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War er Antisemit? Raiffeisens dunkle Seite

Wolfgang M. Schmitt

Nicht nur Karl Marx, auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden. Beide suchten sie nach Lösungen gegen die soziale Ungerechtigkeit: Marx war in erster Linie Theoretiker, der sich eine proletarische Revolution erhoffte, Raiffeisen Praktiker, der das Leben im ländlichen Raum durch sein Genossenschaftsmodell sozialer gestalten wollte. Beide werden sie dieses Jahr geehrt, mit einem Unterschied: Während Marx durchaus kritisch betrachtet wird – vor allem die Folgen des Marxismus –, wird Kritik an Raiffeisen kaum laut.

Raiffeisen hielt Vorträge und verfasste Schriften – bisweilen mit bedenklichen Inhalten. Foto: Wikipedia
Raiffeisen hielt Vorträge und verfasste Schriften – bisweilen mit bedenklichen Inhalten.
Foto: Wikipedia

Hin und wieder war zu lesen, dass es einige als antisemitisch einzustufende Äußerungen gibt, doch wurde dies rasch relativiert, schließlich habe der berühmte Bürgermeister von Heddesdorf „nur“ die jüdischen Wucherer gemeint. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen, schon weil die genossenschaftliche Idee stark genug ist, um Kritik an ihrem Urheber auszuhalten. Wilhelm Kaltenborn, Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft „Zentralkonsum“, legt nun ein Büchlein vor, das jene Seite beleuchten will, die bislang im Dunkeln geblieben ist.

Gemeinschaft oder Gesellschaft

„Raiffeisen. Anfang und Ende“ möchte mit Mythen aufräumen. Ein Problem steckt Kaltenborn zufolge bereits in Raiffeisens Idee von Gemeinschaft, wenn dieser erklärt: „Eingedenk der christlichen Lehre, der Religion der Liebe, soll die Solidarität, das Einstehen Eines für Alle und Aller für Einen, sich nicht allein auf den Geldpunkt, sie soll sich auch auf die Gesamtverhältnisse der Vereinsmitglieder untereinander erstrecken. Diese sollen gleichsam eine erweiterte Familie bilden, in brüderlicher Gemeinschaft leben, in Freud und Leid zusammenstehen, ‚Einer des Anderen Last tragen‘, sich gegenseitig in jeder Beziehung unterstützen.“

Kaltenborn übersetzt die im Predigtton verfasste Passage: „Die soziale Kontrolle sollte möglichst umfassend sein.“ Was Kaltenborn damit sagen will, muss man jedoch wissen, es wird nicht näher erläutert. Gemeint ist die soziologische Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft: Steht die Gesellschaft für eine liberale Wirtschaftsordnung, welche den Bürgern einen hohen Individualismus ermöglicht, zum Preis einer gewissen Kälte und Vereinzelung, bietet die Gemeinschaft ihren Mitgliedern Wärme, allerdings auf Kosten von individueller Freiheit. Insofern ist die Bezeichnung „soziale Kontrolle“ durchaus angebracht, wenngleich genossenschaftliche Modelle heute solche Gemeinschaftsfantasien nicht hegen. Weiter kritisiert Kaltenborn Raiffeisens undemokratische, paternalistische Verbände: Beinahe nur gut situierte Landwirte saßen in den Vorständen, ärmere Bauern ordneten sich unter. Diese Hierarchie begrüßte Vater Raiffeisen.

Er wetterte auch in erstaunlicher Härte gegen die Armenfürsorge: „‚So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.‘ Ja, dieser Paragraph würde genügen. Der Hunger würde die Arbeitslust und Sparsamkeit wecken. Und sollte er’s nicht, so wäre es besser, man überließe den Verirrten demjenigen, ohne dessen Wissen kein Haar vom Haupte fällt, man ließe ihn hungern, und wenn er wollte, verhungern.“ Auch deshalb war Raiffeisens größter Feind die damals aufkeimende Sozialdemokratie, diese sei „verderblich“, „entschieden gefährlich“ und müsse „bekämpft werden“. Dass heute so viele SPD-Politiker Raiffeisen unkritisch feiern, ist in etwa so, als würde die FDP den 200. Geburtstag von Karl Marx ausrichten.

