustern – die im großen Äußeren eine stetig dahinfließende Eintönigkeit ausstrahlen und nur im schier zu übersehenden Kleinen erahnen lassen, dass es sich hier um den Disput eines mehrfach die Rollen wechselnden Paares über Macht- und Lustaspekte in der Zweisamkeit handeln könnte.

    Fuchs‘ Arbeit wirft Fragen auf, die auch der Kritiker nicht beantworten kann. Die gewiss nicht leicht zu musizierende, von Dirigent Mino Marani und der Rheinischen Philharmonie jedoch fabelhaft realisierte Komposition schickt rhythmisch, klanglich, strukturell ein Furioso nach dem anderen aus dem Graben. Das Werk ist ein an scharfen Kontrasten reicher Parforceritt durch Stile der Musikgeschichte vom Barock bis zum Jazz – und kommt damit dem epochenübergreifenden Disput in Müllers „Quartett“ recht nahe. Der Tanz jedoch scheint davon beinahe abgekoppelt, sieht man von der ordnenden Übernahme des Metrums einmal ab.

    Aus dem Leben der Tänzer

    Ganz anders der Schlussteil „Les autres“ von Gastchoreograf Ihsan Rustem zu Musik von Henryk Górecki, in dem Lebenserfahrungen der Tänzer zu unterschiedlichsten Szenen verarbeitet sind. Quirliges Durcheinander in Kindheit und Schule; Sozialisation zum Gleichschritt und Mädchenpower, die daraus ausbricht; eine Compagnie, die gegen ihren Meister opponiert. Und immer wieder Paare, die sich und Liebe suchen oder um Emanzipation voneinander ringen.

    Wie anfangs Heise, spielt auch Rustem mit großen Formationen, lässt zugleich viel Raum für filigrane Kleingruppen und Solistisches. Er greift zu Bewegungsformen und Figuren, die hierorts recht ungewohnt sind – und unterstreicht so zum umjubelten Abendschluss: Regelmäßig auch Gastchoreografen einzubeziehen, kann der örtlichen Tanzkunst nur förderlich sein.

    Tickets und Termine unter Tel. 0261/129 28 40 sowie unter www.theater-koblenz.de

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