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Koblenz

Spannendes Format am Theater Koblenz: Tänzer verwirklichen sich durch Seitenwechsel

Andreas Pecht

Bei den meisten Ballettcompagnien in Deutschland sind sie längst Tradition: Abende, in denen sich Tänzer im Choreografenfach versuchen. Steffen Fuchs, Direktor der Tanzsparte am Koblenzer Theater, weist in seiner Moderation der jüngsten Ausgabe dieses hier „50°N7°O“ genannten Nachwuchsformats darauf hin: Viele der heute bedeutendsten Choreografen haben so erste Schritte vom Tänzer zum Tanzkreateur gewagt.

Mal innig, mal abstrakt, immer berührend: Tanzabend 50°N7°O in Koblenz wirft neues Licht auf Compagnie-Mitglieder.  Foto: Katharina Dielenhein
Mal innig, mal abstrakt, immer berührend: Tanzabend 50°N7°O in Koblenz wirft neues Licht auf Compagnie-Mitglieder.
Foto: Katharina Dielenhein

„Vielfalt“ heißt das weite Motto diesmal. Vier Compagnie-Mitglieder haben es für vier stilistisch verschiedene kurze Tanzstücke aufgegriffen. Den Anfang macht bei der 60-minütigen Vorstellung im intimen Spielraum „Hinter dem Eisernen“ Chiho Kawabatas „One of those, those of one“. Der Spiegelbildlichkeit des Titels entspricht die ertanzte Beziehung zwischen zwei Geschwistern. Sie und er stehen sich sehr nah. Ausgelassen teilen sie Freud, in gegenseitiger Fürsorge Leid. Und doch sind sie verschieden, erleben die Welt, sich selbst, einander unterschiedlich.

Da erwachsen aus schier maßloser Vertrautheit auch Befremden, Verletzung, Enttäuschung – bei ihm anders als bei ihr. Arkadiusz Glebocki kann die ihm eigene geschmeidige Ambivalenz aus Kraft und Zartheit schön entfalten. Léa Périchon lässt ein bemerkenswertes Gespür für situative Beseelung fast jeden Tanzausdrucks aufscheinen. Das zeigt sich auch im zweiten Duostück: „Vision oder Illusion“, choreografiert von Ivan Kozyuk. Da bildet sie mit Michael Waldrop ein Paar, das sich erneut erinnert, frühere Erlebnisse durchtanzt. Die Choreografie lässt Interpretationsraum, ist aber von einer strengen Figürlichkeit, die vor allem Wehmut über ein selten fröhlich gewesenes Leben atmet.

Die anderen Arbeiten sind eine Überraschung. Mit seiner Choreografie „No Longer Tomorrow“ – nicht seine erste – schickt Waldrop vier Frauen auf die leere, nur mit Licht gestaltete Tanzfläche. Dort wird Clara Jörgens, Chiho Kawabata, Kaho Kishinami und Ami Watanabe ein Furioso abverlangt: eine ungemein dichte, schnelle, dynamische, kraftvolle, abstrakt-geometrische Formation nach jener Manier, die sich im modernen Ballett jüngster Zeit jenseits der Neoklassik verbreitet hat. Die Reife von Waldrops Choreografie erstaunt. Obendrein ist es erfreulich, dass Tänzerinnen mit diesem nicht zuletzt Frauen Stärke und Selbstbewusstsein zusprechenden Gegenwartsstil derart famos zurechtkommen.

Ähnliches gilt für das Schlussquartett „I mean every word“ von Meea Laitinen, das in Richtung zeitgenössisches Tanztheater tendiert. Zwei Frauen (Jörgens, Watanabe) und zwei Männer (Glebocki, Matheus da Silva Sousa) stellen biografische Aspekte ihrer selbst jeweils solistisch vor. Diese fließen ein in gruppendynamische Prozesse aller möglichen Paarkonstellationen innerhalb des Quartetts. Zur lebendigen Szenenfolge werden sprachliche, musikalische, schauspielerische und tänzerische Komponenten verwoben. Wobei Atem und Sprechbeiträge vom norwegischen Landsmann Laitinens, dem Komponisten Tollef Volden Ormestoyl, zuvor aufgenommen und in eine Soundcollage eingearbeitet wurden.

Die tänzerisch vielleicht interessanteste Seite: Während Waldrop auf die Faszination der von einem uniformen Kollektiv in höchster Präzision geformten abstrakten Ästhetik baut, gibt Laitinen der unterschiedlichen tanzstilistischen Herkunft und individuellen Neigung ihrer Akteure Raum. Sie dürfen sich solistisch persönlich äußern, finden aber auch immer wieder zu Formationen zusammen – in denen sie ihre Eigenarten nie ganz aufgeben müssen. „Vielfalt“: spannend, beachtlich.

Von unserem Autor Andreas Pecht

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