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    WiesbadenTheater mit sinnbefreiter Leichtigkeit

    Die Mühen des Textlernens blieben den elf Schauspielern bei dieser wunderlichen Produktion erspart. Denn gesprochen wird während 80 Aufführungsminuten nur ein einziges Wort: „Murmel”.

    Absurdes und komisches Dada-Theater: Die Berliner Volksbühne hat mit „Murmel, Murmel“ für Furore in der Hauptstadt gesorgt – und jetzt ein tolles Gastspiel in Wiesbaden gegeben.  Foto: Thomas Aurin
    Absurdes und komisches Dada-Theater: Die Berliner Volksbühne hat mit „Murmel, Murmel“ für Furore in der Hauptstadt gesorgt – und jetzt ein tolles Gastspiel in Wiesbaden gegeben.
    Foto: Thomas Aurin

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Umso mehr hatten sie zu ackern an dessen Aussprache in tausenderlei Wiederholungen, Betonungsvarianten, Rhythmen. Entgegen sonstiger Praxis, im Schauspielfach Inszenierungen aus jüngster Zeit zu zeigen, hatten die Wiesbadener Maifestspiele jetzt mit „Murmel Murmel” der Berliner Volksbühne eine schon 2012 in der Bundeshauptstadt für Furore sorgende Arbeit zum Gastspiel ins Hessische Staatstheater geladen.

    Das war keine schlechte Idee der Programmgestalter. Denn dieses Stück ist ein Unikum in der deutschen Theaterlandschaft und dort über die zurückliegenden fünf Jahre zu schieren Legende geworden. Geschrieben hat es in den 1970ern der Fluxus- und Dada-Künstler Dieter Roth: 176 Seiten bedruckt mit „Murmel Murmel Murmel …”. In Berlin für die Bühne eingerichtet hat es knapp vier Jahrzehnte später Herbert Fritsch – einst herausragender Schauspieler an der Volksbühne, hernach zur Ochsentour als Regisseur nicht zuletzt eigenwilliger Humoresken in der Provinz unterwegs, schließlich als vielbeachteter Theatermacher in die Hauptstadt zurückgekehrt.

    „Das ist Dada”, flüstert eine Zuseherin in Wiesbaden. Oder sagte sie „gaga”? Es spielt sich ja tatsächlich sehr Eigentümliches auf der Bühne ab. Die ist mit tief gestaffelten, knallbunten, nach oben und zur Seite schnell beweglichen Elementen strukturiert. Diese formen mittig mal eine abstrakte Showbühne, mal einen zusammenschnurrenden Tunnel, mal rauschen sie durch die Szene wie Schnellzüge durch einen Bahnübergang. Wovon handelt das Stück? Streng genommen: von gar nichts. Und doch gluckst, kichert, prustet, lacht, kreischt das Publikum vor kaum zu bändigendem Vergnügen.

    Die Akteure murmeln, was das Zeug hält. Laut, leise, legato, staccato, giftend, schmollend, fragend oder zeternd, verführerisch und aufrührerisch, im Monolog, Dialog oder dicht gedrängt im kollektiven Rhythmus- beziehungsweise Chaossprech.

    Darüber werfen sich die einen in depperte Starposen, stolpern übereinander oder fallen von der Bühne, fühlen sich die anderen in einen unsichtbaren Glaskasten gesperrt oder zu grotesker Tanzerei berufen. Jede und jeder grimassiert auf eigene Art zum Steinerweichen und bis zur völligen Maulsperre aller, die dann doch wieder von insistierendem „Murmel Murmel” aufgelöst wird.

    Das ist in der Tat ebenso absurdes wie komisches Dada-Theater. Allerdings nicht so mutwillig improvisiert wie vor 101 Jahren bei Hugo Ball und Co. im Züricher Cabaret Voltaire. Die eigentliche Knalleffekt-Wirkung von „Murmel Murmel” resultiert aus der schauspielerischen Raffinesse, der maximalen Präzision und dem optimalen Timing, mit denen elf Könner unter dem komischen, aber sehr genauen Dirigat des Marimbafonspielers und Klangkollagisten Ingo Günther das Ihre abliefern – mimisch, gestisch, singend, tanzend, purzelnd und natürlich allweil „murmel” murmelnd. Dies Maschinchen schnurrt perfekt und lässt bloße Spaßmacherei zu einer sehr eigenen Art Theaterkunst sinnbefreiter und scheinbar bloß verspielter Leichtigkeit mutieren.

    Von unserem Autor Andreas Pecht
     

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