Das Hauptproblem aber sind Raiffeisens Bemerkungen über Juden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren viele Landwirte verschuldet, weil sie Kredite bei als Bankiers agierenden Händlern aufnahmen, die sie oft nicht zurückzahlen konnten – manchmal aufgrund extrem hoher Zinsen. Diese Kreditvergabe wurde als Wucher bezeichnet und häufig mit dem Judentum assoziiert; als sei die Mehrzahl der Kreditgeber Juden, was Kaltenborn widerlegt. Genauso wie er zeigen kann, dass Wucherer eher ein Randphänomen darstellten, das vielmehr als nützliches Feindbild für die deutsche Landbevölkerung fungierte.

Raiffeisen macht sich diese Denkweise zu eigen. „Als unumstößliche Thatsache kann und muß angesehen werden, daß viele Juden sowohl durch wucherische Händel, als auch besonders durch verwerflichen Missbrauch der Presse und namentlich durch unbefugte Einmischung in christlich-religiöse Angelegenheiten das Judenthum in Misskredit gebracht haben. Ja, man kann ohne Bedenken das Thun und Treiben vieler Juden als ein staatsgefährliches im wahren Sinne des Wortes bezeichnen“, schreibt er, womit er ein weiteres antisemitisches Klischee bedient: Nicht nur die Macht über das Geld, sondern auch über die Presse schreibt er den Juden zu. Wofür Raiffeisen nichts kann, was wir aber heute bedenken müssen, ist, dass die Nazis später ebenfalls die freie Presse als jüdisch markierten. Raiffeisen formuliert raffiniert, so wiederholt er in einem Vortrag antijüdische Gerüchte, ohne kenntlich zu machen, ob er ihnen zustimmt. Dieses andeutende Geraune aber ist bedenklich.

Ein weiteres antijüdisches Stereotyp steckt in diesem Satz: „Die Behauptung, daß man da, wo große körperliche Anstrengung nöthig ist, nur Christen und, wo es gilt, die Früchte der Anstrengung durch Spekulation einzuernten, meist Juden finde, scheint nicht ganz unrichtig.“ Daran sei die Bevölkerung selbst schuld, sie müssen die Juden zwingen, „ebenso wie sie den Pflug in die Hand zu nehmen und ebenso wie sie zu arbeiten“. In der Antisemitismusforschung ist dieses Argumentationsmuster lange bekannt: Juden werden als unproduktiv hingestellt, während alle anderen (für sie) arbeiten.

Was wünschenswert wäre

Im Fachjargon nennt man dies „verkürzte Kapitalismuskritik“: Auf der guten Seite stehen die „ehrlichen“ Arbeiter, und auf der anderen Seite die „bösen“ Spekulanten. Raiffeisen war nicht der Erste, der so dachte, und nicht der Letzte – auch heute gibt es solche Zerrbilder. Manche Juden, so Raiffeisen, seien so vermögend, dass sie einen „vollständigen Terrorismus“ über die Landbevölkerung ausüben.

Auch wenn er nicht alle Juden meint und mitunter gar die Sittlichkeit und Klugheit von Juden lobt, hinterlassen die Äußerungen Raiffeisens einen faden Beigeschmack. Kaltenborns Buch liefert zwar die einschlägigen Stellen in Raiffeisens Schriften, einzuordnen aber vermag er sie kaum, auch weil er wichtige Erkenntnisse der Antisemitismusforschung ignoriert. Vieles bleibt Behauptung, womit er weder Raiffeisen noch dem Thema Antisemitismus gerecht wird. So ist zu hoffen, dass das Jubiläumsjahr zum Anlass genommen wird, eine kritische und historisch fundierte Raiffeisen-Biografie zu verfassen.

Wilhelm Kaltenborn: Raiffeisen: Anfang und Ende, BoD, 110 Seiten, 6,99 Euro.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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