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Mainz

Staunen über 70 Minuten Mit- und Füreinander

Andreas Pecht

Auf der Hinterbühne trägt vor gleißendem Scheinwerferlicht ein Mann seine wie tot erschlaffte Frau einen Berggrat hinauf. Als er sie oben hinstellen will, knicken ihre Beine weg, und sie rollt den Weg wieder hinab. Erneut müht der Mann sich mit der hilflosen Frau. Jetzt auf allen Vieren kriechend, schleppt er sie huckepack nach oben. Vergeblich – sie rutscht, purzelt, stürzt wieder zurück. Und immer wieder von vorn. Mit solcher Sisyphusarbeit beginnt die jüngste Tanzproduktion am Staatstheater Mainz, die Uraufführung „Impetus“, eine Staunen machende Arbeit der Choreografen Guy Nader und Maria Campos.

Das tanzmainz-Ensemble findet sich in „Impetus“ zu immer neuen, teils nie zuvor gesehenen Figuren und Bildern.  Foto: Andreas Etter
Das tanzmainz-Ensemble findet sich in „Impetus“ zu immer neuen, teils nie zuvor gesehenen Figuren und Bildern.
Foto: Andreas Etter

Gegeneinander darf es nicht geben

Miteinander und Füreinander: Das darf als Leitmotiv der 70-minütigen Produktion verstanden werden. Ohne das würde hier keine Figur, keine Formation, kein Tableau funktionieren. Ob von zwei, drei, fünf, neun oder 18 Tanzakteuren ausgeführt: Wettbewerb und Gegeneinander gibt es nicht, darf es nicht geben, andernfalls würden all die sportiven Sprünge und Würfe ins Leere gehen, würden die in Windeseile von Gruppe zu Gruppe durchgereichten Hebefiguren oder Kopfüber-Verschlingungen ungut enden. Ohne den solidarischen Zugriff vieler Hände, ohne das gegenseitige Stützen vieler Körper würden sie die zur leeren Bühnenebene steil abfallende Schrägflanke besagten Grates nur hilflos runterrutschen respektive niemals hinaufkommen.

Elan, Schwung, Antrieb, auch Ansturm meint der Stücktitel „Impetus“, den die Produktion bis hin zu den Kostümen von Ausstatterin Lucia Vonrhein quasi wörtlich nimmt. Eleganz und Schönheit treten hier in den Hintergrund. Die 18 Frauen und Männer tragen lockere Ganzkörperdresse, die ausschauen wie ein Mix aus Trainingsanzug, Arbeitskluft und langer Baumwollunterwäsche. Das Outfit unterscheidet nicht nach Geschlechtern – und das tänzerische Bewegungsrepertoire tut es ebenfalls nicht: So weit die Staturen es zulassen, leisten alle unterschiedslos ihren Anteil auch beim Stützen, Tragen, Heben, Werfen und Fangen.

So entsteht denn, oft in atemberaubendem Tempo, eine Vielzahl faszinierender, teils noch nie gesehener Figuren und Bilder. Im Großen erwachsen aus am Boden kreuchenden chaotischen Monaden oder aus in der abschüssigen Wand hängenden Menschenklumpen kreisende Ketten und Zahnräder, bei denen die Körper der Tänzer wie ein Glied ins andere greifen. Und würde nur einer für einen Moment nicht richtig zupacken, risse die kollektive Kette oder bräche die Zahnradkonstruktion auseinander und stürzte in die Tiefe.

Das Timing muss stimmen

Wie im Großen, so im Kleinen, wenn in mehreren gleichzeitigen Duos, Trios, Quartetten Heber und Gehobene fließend die Positionen wechseln, wenn zwei oder drei Körper miteinander verschmelzen und von anderen als in sich flexible Ganzheit bewegt werden. Da lässt sich einer rücklings von der Schulter eines anderen fallen – und wo eben niemand war, tritt im letzten Moment plötzlich ein Fänger hinzu, um den Stürzenden aufzunehmen und sogleich an die nächste Gruppe zu leiten, die ihn nun in ihre Konfiguration eingliedert. Das Timing muss auf die Zehntelsekunde genau stimmen, das Vertrauen jedes Einzelnen auf sämtliche Mittänzer muss schier grenzenlos sein.

Miteinander und Füreinander: Das gilt ebenso für die Beziehung zwischen Tänzern auf der Bühne und Musikern im Graben. Das auf Streichorchester reduzierte Philharmonische Staatsorchester Mainz wird von Hermann Bäumer bei Einsätzen, Tempi und Dynamik zu eben der Präzision geführt, die für das Zusammenwirken mit derartigem, auf Präzision bauendem Tanz unabdingbar ist. Er und das erstmals mit einem Orchester zusammenarbeitende libanesisch-spanische Choreografenpaar haben eine raffinierte Mischung aus zeitgenössischer und klassischer Musik zusammengestellt. Der Graben steuert in fabelhafter Korrespondenz zum Tanz bald poetische, bald hochdramatische Passagen bei aus Stücken von Antanas Rekasius, John Adams, Jurgis Juozapaitis sowie Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“.

2017 wurden Nader/Campos für ihre mit tanzmainz kreierte Produktion „Fall Seven Times“ mit dem deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. Wie bei der Uraufführung damals wurde jetzt auch „Impetus“ vom Premierenpublikum mit Ovationen gefeiert. Und das zurecht – selbst wenn einem die aktuelle Arbeit etwas zu sehr ins Turnerische tendieren mag.

Termine und Tickets unter Tel. 06131/285 12 22

Von unserem Autor Andreas Pecht

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