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Mainz

tanzmainz der Extraklasse: Tänzerisches Furioso auf halber Spitze

Tanz als Naturgewalt: Die Uraufführung von Sharon Eyals „Soul Chain“ definiert tanzmainz neu. Schon 2014 nahm die Choreografin dem Mainzer Publikum mit einer Arbeit den Atem – jetzt sorgte sie erneut für spürbare Leidenschaft, auf der Bühne und im Saal.

Mit großer Präzision durchleben 17 Tänzer die umjubelte Choreografie „Soul Chain“ der Israelin Sharon Eyal.
Mit großer Präzision durchleben 17 Tänzer die umjubelte Choreografie „Soul Chain“ der Israelin Sharon Eyal.
Foto: Andreas Etter

Ziemlich genau drei Jahre ist es her, dass ein nur 60-minütiges Tanzstück den Zusehern am Mainzer Staatstheater die Kinnladen herunterfallen ließ und sie zu frenetischem Beifall hinriss. Im Dezember 2014 hatte die neu formierte Compagnie tanzmainz eine Choreografie namens „Plafona Now“ einstudiert und aufgeführt. Die von der israelischen Choreografin Sharon Eyal stammende Arbeit konfrontierte Mainz mit einem dort bis dahin noch nie gesehenen zeitgenössischen Tanzstil. Jetzt kam auf derselben Bühne Eyals jüngste Arbeit „Soul Chain“ zur Uraufführung. Ihre stilistische Handschrift ist nun etwas vertrauter, die Faszination daran aber keinen Deut geringer.

Die Bühne ungestaltet, leer, ganz leicht vernebelt. Aus dunklen Ecken lösen sich Gestalten, trippeln einzeln, zu zweit, zu dritt in kleinen Schrittchen auf halber Spitze meist diagonal durch den Raum. Am anderen Ende verschwinden sie wieder, um bald darauf am Ausgangspunkt erneut aufzutauchen – und dasselbe noch einmal zu tun. Der Vorgang wiederholt sich mehrfach, wie überhaupt Wiederholungen eines der prägenden Elemente dieser Produktion sind. Wobei besagter Trippelschritt auf halber Spitze, der den ganzen Körper von der Wade bis zum Scheitel unter Daueranspannung hält, das durchgängige Continuo darstellt.

Weitere Informationen unter www.staatstheater-mainz.de

Kein Stillstehen, nirgends

Nur 55 Minuten dauert „Soul Chain“. Doch kaum eine Minute mehr ließe sich den 17 tanzenden Frauen und Männern wohl noch auflasten. Selten sah man beim Schlussapplaus eine derart ausgepumpte Compagnie. Denn Eya verlangt nicht nur äußerste Präzision von der kleinsten Einzelhaltung bis zur kollektiven Bewegungsverschmelzung bei den in Linien, Kreisen, Polonaisen aufgefächerten oder in strenger Ordnung zusammengeführten Klumpungen der Formationen. Ein Stillstehen gibt es nicht, alle Akteure sind immer in Bewegung, stehen ständig ganzkörperlich unter Hochspannung.

Wehe, es würde da jemandem die Kondition ausgehen. Die Beats der von Ori Lichtiks eigens für „Soul Chain“ komponierten Technomusik treiben den Tanz unerbittlich voran. Mal auch in Richtung Tango variierend, mal auf die Technowurzeln im Sambarhythmus zurückgreifend, motivieren sie die Compagnie oder Einzelne darin zu Ausflügen in den afrikanischen Ritualtanz, den Hüftschwung des Discostils, den Beinwurf des Bauernschwofs, das Tänzeln des karibischen Karnevals.

Dauerrhythmik, die fesselt

Die Grundlage von all dem bleibt stets die zwingende, bald zur Trance neigende Dauerrhythmik der so anstrengenden und hier doch so selbstverständlich wirkenden Trippelschritte auf halber Spitze – verbunden mit dem kleinen, permanenten Wippen, Wackeln, Schwingen des Körpers, wie man es von der Love Parade kennt; hie und da aufgebrochen durch pathetische Triumphgesten.

Alle 17 tragen nur locker anliegende, fleischfarbene Unterwäschedresses, die bald völlig durchgeschwitzt sind; dazu aber stramme weiße Kniestrümpfe. So spiegeln und unterstützen die Kostüme den nichts erzählenden, ganz für sich selbst stehenden Tanz: unnachgiebige und strenge Rhythmuspermanenz in Fuß und Unterbein, darauf bauend das kreative Spiel mannigfacher Formenentfaltung. In schier atemloser Spannung folgt das Publikum diesem Furioso, das durchaus das Zeug hat, auch Ballettmuffel in den Bann zu schlagen. Explosionsartig entlädt sich nach der knappen Stunde berechtigter Premierenjubel im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters.

Von unserem Autor Andreas Pecht

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