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    Frankfurt

    Shakespeare trägt auch ohne plakativen Gegenwartsbezug

    Eine aufregende Bühnensituation mit nach vier Seiten offenem Arena-Spiel, ein enorm starkter Titelheld – so gelingt dem Regisseur Jan Bosse mit Shakespeares düsterem Drama "Richard III." der maßstäbliche Auftakt der Frankfurter Schauspielsaison, der auch den Beginn der Intendanz von Anselm Weber markiert.

    Das Publikum ist in der nach vier Seiten offenen Arenabühne als allwissende Öffentlichkeit eingespannt in JanBosses Inszenierung von „Richard III“ mit einem starken Wolfram Koch (rechts) in der Titelrolle. Foto:  Arno Declair
    Das Publikum ist in der nach vier Seiten offenen Arenabühne als allwissende Öffentlichkeit eingespannt in JanBosses Inszenierung von „Richard III“ mit einem starken Wolfram Koch (rechts) in der Titelrolle.
    Foto: Arno Declair

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    „Jetzt!“ – „Jetzt!“ – „Jetzt!“. So ruft es, ein Beginnen fordernd, aus den Rängen im Schauspiel Frankfurt. „Jetzt?“, fragt schüchtern ein buckliger Mann in schlecht sitzendem Anzug. Beklommen tastet er sich in die riesige Halle – wo ein gutes Tausend Menschen nun fast vier Stunden sein Morden und Meucheln, sein schließlich verdientes Untergehen beobachten. Gegeben wird zum Start der neuen Intendanz von Anselm Weber „Richard III.“, Shakespeares Großdrama über den bösesten Bösewicht der Theatergeschichte.

    Weber, in deutschsprachigen Theaterlanden auch angesehener Regisseur, leitete zuvor das Schauspielhaus Bochum. Er hat das Schauspiel Frankfurt jetzt vom sehr erfolgreichen Oliver Reese übernommen, der seinerseits Claus Peymann als Chef des Berliner Ensembles ablöst. Weber ist ein Frankfurt-Rückkehrer, war dort 2001 bis 2003 Oberspielleiter des Sprechtheaters, inszenierte seit 2010 zudem mehrfach nebenan in der Oper. Die Eröffnungsinszenierung hat er Jan Bosse anvertraut. Der Intendant selbst wird seinen Regieeinstand am eigenen neuen Haus Ende Oktober mit Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ geben.

    Ein Rückkehrer auch in der Titelrolle von „Richard III.“: Wolfram Koch, gemeinhin bekannt als „Tatort“-Kommissar Brix, reüssierte in den 1990ern auf der Frankfurter Bühne, spielt seither an allen bedeutenden Häusern. Wir haben in guter Erinnerung, wie er als Mittdreißiger manche Figur feinsinnig vielschichtig oder in schäumendem Furor zeichnete. So jetzt auch diesen seit Geburt verunstalteten Richard von Gloucester. Der steht in der Erbfolge für den Thron weit hinten, lässt aber Zug um Zug sämtliche hinderlichen Verwandten vor ihm um die Ecke bringen.

    Der mit allen Mitteln an die Macht drängende Typ ist ein Irrer. An die Macht gelangt, erweist er sich als völlig unfähig zur Staatspolitik. Es ist kein Zufall, dass dieses Shakespeare-Stück von 1592 über die Endphase der Rosenkriege derzeit viel gespielt wird: Bezüge zu manchem Politikgranden der Gegenwart liegen nahe. Zumal schon jener Richard die Klaviatur gewiefter Beeinflussung der Öffentlichkeit so trefflich zu bedienen wusste, dass die Engländer ihn anflehten, den Thron zu besteigen.

    Die Inszenierung verzichtet indes auf plakative Bezüge zur Gegenwart. Sie konzentriert sich auf die Entwicklung Richards vom schüchternen, hintangesetzten, verachteten Drittgeborenen zum Schlächter und Despoten. Bosse und sein Bühnenbildner Stéphane Laimé schufen dafür einen raffinierten Spielraum: Die Guckkastenbühne aufgehoben, an allen vier Hallenseiten ansteigende Zuschauerränge errichtet, entsteht eine gewaltige Arena. An deren tiefstem Punkt ist ein Häuflein Split aufgeworfen – eine Aschesinnbild in dem Richards Opfer und schlussendlich er selbst versinken.

    Gespielt wird drunten auf dem Split und über große Distanzen hinweg allseits droben zwischen dem Publikum – das so als mitwissende Öffentlichkeit eingespannt wird. Als Mitwisser, Dulder, Wegschauer, Mittäter gar Nutznießer von Richards Usurpation erweist sich auch fast das gesamte Stückpersonal. Denn Kochs Figur versteht sich darauf, den Mordtaten erst Zerknirschung, dann das in begeisterter Selbstüberzeugung vorgetragene Versprechen auf glorreiche Zukunft und Beteiligung der jeweils Hinterbliebenen daran folgen zu lassen.

    Tausendsassa in der Titelrolle

    Lady Anne (Katharina Bach) hat er zur Witwe gemacht – und kriegt sie dann doch in sein königliches Bett. Königin Elisabeth (Claude De Demo) hat er Gatten, Söhne und Thron genommen, schwatzt ihr dennoch die Zustimmung zur Ehe mit der verbliebenen Tochter ab. Kochs Richard ist ein Tausendsassa aus Wahnsinn, Tobsucht, Eiseskälte, zugleich Larmoyanz und Liebenswürdigkeit. Das nur zehnköpfige Ensemble ist ganz auf seine mitreißende Darstellungskraft ausgerichtet, zeigt gleichwohl reihum ebenfalls Vortreffliches. Darüber ist vernachlässigbar, dass der Abend auch einige Längen hat und Bosse mit Schlachtennebel, etwas Blutgeschmiere und Mummenschanz bisweilen die wohlfeile Effektmaschine bemüht. Es bleibt in summa ein großer Abend, mithin ein Beginnen nach Maß.

    Tickets und Termine unter www.schauspielfrankfurt.de

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