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    Spurensicherung Maria Callas: Wie der Mythos entstand

    Vor 40 Jahren verstarb in Frankreich eine der größten Opernsängerinnen aller Zeit: Maria Callas. Die Erinnerung an sie ist ungebrochen, viele ihrer Aufnahmen genießen Referenzstatus. Zum Todestag hat Warner Classics Liveaufnahmen der Künstlerin digital aufbereitet - und präsentiert diese in bislang unerhört guter Tonqualität.

    Unerreicht: Maria Callas (1923–1977) gilt als eine der wichtigsten Sängerinnen der Operngeschichte. Warum sie in kürzester Zeit zu Weltruhm kam, veranschaulichen vor allem frühe Livemitschnitte der Künstlerin – sie sind jetzt einer Neuedition besser klanglich aufbereitet als je zuvor.  Foto:  Tully Potter Collection
    Unerreicht: Maria Callas (1923–1977) gilt als eine der wichtigsten Sängerinnen der Operngeschichte. Warum sie in kürzester Zeit zu Weltruhm kam, veranschaulichen vor allem frühe Livemitschnitte der Künstlerin – sie sind jetzt einer Neuedition besser klanglich aufbereitet als je zuvor.
    Foto: Tully Potter Collection

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Als sich am 20. September 1977 in der Kathedrale Saint-Etienne in Paris eine Trauergemeinde versammelte, standen die Paparazzi parat: Fürstin Gracia von Monaco, Prinzessin Caroline, der Bariton Tito Gobbi und der Filmproduzent Franco Rossellini waren nur die berühmtesten unter den Gästen, die einer Künstlerin die letzte Ehre erwiesen, die vier Tage zuvor in ihrer Wohnung in der Avenue Georges Mandel 36 einem Herzversagen erlegen war. Maria Callas, durch ihre Beziehung zum milliardenschweren griechischen Reeder Aristoteles Onassis präsent in allen Regenbogenblättern, war im Alter von nur 53 Jahren verstorben.

    Die Königin der Oper, die „die Callas“ schon viele Jahre zuvor war und bis heute bleiben sollte, war da schon lange verstummt: Die Sängerin hatte sich auf der Bühne rar gemacht, nur wenige und durchaus problematische Platten aufgenommen. Comeback-Pläne wurden geschmiedet und verworfen. So war ihre Welttournee gemeinsam mit ihrem Sängerkollegen, dem Tenor Giuseppe di Stefano, in den Jahren 1973 und 1974 zur Abschiedsrunde geworden – und wer heute die Mitschnitte dieser Auftritte sieht und das Schaffen der Callas nicht kennt, wird sich wundern, was bitteschön an dieser Sängerin, damals kaum 50 Jahre alt, so besonders gewesen sein soll.

    Eigener Thron im Opernolymp

    Jeder ernsthafte Opernfreund könnte da Nachhilfe leisten: Unabhängig von Geschmacksfragen, dürften sich viele einig sein, dass die 1923 in New York geborene Tochter griechischer Eltern im Opernolymp einen eigenen Thron besetzt hält. Dass seit den 50er-Jahren das romantische Belcanto-Repertoire mit Opern von Komponisten wie Vincenzo Bellini („Norma“, „I Puritani“) und Gaetano Donizetti („Lucia di Lammermoor“, „Anna Bolena“) eine Renaissance erlebte, dürfte in nicht geringem Maße auf Maria Callas zurückzuführen sein. Und auch die Tatsache, dass der Begriff „Operndiva“ für ein breites Publikum mit einem Gesicht versehen wurde, hat mit dem Leben und Wirken der Callas zu tun, das Stoff für mehrere Filme bieten würde, die seltsamerweise bis heute nicht gedreht wurden.

