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Wiesbaden

Verloren in sprachloser Liebe: Molnárs Schauspiel „Liliom“ in ungewöhnlicher Lesart

Andreas Pecht

„Liliom“ handelt von einer Liebe, die wir heute kaum als solche erkennen mögen: Der Mann geht lieblos mit seiner Frau um, schlägt sie gar. Sie wird als zartes, liebliches Wesen gezeichnet – anders jetzt in Wiesbaden.

Kein Frauenheld: Liliom (Tobias 
Lutze) wird in Wiesbaden als leise Figur gezeichnet.
Kein Frauenheld: Liliom (Tobias 
Lutze) wird in Wiesbaden als leise Figur gezeichnet.
Foto: K. und M. Forster

Das 1909 von Ferenc Molnár geschriebene Stück "Liliom" weist der gleichnamigen Hauptfigur die Rolle des kernigen Tunichtgut zu. Hans Albers hatte den Jahrmarktsausrufer mehr als 1000-mal gespielt und die Figur lange geprägt. Die junge Ehefrau Julie wurde meist als zartes, liebliches Wesen gezeichnet. In Thomas Jonigks Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden ist das jetzt etwas anders.

In der auf 100 Spielminuten stark verkürzten Produktion wird das Geheimnis dieser Liebe noch geheimnisvoller. Das rührt in erster Linie daher, dass Kruna Savic eine sehr ungewöhnliche Julie gibt. Mit stoisch ausdrucksloser, ewig gleichförmiger Mimik und Haltung geht die vormalige Dienstmagd hier durchs Geschehen: Vergafft sich beiläufig in den mittellosen Liliom, ergibt sich ihm, ehelicht ihn, erleidet ihn, wird schwanger von ihm und verliert ihn schließlich. Die Wiesbadener Julie nimmt alles an, als handle es sich um unabänderliches Schicksal.

Weitere Infos zum Stück unter Telefon 0611/132 325

Am Anfang steht die Liebe, plötzlich hereingebrochen und akzeptiert wie eine selbstverständliche Alltäglichkeit, der man ohnehin nicht entrinnen kann: Julie folgt Liliom wort- und bedingungslos wie dereinst Kleists Kätchen von Heilbronn ihrem Grafen. Eine winzige Körperwendung besiegelt den Bund – dies wird das einzige Zeichen von Zuneigung bleiben. Über Herzensdinge zu sprechen, vermeiden beide fast krampfhaft. Womit wir wohl beim Kern von Jonigks Inszenierung wären, der wegführt von der früher verbreiteten Lesart des Bühnenstückes als süßlich-märchenhafte Beziehungstragödie im subproletarischen Milieu.

Sprachlosigkeit steht im Zentrum

Es scheint, als habe sich die Regie primär für das Phänomen der Sprachlosigkeit zwischen Eheleuten interessiert. Der sturen Ausdruckslosigkeit Julies steht ein irritierend schwächlicher Liliom gegenüber. Der ist hier keineswegs ein Kerl, auch kein mannhafter Hallodri vom Schlage Albers, nicht mal ein Weiberheld. Tobias Lutze formt ihn als unentschlossen dahingetriebenen Jugendlichen; ein Weichei, das den Macho markiert – weil der Bursche die Gefühligkeit in seinem Innern nicht wahrhaben will, sie weder begreift noch Ausdruck dafür findet.

Dies auch nicht nach 16 Jahren Läuterung im Fegefeuer, wozu ihn ein himmlisches Gericht nach seinem Selbstmord verurteilt. Liliom rammte sich ein Messer ins Herz, nachdem er einen Raubüberfall versemmelt hatte, zu dem er sich widerwillig überreden ließ, um Julie und das Kind versorgen zu können. Ein verzweifelter, extremer Akt sprachloser Liebe, freilich von dem Jungen als solcher nie begriffen und sowieso völlig nutzlos für die Geliebte.

Von der Sozialparabel zum Psychostück

Molnárs Sozialparabel verwandelt sich in Wiesbaden zum metaphorischen Psychostück. In Anlehnung an das vom Autor betrachtete Milieu wird es gegeben auf einer rohen Brettlbühne (Ausstattung: Lisa Däßler) nach Art eines Straßenvarietés. Zwei Jahrmarktsburschen (Atef Vogel, Paul Simon) führen mit pantomimischen Humornummern und eingesprochenen Regieanweisungen durchs Stück. Evelyn M. Faber und Benjamin Krämer-Jenster setzen mit komödiantischem Esprit dem in seiner Sprachlosigkeit verlorenen Schicksalspaar Liliom und Julie die geschwätzige Leere kleinbürgerlichen „Eheglücks“ entgegen.

Der versiert inszenierte, im Zentrum ungewohnt, aber stringent gespielte Abend gibt dem kräftig applaudierenden Premierenpublikum zwei zwingende Fragen mit: Warum ergibt sich Julie dem allem? Und: Warum will es den beiden partout nicht gelingen, einander ihre Liebe zu zeigen? Mit diesen Fragen ist das Theater wieder mal im realen Alltag angekommen und könnte dort manches Grübeln anstiften.

Von unserem Autor 
Andreas Pecht

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