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    Köln

    Verleger Alfred Neven DuMont: "Es wird Elite-Zeitungen geben wie früher"

    Alfred Neven DuMont, seit fast 60 Jahren Verleger und Journalist, wird am 29. März 85 Jahre alt. Er rät dem Berufsstand in einem dpa-Interview zu Bescheidenheit, Lesernähe und Investitionen in Qualität. Und glaubt, dass Blätter als Elite-Zeitungen Bestand haben werden, wie sie das einst waren.

    Spross einer Verlegerdynastie, Verleger aus Leidenschaft und Patriarch mit großem Einfluss: Alfred Neven duMont.
    Spross einer Verlegerdynastie, Verleger aus Leidenschaft und Patriarch mit großem Einfluss: Alfred Neven duMont.
    Foto: dpa

    Herr Neven DuMont, wann ist ein Journalist ein guter Journalist? Wann machen Journalisten ihre Arbeit richtig?

    Alfred Neven DuMont: "Journalisten haben immer zu bedenken: Für wen schreiben sie? Schreiben sie für ihr Prestige? Für ihre Kollegen? Oder gehen sie ihrer Pflicht bescheidener nach und denken an die Leser und die Bürger? Für die Journalisten ist das höchste Gebot, den Lesern komplizierte Dinge näherzubringen. Und dabei im Leitartikel eine Meinung zu vertreten. Eigentlich dienen wir im demokratischen Sinne den Bürgern. Um sie möglichst gut zu informieren, ihnen eine möglichst große Meinungsvielfalt zu liefern."

     

    Und was sind die wichtigsten Eigenschaften, die ein Journalist dafür braucht?

    "Das wichtigste überhaupt ist Neugierde, Interesse. Das ist die Basis von allem. Dann natürlich Bürgernähe, Lesernähe und Engagement für die Sache. Und was sonst noch? Was die Qualität eines Menschen ausmacht, ist die Stetigkeit. Die Stetigkeit des Journalisten, am Thema zu bleiben."

     

    Facebook, Google, Twitter - wir sind in einer Art und Weise vernetzt, wie es vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre...

    "Noch vor 10 Jahren!"

     

    ...brauchen wir angesichts dieser Möglichkeiten, im Netz miteinander zu kommunizieren, überhaupt noch Journalisten?

    "Ein Tabu, das man nicht ansprechen darf, ist der Glaube, dass wir alle gleich seien. Ich bin jetzt so alt, ich wage es zu sagen: Wir sind nicht alle gleich! Was unterscheidet uns? Natürlich Reichtum und Armut. Aber viel bedeutsamer ist heute der Unterschied zwischen den Rezipierenden, die ihre Arbeit machen und ansonsten aufnehmen, fernsehen, konsumieren und so weiter, und auf der anderen Seite den Kreativen, die unser Leben gestalten. Und wir brauchen mehr denn je solche Leute, die kreativ sind, auch die kreativen Journalisten. Deshalb ist auch der Verlegerberuf so schön."


    Aber wenn Sie sich die Medienwelt von heute anschauen, hat dieser Verlegerberuf denn überhaupt noch eine Zukunft?

    "Im Grunde sollte er eine Zukunft haben. Aber heute werden die großen Zeitungen fast ausschließlich von Managern geführt. Unser Haus ist schon die Ausnahme. Nichts gegen Manager, sie denken von der Wirtschaftlichkeit her, und das sollen sie auch. Aber es kann sein, dass der publizistische Auftrag dann eventuell zu kurz kommt. Im Gegensatz dazu muss ich meinen Kollegen sagen: Investiert in die Qualität eurer Blätter! Denn Qualität ist das einzige, was letzten Endes zählt. Die kreative Elite will Stoff haben. Deshalb müssen die Zeitungen in der Zukunft an Qualität noch zunehmen."


    Warum haben Sie den Berliner Verlag aus den Händen von Finanzinvestoren übernommen?

    "Weil ich an die Zukunft der Zeitung glauben möchte. Und weil ich wusste, dass wir mit mehr Titeln besser aufgestellt sind als mit weniger."


    Was ist der Unterschied zwischen Finanzinvestoren, die sich auf dem Medienmarkt breitmachen, und Ihnen?

    "Die Finanzhaie, die von außen kamen, haben ja in Deutschland nicht Fuß gefasst. Die Zeit ist vorbei. Durch die Entwicklung, dass die Zeitungen schrumpfen, geht die Rechnung heute gar nicht mehr auf."


    Sie werden jetzt 85. Wenn Sie 2017 Ihren 90. Geburtstag feiern, gibt es dann noch gedruckte Zeitungen?

    "Ich bin befangen. Wie können Sie einem Mann wie mir diese Frage stellen in der Erwartung, dass er sie objektiv beantwortet? Wenn man sein Leben lang mit Zeitungen zu tun hat, dann möchte man sich nicht eine Welt vorstellen, aus der die Zeitung ganz verschwunden ist. Aber gehen Sie zurück in die Bismarck-Zeit. Damals hatten Zeitungen wie die Frankfurter oder die Kölnische Zeitung Auflagen von 40 000 oder 60 000 - und waren hoch angesehen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass unsere Auflagen schrumpfen. Damit habe ich keine Last. Es wird Elite-Zeitungen geben wie früher, wir schrumpfen uns im Grunde wieder zurück."


    Was ist für Sie das besondere am Journalismus? Was unterscheidet einen Verlag von einer Schraubenfabrik?

    "Demokratie. Und Einfluss."


    Was bedeutet das in Ihrem Fall?

    "1945 war Deutschland gespalten. Die einen waren besiegt worden, die anderen befreit. Es war nicht selbstverständlich, dass sich dieses Land so entwickelt hat, wie wir es heute kennen. Man hat als Zeitung in den frühen Nachkriegsjahren kräftige Hiebe bekommen, weil man zu demokratisch war, nicht national genug. In Amerika habe ich gelernt, dass die Parteien sich in der Verantwortung abwechseln. Das war in Deutschland zunächst anders. Hochachtung vor Konrad Adenauer, er hat Deutschland wieder salonfähig gemacht. Aber die politische Atmosphäre war in den 60er Jahren doch sehr stickig. Dann kam es in Nordrhein-Westfalen zur sozial-liberalen Koalition unter Heinz Kühn. Das brachte einen ganz neuen Atem nach Deutschland. Da habe ich die FDP unterstützt. Als der große Tag auch auf Bundesebene kam, mit Willy Brandt und Walter Scheel, schlug mein Herz höher. Ich habe tausend Leserbriefe bekommen, ich sei ein Nestbeschmutzer, als Unternehmer könne ich nicht dieses sozialistische Zeug mitmachen! Seitdem hat sich Deutschland doch sehr entwickelt." Sie sind ja ein unruhiger Geist, der sich ständig umschaut.

    Was ist denn im Moment persönlich Ihr wichtigstes Projekt?

    "Man sollte, je älter man wird, die Zeit nutzen, sich selbst besser kennenzulernen. Man kennt alle Leute um sich herum, nur sich selbst kennt man nicht. Als junger Mann war ich beim Theater, dann war ich ewig Verleger, und heute fühle ich mich sehr stark als Schriftsteller. Als Verleger muss ich mich der Realität beugen. Als Schriftsteller darf ich träumen."

    Und lernen Sie sich beim Schreiben selbst besser kennen?

    "Ja sehr. Ich kann nur jedem raten, im Alter zur Feder zu greifen oder sich des Laptops zu bedienen, in welcher Form auch immer."

    Die Fragen stellten Wolfgang Büchner und Jürgen Hein

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