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Pyeongchang/Seoul

Sind Südkoreaner die besseren Deutschen?

Sauberkeit, Pünktlichkeit, Fleiß, große Autofabriken, ein Leben in einer in zwei Teile getrennten Nation, riesige Waldflächen, die Liebe zu eingelegtem Kohl: Was sich liest wie eine erste Stichwortsammlung zu idealisierter deutscher Leitkultur, beschreibt auch das Leben von rund 50 Millionen Südkoreanern. Während der olympischen Winterspiele zeigt sich der wirtschaftlich erfolgreiche Staat der Weltgemeinschaft von seiner besten Seite und hofft auf weiteren Zulauf für den bereits boomenden Tourismus. Und für deutsche Besucher ist der Trip nach Südkorea tatsächlich in mancher Hinsicht eine Reise in die eigene Vergangenheit. Eine Spurensuche:

Foto: Claus Ambrosius

Vielleicht sind es vor allem deutsche Gäste, die für die angespannte Situation der beiden Koreas in Seoul, der Hauptstadt des Südens, besonders sensibel sind. Hier leben im erweiterten Stadtzentrum weit mehr als zehn Millionen Menschen, in der Großregion Seoul mehr als 25 Millionen – somit rund die Hälfte der Bevölkerung Südkoreas keine 50 Kilometer von der Grenze zu Nordkorea. Drohungen vom benachbarten Diktator, sein verbales Kräftemessen mit US-Präsident Trump: Das lässt die Seouler unbeeindruckt, sie haben gelernt, mit der latenten Bedrohung zu leben. Immerhin befinden sich beide Staaten nominell immer noch im Kriegszustand miteinander.

Der wird am ehesten spürbar auf dem Tagesausflug, der besonders für deutsche Besucher zum Standardprogramm gehört: der Abstecher zur DMZ, der demilitarisierten Zone. In ihr verläuft die Grenze, die mit beiderseits patrouillierenden Bewaffneten, verlassenen Geisterdörfern im Zonengebiet bis zu ständigen, mal vollzogenen und oft vereitelten Fluchtversuchen von Nord nach Süd frappierend an die Berliner Mauer und die Teilung Deutschlands erinnert.

An westlicher Kunst ausgerichtet

Ein angenehmeres Deutschland-Gefühl stellt sich eher für die zahlreichen westlichen Kulturtouristen in der Hauptstadt ein: Das auf westliche Traditionen geprägte Kulturangebot in grandiosen Konzerthäusern kann sich sehen lassen. Nicht umsonst stellen in Korea ausgebildete Orchestermusiker, aber auch und vor allem klassische Sänger auf internationalen Konzertpodien und Opernbühnen eine Großmacht dar. Und nicht nur für klassische Musik schwärmt Korea schon seit Langem: Der vielseitig agierende Lotte-Konzern, der die gleichnamigen Giga-Einkaufszentren betreibt, ist tatsächlich nach Goethes Lotte aus den „Leiden des jungen Werther“ benannt, für den der Konzerngründer schwärmte.

Immer wieder könnte man im Seouler Stadtbild anhand übergroß erblühender stereotyper Versatzstücke an ein Super-Deutschland denken, von banal bis fatal: Bei Rot über die Ampel zu gehen, ist dort mindestens so verschrien wir hierzulande. Überhaupt das Verhalten im öffentlichen Raum: Wenn sich ohne sichtbaren Grund Menschen über Minuten hinweg am Straßenrand unaufgeregt in Reihen gruppieren, kommt mit Sicherheit bald der Bus ums Eck, in den in Reih und Glied eingestiegen wird. Das gleiche gilt für die U-Bahn, die als ein vor Pünktlichkeit strotzendes Wunderreich des öffentlichen Transportes deutsche Bahnkunden in Weinkrämpfe treiben kann. Und nicht nur in diesen Verkehrsbeziehungen überholen die Menschen auf der koreanischen Halbinsel die Deutschen: Mit 1,25 Geburten pro Südkoreanerin steuert die Gesellschaft noch rasanter in eine massive Überalterung als die unsere.

Der wirtschaftliche Aufstieg, der auf Tugenden wie Disziplin, Fleiß – aber auch auf dem Verzicht auf Freizeit und Urlaub beruht, fußt zum großen Teil auf der hervorragende Bildung, die viele Südkoreaner ihren Kindern zukommen lassen. Hier schließlich schütteln auch deutsche Touristen ungläubig den Kopf, wenn von Bildungskarrieren berichtet wird, die schon im mehrsprachigen Kindergarten begonnen werden, um – oftmals befördert durch regelrechte Paukschulen in der knappen unterrichtsfreien Zeit – durch die begehrte Aufnahme an einer der besten Universitäten der Hauptstadt gekrönt zu werden.

Unfassbarer Leistungsdruck

Der „Lohn“ der Mühe neben dem zu erwartenden guten Job: eine wöchentliche Arbeitszeit von mehr als 60 Stunden. Eine weitere, bittere Kehrseite: Nirgends auf der Welt liegt die Suizidrate junger Menschen so hoch wie in Südkorea.

Der kulturbeflissene Tourist darf sich natürlich ohne jeden Leistungsdruck über die Allgegenwart künstlerischer Höchstleistungen freuen. Sei es die Städteplanung in der eigentlich architektonisch unauffälligen Hauptstadt Seoul, die immer neue Schneisen atemberaubender Neubauten, aber auch spektakuläre Naherholungsgürtel in die Stadt fräst. Eine permanente Transformation, nur realisierbar durch die weitestgehende Planungsfreiheit der öffentlichen Hand, die Hausbesitzer jederzeit zur Umsiedlung verpflichten kann. Beglückend wie überraschend ist auch die Anerkennung, die diese überaus technikaffine und bis in die ländlichsten Winkel mit Breitband-Internetzugängen versorgte Nation dem Lesen gegenüberbringt. So verstummt der Besucher etwa staunend vor dem Tempel der Bücher und Magazine, die die Shinsegae-Firmengruppe den Kunden des Coex-Großkaufhauses als kostenlose Leihbibliothek spendiert hat – eine wahre Kathedrale des Lesens.

Den deutschesten aller Orte allerdings findet man nicht in Seoul, sondern an der Südküste der Insel: Hier siedelten sich in den vergangenen Jahrzehnten Koreaner an, die seit den 60er-Jahren als Arbeitskräfte nach Deutschland ausgewandert waren, zumeist Krankenschwestern. Der zu neuem Reichtum erblühte Tigerstaat hat die Rückkehrer und ihre Familien bei der Ansiedlung tüchtig unterstützt – rund 70 Häuser in angeblich deutschem Stil, irgendwo zwischen Schwarzwald- und Alpentraditionen pendelnd, haben das „German Village“ zu einer echten Attraktion für südkoreanische Reisende gemacht. Und die in die Jahre gekommenen deutschen Ehemänner der Rückkehrerinnen zu unfreiwilligen Repräsentanten einer Kultur, die nicht nur in Südkorea vielfach als vorbildlich verehrt wird. Die zunehmende Reiselust der Koreaner – auch nach Deutschland – dürfte ihnen in dieser Hinsicht in nächster Zukunft so manchen Zahn ziehen.

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

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