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Mainz/Eltville

Tanzen, wo es nicht üblich ist: tanzmainz erobert Kloster Eberbach

Andreas Pecht

Das Staatstheater Mainz ist für seine jüngste Tanzproduktion in die ländliche Sommerfrische gezogen – ins Kloster Eberbach in den Rheingau. Mit „Small Places“ von Guy Weizman und Roni Haver kommt eine mal befremdliche, mal hinreißende Choreografie zur Uraufführung.

Tänzerische Intervention im Kloster Eberbach: Mitglieder von tanzmainz loten in neuer Choreografie Roni Havers den Raum aus.
Tänzerische Intervention im Kloster Eberbach: Mitglieder von tanzmainz loten in neuer Choreografie Roni Havers den Raum aus.
Foto: Andreas Etter

Zum Kloster passt Kontemplation, vom Getriebe der Welt abgeschiedene Versenkung in die Betrachtung des Geistig-Seelischen. Darauf versucht Schauspieler István Vineze als Sprecher, das in zwei Gruppen geteilte Publikum unterwegs zu den Spielstätten mit Texten von Georges Perec einzustimmen. Von Loslassen und Fallenlassen ist die Rede, von der Suche nach Leere, der Trennung vom Vertrauten, ja selbst vom eigenen Körper. Fern des Verkehrslärms, verbinden sich an einem lauen Sommerabend die Poesie und Bedächtigkeit der Klostermauern zu einem Raum der Beruhigung.

Nur mehr flüsternd oder schon schweigend treten wir ins Gewölbe des Laienrefektoriums. Aus dem kühlen Dunkel schälen sich die Umrisse Jahrhunderte alter Weinkeltern – zwischen die Weizman eine Art Rauminstallation aus vielen kleinen, mit auch zeitkritisch metaphorischer Bedeutung aufgeladenen Plätzen hat bauen lassen. Manche sprechen für sich: eine aus der Vitrine gefallene Ritterrüstung etwa oder ein unordentlicher Theaterschminktisch. Andere werden von Tänzern mit Leben erfüllt.

Informationen über diverse Anfangszeiten und Shuttlebusse von Mainz gibt es unter Telefon 06131/285 12 22 und online unter www.staatstheater-mainz.com

Auf Gedankenreise gehen

Hier müht sich ein zuckender Mann vor einer Pfeilzielscheibe vergeblich, ein zerbrochenes Herz zu flicken. Da windet sich ein Mädchen aus dem Leib eines riesigen Plüschbären und gebiert dann ihrerseits ein Bärchen. Dort deckt eine allweil lächelnde und steif dienernde Frau im 50er-Jahre-Kostüm mit hektischem Zittern klappernd den Kaffeetisch. Und während jeder Besucher eine halbe Stunde lang nach Gusto entlang der zehn belebten plus etlichen unbelebten Stationen frei auf Gedankenreise gehen kann, webt das Vocalconsort Mainz live gregorianische Gesänge in den Raum. Es dauert einige Minuten, bis sich das Befremden legt, hier keinen Tanz im eigentlichen Sinne geboten zu bekommen, sondern „nur“ mannigfache Anstöße des Nachdenkens und Empfindens.

Tanz aus nächster Nähe

Tanz gibt es im anderen Abendteil nach fußläufigem Ortswechsel durch den Kreuzgang zum Kapitelsaal. In diesem quadratischen Gewölberaum wird auf der um die tragende Mittelsäule gebauten Tanzfläche von zehn Compagnie-Mitgliedern eine neue Choreografie Roni Havers furios umgesetzt. Die Zuseher sitzen auf vier Seiten um die recht kleine Bühne und erleben aus nächster Nähe einen bis in die winzigste Haltung und Bewegung straff reglementierten, ungeheuer dynamischen Strom des Tanzes. Der wirkt wie das genaue Gegenteil von Weizmans verspielter, frei assoziierender, lebender Multiinstallation.

Die Tänzer sind in silbrige, etwas steife Umhänge gehüllt, die durchaus als Fingerzeig auf Mönchskutten verstanden werden können. Hat man diesen Gedanken einmal gefasst, wirken viele Momente des hinreißenden Tanzteils wie Reflexe aufs klösterliche Leben: Solistisches Sinnen und Suchen zwischen manierierter Selbstverliebtheit, marionettenhaftem Gehorsam oder Gram; kollektives Erleben von mal verzückter, mal ehrfürchtiger, mal angstbesetzter Gefolgschaft gegenüber Gott, Heiligen oder Prior. Und schließlich sind da Augenblicke glückseliger Gemeinschaft in entfesselt treibenden Rundtänzen und Tempoformationen.

Hat sich der doch beträchtliche Aufwand gelohnt, diese Produktion von tanzmainz im Kloster Eberbach zu realisieren? Da gehen die Meinungen wohl auseinander, das Gros der Premierenbesucher jedenfalls war angetan. Festzuhalten bleibt: Dieser Ort hat eine eigene Art künstlerischen Schaffens inspiriert und – sofern man sich darauf einlässt – eine besondere Anmutungsatmopshäre geschaffen, die „daheim“ im Staatstheater so nicht möglich wäre.

Von unserem Autor Andreas Pecht

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