    Die Größe der Interpretin Maria Callas zeigt sich nicht zuletzt dadurch, dass sie nicht nur unzählige Musikfreunde zur Oper gebracht hat, was nicht zuletzt die Jahrzehntelange Nachfrage nach ihren zahlreichen Aufnahmen beweist. Ihr Name fällt bis heute immer wieder, wenn Sängerinnen (und sogar Sänger) Auskunft darüber geben, was oder wer sie zum Gesang und zum Entdecken der eigenen Stimme gebracht hat.

    Mit dem Begriff „Diva“, der ja nicht weniger als „Göttin“ bedeutet, wird mitunter etwas inflationär umgegangen. Im Fall von Callas wurde das Besondere schon sehr früh von ihrer Umwelt wahrgenommen. Mit drei, vier Jahren war klar, dass das kleine, kurzsichtige Mädchen eine gewaltige Stimme und Musikalität besitzt. Die wurde auf beiden Konservatorien der griechischen Hauptstadt Athen gezähmt – und noch als Teenager startete Maria Callas in Hauptrollen von Werken auf der Opernbühne durch, die man sonst Kolleginnen nach einigen Jahren der professionellen Stimmentwicklung zutraut: die Titelrolle von Puccinis „Tosca“ , Marta in Eugen d'Alberts „Tiefland“ und die Leonore in Beethovens „Fidelio“ bewältigte Callas mit dramatischem Stimmlodern – und wurde von ersten Kritikern, Lehrern und nicht selten neidischen Kollegen als „gottgegebenes“ Talent anerkannt.

    Fachsystem auf den Kopf gestellt

    In ihren ersten internationalen Karrierejahren stellte sie das Fachsystem, dass Sängerinnen einen gesunden Entwicklungsweg von leichteren Rollen bis zum Endziel im dramatischen Fach vorzeichnet, komplett auf den Kopf: Auf erste Rollen in „La Gioconda“, als Wagners Isolde und „Walküren“-Brünnhilde und Kundry im „Parsifal“ folgten Verdi-Heroinen in „Nabucco“, „Aida“ und „La Traviata“, das verzierte Fach erhielt mit ihren dramatischen Koloraturen eine ganz neue Interpretationsschwere. Bald buhlten die größten Opernhäuser um Auftritte der „Göttlichen“, das Plattenlabel EMI brachte eine Gesamtaufnahme nach der anderen mit Callas heraus. Ihre Zusagen, noch mehr ihre Absagen sorgten für Aufregung über die Opernwelt hinaus, der Abbruch einer „Norma“-Vorstellung in Rom nach dem ersten Akt sorgte für einen handfesten Skandal.

    Schließlich verließ Callas ihren wesentlich älteren italienischen Ehemann, ihre Affäre mit Onassis und eine stark wechselhafte Form bei den rarer werdenden Auftritten tauchten ihre Karriere in ein Zwielicht. Diese Amouren und der ausnahmslos dramatische Lebenslauf sind heute nur noch Stoff für echte Fans – was bleibt, ist die überaus reiche Hinterlassenschaft in Form von Aufnahmen.

    In den vergangenen Jahren haben sich die Plattenfirmen damit überboten, jeden im Studio aufgenommenen Laut der großen Sängerin in immer neuen Editionen auf den Markt zu werfen und mit sich ständig verfeinernden Möglichkeiten aus dem alten Studiomaterial einen immer besseren Klang herauszuschälen, um die Spuren des Göttlichen zu restaurieren . Rechtzeitig zum 40. Todestag der Sängerin in diesen Tagen ist diese gewaltige Aufgabe, die bis in die Details an forensische Spurensicherung erinnert, mit einer Neuausgabe von Liveaufnahmen zwischen 1949 bis 1964 abgeschlossen. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

