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Neuwied

Stühle als Zeitzeugen: Roentgen-Museum Neuwied ehrt das Material Holz

Wolfgang M. Schmitt

Angewandte Kunst entsteht im Kontext von Wirklichkeit, Anwendung und Funktion: Das Roentgen-Museum
zeigt das in einem hervorragenden Rundumblick auf 150 Jahre Designgeschichte.

Stühle und Tische als Zeitzeugen: Im Roentgen-Museum Neuwied wird Material- und Designgeschichte lebendig.
Stühle und Tische als Zeitzeugen: Im Roentgen-Museum Neuwied wird Material- und Designgeschichte lebendig.
Foto: Wolfgang Thillmann

Die Digitalisierung ist ein Auflösungsprozess. Das Analoge wird digital, das Reale virtuell. Daten, behaupten manche, sind die neuen Rohstoffe. Doch, um den Werbeslogan eines Warenhauses zu zitieren, es gibt sie noch, die guten Dinge. Das aber ist untertrieben, denn seit einigen Jahren ist ein internationaler Trend zu beobachten, der einen Kontrapunkt zur digitalen Revolution bildet: Im Zeitalter digitaler Dematerialisierung erhält das Materielle eine bislang nie dagewesene Aufmerksamkeit. In der zeitgenössischen Kunst ist das ebenso zu beobachten wie in den Geisteswissenschaften, die sich mehr und mehr den Objekten und dem Handwerk zuwenden. Und eben dieser Trend spiegelt sich jetzt auch im Roentgen-Museum Neuwied – in Form einer besonderen Ausstellung.

Material Holz steht im Fokus

„Schichten. Möbeldesign vom Klassizismus bis zur Moderne“ heißt sie, präsentiert wird weder ein Künstler noch eine Epoche, diese Schau widmet sich dem Material Holz, genauer: Schicht- und Sperrholzmöbel stehen im Fokus. Das ist ein Wagnis, das Museumsdirektor Bernd Willscheid und der Kurator der Ausstellung, Wolfgang Thillmann, eingehen, denn bislang haben Museen diesen neuen Zugang eher gemieden. Das Wagnis ist geglückt. Der Besucher schreitet durch mehr als 150 Jahre Materialgeschichte, die zugleich eine Geschichte des Designs und der Industrialisierung ist. Denn angewandte Kunst, das steckt bereits in der Bezeichnung, entstand und entsteht stets im Kontext von Wirklichkeit, Anwendung und Funktion. An den Objekten sind technische Fortschritte und gesellschaftliche Veränderungen genau ablesbar, denn Stühle oder Tische sind stabile Zeitzeugen, die Auskunft geben.

Die Ausstellung „Schichten“ ist bis zum 4. November zu sehen. Der Katalog ist bei Hirmer erschienen und kostet 45 Euro. Das Roentgen-Museum hat Di. bis Fr. von 11 bis 17 Uhr und Sa./So. von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Gleich im ersten Ausstellungsraum sprechen sie zum Betrachter. Wir befinden uns in den 1870er-Jahren, in Amerika ist die Industrialisierung schon weit vorangeschritten – davon erzählen die Stühle mit Sperrholzsitzflächen der Firma Gardner. Durch große Schälmaschinen wurde es nun möglich, aus Baumstämmen einzelne Schichten abzulösen, um überhaupt Sperrholz produzieren zu können. „Man darf“, sagt Wolfgang Thillmann in seiner Eröffnungsrede, „bei diesem Prozess durchaus an das Abwickeln einer Toilettenpapierrolle denken.“ Für einen Handwerksbetrieb wäre ein solch aufwendiges Verfahren unwirtschaftlich gewesen, erst durch die Massenproduktion in großen Fabriken lohnte es sich, Sperrholzmöbel zu produzieren.

Zunächst wurde Sperrholz überwiegend als Ersatzmaterial begriffen – geflochtene Sitzflächen wurden von perforierten Sperrholzsitzen abgelöst. Immer wieder ist in der Ausstellung zu sehen, wie sich die Gestalter bei einem neuen Material erst an etablierten, älteren Materialien orientieren, ehe sie dem neuen auch eine neue, ihm entsprechende Form zukommen lassen. Erst Marcel Breuer, Alvar Aalto und Gerald Summers werden dies in den 1930er-Jahren tun. Ihre Werke, viele davon sind heute Designikonen, sind ebenfalls in Neuwied zu bewundern. So entwarf Breuer zunächst einen Liegestuhl aus Metall mit Holzstreben als Sitzfläche, auf Bitten der Firma Isokon in London aber entwickelte Breuer 1936 einen Liegestuhl, dessen Sitzfläche aus Sperrholz und dessen Lehnen aus Schichtholz bestehen. Revolutionäre Technik trifft auf revolutionäres Design – wie auch bei Breuers Kollege Aalto, der ebenfalls im Austausch mit Technikern seine Gestaltungsideen materialisierte.

Besondere Rarität zu sehen

Eine wirkliche Rarität sind die Stühle des Engländers Gerald Summers. Heute fast vergessen, entwarf Summers zur gleichen Zeit wie Breuer und Aalto Stühle, deren Minimalismus eine nachgerade auratische Wirkung entfaltet. Im Gegensatz zu Breuer und Aalto arbeitete Summers nicht für große Firmen, sondern unterhielt einen Handwerksbetrieb. Das war schon damals unzeitgemäß, erlaubt es aber, eine Parallele zu den Namenspatronen des Neuwieder Museums, Abraham und David Roentgen, zu ziehen. Denn gekonnt werden Summers Möbel mit denen der Roentgens kontrastiert. Handwerk aus der Zeit vor und der Zeit inmitten der Industrialisierung stehen nebeneinander.

Dazwischen liegen mehr als ein Dutzend Jahrzehnte, von denen einige der aus Boppard stammende Michael Thonet prägte: Bevor Sperrholz verwendet wurde, arbeiten Gestalter mit Schichtholz, das sich ebenfalls biegen lässt. Thonets frühe Stühle wie der „Bopparder Sessel Nr. 3“ zeugen davon. Thonet, bevor es ihm gelang, Massivholz zu biegen, biegt zunächst Bündel von Schichthölzern. Auch das war innovativ, da seine Vorgänger wie Georges Jacob und Jean-Joseph Chapuis, auch deren Werke werden gezeigt, noch einzelne Schichten aufgeweicht, gebogen und schließlich miteinander verleimt haben.

Spannend ist, wie sich weltumspannende wie -umwälzende Prozesse in Alltagsgegenständen widerspiegeln. Das Große zeigt sich im Kleinen, und es ist eine pittoreske Idee, dies in einer Wandvitrine noch einmal zu verkleinern: Darin ist von Thonet bis zur Moderne die Designgeschichte anhand von Möbelminiaturen im Maßstab 1:6 nachvollziehbar.

Zusammenhänge werden deutlich, die von den Designern meist gar nicht gesehen wurden: Breuer knüpfte nicht bewusst an Thonet, Thonet nicht bewusst an Chapuis an. Denn nicht die Designer allein, sondern auch der technische Fortschritt sowie der jeweilige Geist der Zeit haben diese Möbel geformt – das zeigt die hervorragende Ausstellung, zu der im Hirmer-Verlag ein umfangreiches, lesenswertes Buch erschienen ist.

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Wolfgang M. Schmitt

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