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    Steinmeier mahnt in Bonn: "Geschichte endet nicht"

    Digitalisierung, Migration, internationaler Terrorismus: Das Haus der Geschichte in Bonn hat seine Dauerausstellung aktualisiert und erweitert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schau am Montag wieder eröffnet – mit einem expliziten Appell.

    Szenen, die deutsch-deutsche Geschichte schrieben: Das Bonner Haus der Geschichte hat im Zuge von Sanierungsarbeiten 40 Jahre seiner Dauerausstellung neu konzipiert – besondere Aufmerksamkeit galt dabei unter anderem den Ereignissen rund um den Mauerfall.
    Szenen, die deutsch-deutsche Geschichte schrieben: Das Bonner Haus der Geschichte hat im Zuge von Sanierungsarbeiten 40 Jahre seiner Dauerausstellung neu konzipiert – besondere Aufmerksamkeit galt dabei unter anderem den Ereignissen rund um den Mauerfall.
    Foto: dpa

    Er sollte der prominente Hauptakteur des Tages werden: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Doch während der Wiedereröffnung der neu konzipierten Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945“ im Bonner Haus der Geschichte stahl ihm jemand zumindest in Ansätzen die Schau. Eva. Die Neue im Team. Ihre Kollegen beschreiben sie als serviceorientiert, selbstlos und intelligent – passende Attribute für einen Roboter.

    Eva fliegen an diesem Montagmorgen die Herzen zu, vielleicht auch, weil mit ihr doch unbefangener ein Gespräch zu starten ist als mit dem zwölften Bundespräsidenten der Republik. Höflich antwortet sie auf ihr mögliche Fragen, gibt Informationen zu neuen Exponaten, die die Ausstellung zur deutschen und europäischen Geschichte um ungewohnte Perspektiven erweitern. Eins dieser hinzugewonnenen Herzstücke: ein Flüchtlingsboot.

    Neben Frank-Walter Steinmeier die Attraktion des Tages: der Serviceroboter Eva. So funktioniert Museumsarbeit im Jahr 2017.
    Neben Frank-Walter Steinmeier die Attraktion des Tages: der Serviceroboter Eva. So funktioniert Museumsarbeit im Jahr 2017.
    Foto: dpa

    Schau betont Emotionen

    Da hält auch Steinmeier inne, unterbricht seinen Rundgang, um gedankenversunken die Finger zu kneten, während die Computerstimme erzählt, dass Schleuser auf dem Boot Flüchtlinge von Afrika nach Europa brachten, bevor es 2014 von der maltesischen Marine beschlagnahmt wurde. So funktioniert Museumsarbeit im Jahr 2017. Eben nicht nur auf dem technisch neusten Stand, sondern auch mit emotionalen Zugängen.

    Auf Gefühle setzt Kurator Thorsten Smidt nicht nur im neuen Themenaspekt Migration, sondern auch beim Schwerpunkt internationaler Terrorismus. Ein Stahlträger aus den Ruinen des 2001 zerstörten World Trade Centers ist zu sehen, Szenen von Terroranschlägen in Deutschland werden zudem multimedial aufbereitet – eine nötige inhaltliche Erweiterung, endete die Schau zuvor doch im Jahr 2011.

    Dienstag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr, weitere Informationen online unter www.hdg.de

    Die Aktualisierung, die im Zuge einer Sanierung des Glasdachs gestemmt wurde, erschließt aber nicht nur aktuelle gesamtgesellschaftliche, politische Entwicklungen, sie betrifft auch einen weitreichenden geschichtlichen Abschnitt: Ausgehend von den 1980er-Jahren wurde ein internationalerer Blick auf die deutsch-deutsche Historie geworfen und so etwa herausgeschält, dass ohne gesamteuropäische Prozesse nachzuvollziehen, auch die deutsche Wiedervereinigung nicht zu verstehen ist. Das übergeordnete strukturierende Element bleiben, wie schon im noch nicht überholten Ausstellungsteil ab 1945, die Wahljahre.

    Bemerkenswert: Gerade dem Komplex rund um den Mauerfall wird viel Raum gegeben – um, wie Kurator Smidt erklärt, dem großen Teil der Besucher, die diesen Teil der Geschichte nur aus Erzählungen kennen, Entdeckungsanlässe zu bieten. So wird Altes neu aufbereitet und Neues überhaupt erst für das Museum erschlossen – „ein Konzept, das aufgeht“, erklärt Steinmeier in seiner gut zehnminütigen Festrede, die vielmehr zu einem Plädoyer wider der Geschichtsvergessenheit gerät.

    Geschichte lehrt die Zukunft

    Steinmeiers Ruf als herausragender Rhetoriker ist gefestigt, und auch in Bonn lässt er daran keinen Zweifel aufkommen, weiß, was er kann. Mit den Worten des US-Historikers Timothy Snyder erklärt er: „Die Auseinandersetzung mit Vergangenem lässt uns erkennen, dass nichts völlig neu ist und nichts wirklich vergangen. Wer historisch denkt, so sagt Snyder, wird auch von dem, was ihn in der Zukunft erwartet, nicht völlig überrascht werden, weil er gelernt hat, dass die Geschichte Abzweigungen, Umwege und Sackgassen kennt.“

    Da spiegelt sich eine Denkweise, die Steinmeier imponiert, die er selbst immer wieder offen kommuniziert. Seit Antritt seines Amtes tritt er als Mahner in bewegten Zeiten auf, als Präsident, der mit kühlem Kopf auf eine Welt reagiert, die, wie er es nennt, aus den Fugen ist. Mut will er machen – zum Dialog, zum Aushandeln auch kontroverser Positionen. Das sei schließlich Herz der Demokratie. „Wer die Demokratie erhalten will, muss zu allererst verstehen, warum er das will. Er muss verstehen, warum wir uns nach dem Scheitern der Weimarer Republik, der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und dem Zivilisationsbruch der Shoah die parlamentarische Demokratie als Staatsform gewählt haben“, appelliert Steinmeier und erklärt damit ein Haus wie das der Geschichte zum Ort, der diese Selbstbefragung überhaupt erst möglich macht.

    „Es hilft, von Zeit zu Zeit zurückzublicken“, endet er – und schlägt damit der reinen Zukunftsgläubigkeit, die sich auch in einem Serviceroboter wie Eva manifestiert, ein Schnippchen. Der Tenor: Wer weiß, was war, kann erkennen, was kommt, denn „Geschichte endet nicht“. Eine Losung, die Museen nie ruhen lässt – schon jetzt ist das Haus der Geschichte in den Planungen zur kompletten Überarbeitung der Dauerausstellung, weil nicht nur Zukunft, sondern auch Geschichte stetig gemacht wird.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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