    • Mit beinahe religiöser Verehrung bewahren seit jeher Herzblutfans von Maria Callas deren Erbe, das in zahlreichen Livemitschnitten die Stimme der Ausnahmesängerin jenseits kontrollierter Studiositzungen dokumentiert. Darunter fallen einige Aufnahmen, die unbestritten zu Sternstunden der Oper gehören – andere sind wegen einer desaströsen Klangqualität selbst für hartgesottene Anhänger nur schwer zu ertragen. Über die Jahre erschienen sie – mit verschiedenen Quellen, die meistens schon wegen ihrer fragwürdigen Legalität oft verschwiegen blieben, auf Tonbändern, Schallplatten, schließlich CD-Pressungen in unterschiedlicher Qualität.
      Was die Quellenlage angeht, schweigt sich auch die ansonsten üppige Neuedition von 20 Liveaufnahmen der Jahre 1949 bis 1964 aus – den Warner-Tontechnikern sind mitunter echte Klangwunder gelungen. Da hört man auch einmal tatsächlich verschiedene Instrumente aus dem Orchestergebrumm heraus, ist so etwas wie Raumeindruck zu vernehmen. Und vor allem ermöglichen die neuen Techniken, den Klang von vielen Störungen zu befreien, ohne dabei den Stimmen die Obertöne wegzunehmen – so frisch wie in dieser Edition klang noch keine dieser Aufnahmen aus den besten Jahren der großen Sängerin. Für wenige Euro pro Gesamtaufnahme ganz große Oper.
    • Als am 20. Dezember 1949 am Teatro San Carlo in Neapel Verdis „Nabucco“ gegeben wurde, musste man schon taub sein, um nicht zu merken, dass hier im zarten Alter von 23 Jahren eine Jahrhundertsängerin die als höchst anspruchsvoll geltende Rolle der Abigaille übernimmt. Groß und von dramatischem Aplomb bestimmt die Stimme, die alle Extreme in Höhe und Tiefe spielend erreicht und die routinierten Kollegen zu Höchstleistungen animiert: Das macht beim Zuhören Spaß, wenn auch der vierte Akt tontechnisch kaum zu retten war.
    • Neben Studioaufnahmen von Isoldes „Liebestod“ ist der aus dem römischen Sendesaal der RAI übertragene Live-„Parsifal“ von 1950 (in italienischer Sprache) das einzige Wagner-Dokument der Callas – eine Offenbarung, wie balsamisch schön Wagner gesungen werden kann.
    • Mit der „Sizilianischen Vesper“ (Florenz) und „Aida“ (Mexiko City, beide 1951) hat Maria Callas zwei anspruchsvolle Verdi-Partien live verewigt. Vor allem letztere Aufführung genießt Kultstatus: Am Ende des Triumph-Aktes, wenn alle Solisten nach einem ausgehaltenen hohen B ein Abwärtsintervall singen, steigt die Sopranistin auf das dreigestrichene Es – gleißender Lava gleich, die das mexikanische Publikum zur Ekstase treibt. Doch die Oper ist mehr als ein Ton – und man staunt in der „geputzten“ Version, mit wie vielen Finessen die 28-Jährigen hier neben eher Freistil singenden Kollegen ihre Aida ausstattet. Sieben Jahre später, 1958, zeichnet die Sängerin in Lissabon an der Seite des Tenors Alfredo Kraus mit bereits reduzierten stimmlichen Mitteln, immer aber noch in voller Kontrolle ihre wohl definitive Interpretation von Verdis „Traviata“ vor.
    • Aus dem Jahr 1953 liegen in der Warner-Neuedition drei Werke vor, die man heute mit drei ganz verschiedenen Sopranen besetzen würde: Sowohl in Verdis „Macbeth“ und „Rigoletto“ als auch in Rossinis „Armida“ festigte Callas ihren Ruf als „Assoluta“, die in allen Repertoirebereichen zu Hause ist. Eine große Stimme, die höchste Spitzentöne erreicht und bei aller klanglichen Massivität doch äußerst beweglich ist: Genau die Quadratur des Kreises, die die klassische italienische Gesangsschule zu vermitteln anstrebt. Gaststar im „Rigoletto“ in Mexiko Stadt: Der dominante Souffleur, dessen Stichworte leider nicht nur die Sänger, sondern auch alle Zuhörer erreichten.
    • Vier Werke der Klassik und Vorklassik nehmen im Schaffen der Callas einen besonderen Raum ein – besonders in der musikalischen Partnerschaft mit dem blutjungen Dirigenten Leonard Bernstein an der Mailänder Scala entwickelt die Sängerin ein fesselndes Porträt der Medea von Luigi Cherubini, der Mitschnitt von 1953 ist klanglich hervorragend aufgearbeitet. Noch packender agiert Callas als Christoph Willibald Glucks Alceste (1954), was den schwachen Klangeindruck beinahe vergessen macht. Einschränkungen machen sich auch im Mitschnitt von Gaspare Spontinis „La Vestale“ (1954) bemerkbar, die aber doch viele große, berührende Momente wahrhaft klassischer Größe enthält, während die Aufnahme von Glucks „Ifigenia in Tauride“ (1957) insgesamt glücklos in jeder Beziehung ausfällt. Aus der Epoche des Verismo ist in der Edition zum ersten Umberto Giordanos „Andrea Chenier“ (1955) vertreten – eindeutig das Werk der titelgebenden Tenorpartie. Glücklicherweise ist der Chenier dieser Aufnahme, Mario del Monaco, in Topform. Und Maria Callas als Maddalena steuert Hörenswertes bei, nicht nur, aber vor allem in der großen Klage „La mamma morta“, deren dramatische Ausgestaltung durch Maria Callas bis heute ihresgleichen sucht. 1964 hatte die Sängerin in der Titelrolle von Giacomo Puccinis „Tosca“ zahlreiche Bühnenproduktionen sowie eine legendäre Studioeinspielung hinter sich. Der zweite Akte der Londoner Produktion von Regisseur und Bühnenbildner Franco Zeffirelli wurde vom Fernsehen ausgestrahlt und ist ebenso in dieser Edition auf DVD enthalten, der Gesamt-Livemitschnitt zeigt Maria Callas am Scheideweg: Auf der einen Seite hat die Stimme deutlich an Kraft und Umfang eingebüßt – andererseits ist die Interpretation auf den Punkt geschärft, jeder Effekt wird genau gesetzt, dies ist die definitive Interpretation einer Rolle, die die Sängerin vom vokalen Gesichtspunkt eigentlich nicht besonders schätzte und die trotzdem als eine ihrer wichtigsten Visitenkarten galt.
    • Aus dem verzierten Belcantofach, dass der jungen Wagner- und Verismointerpretin ihrer frühen Karrierejahre sicherlich kaum jemand zugetraut hätte, liegen in der Edition sechs Mitschnitte vor. Jeder klanglich besser als bisher je erhältlich, bei vielen ist der Genuss eher dadurch eingeschränkt, dass die Werke oft arg gekürzt aufgeführt wurden. Dass betrifft Bellinis „Poliuto“ (1959) und „Il Pirata“ (1960) gleichermaßen wie Donizettis „Anna Bolena“ (1957), bei der die Sängerin eine sie anstachelnde Giulietta Simionato als Rivalin zur Seite steht. Ins Vademecum jedes Callas-Fans gehören die Aufnahmen von Bellinis „La Sonnambula“ (1955, erneut unter der Leitung Leonard Bernsteins) und die berühmte Berliner „Lucia di Lammermoor“ (1955) unter Stabführung von Herbert von Karajan seit jeher – doch in der neuen Klangqualität mehr denn je. Sternstunden der Oper, wenn man bereit ist, für große Gefühle kleine Kompromisse einzugehen. Oder, wie es die Gruppe Opus 1984 auf den Punkt brachte: „Live is life“, mit der Steigerung, dass Maria Callas live immer noch eine Nummer „bigger than life“ war – überlebensgroß.⋌cla

    Maria Callas, Remastered Live Recordings 1949–1964, 42 CDs, drei Blu-Ray-DVDs, 216-seitiges Begleitbuch, Warner Classics

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