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    RommersdorfSchubert-Lieder mit Akkordeon? Auftakt bei Rhein-Vokal überrascht

    Das Programm ist altbekannt, die Besetzung hochkarätig, doch die Zusammenstellung eine wunderliche: Das Auftaktkonzert zum Sommerfestival RheinVokal bot am Wochenende in der Abtei Rommersdorf bei Neuwied Franz Schuberts berühmten Liederzyklus „Winterreise”.

     

    Tenor-Hochkaräter zum Auftakt: Christoph Prégardien sang bei RheinVokal.
    Tenor-Hochkaräter zum Auftakt: Christoph Prégardien sang bei RheinVokal.
    Foto: Rosa-Frank.com

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Die Sängerpartie ist dem Tenor Christoph Prégardien anvertraut, einem Meister seines Fachs, dem international große Wertschätzung entgegengebracht wird. Soweit, so vertraut. Befremdliches allerdings in der Instrumentalpartie: Das bei diesem Werk eigentlich obligate Klavier fehlt, stattdessen stehen dem Sänger ein sechsköpfiges Bläserensemble und eine Akkordeonspielerin zur Seite.

    Darf man die von Schubert in den 1820ern für Sologesang und Klavier komponierte Vertonung von 24 Gedichten Wilhelm Müllers auf ein ganz anderes Instrumentarium übertragen? Natürlich darf man – mögen auch Klassikpuristen die Stirn in Falten legen. Die Frage ist nur: Bringt es was? Was bleibt an Geist und Kunst Schuberts/Müllers im 2008 vom kanadischen Oboisten Normand Forget geschaffenen Neuarrangement für Bläser und Akkordeon? Und was gewinnt das Publikum?

    Hörbar zufriedenes Publikum

    Das Auditorium in der fast ausverkauften historischen Abteikirche folgt dem ungewöhnlichen Konzert jedenfalls in faszinierter Konzentration und dankt nach knapp 90 pausenlosen Minuten mit kräftigem Applaus. Ob die Zuhörer der Radio-Live-Übertragung von SWR2 ins eigene Land sowie nach Polen, Serbien und anderswohin das anfängliche „Mitmusizieren” einiger im Dachgebälk ansässigen Vöglein mitbekommen, wissen wir nicht. Am Ort selbst unterstreichen die reizenden, in der Abenddämmerung bald verstummenden Zwitscherstimmchen die Atmosphäre von Natürlichkeit, die dieses Konzert atmet.

    Da verbinden sich Flöte, Oboe, Horn, Fagott, Klarinette, Bassklarinette, Akkordeon und der unprätentiöse, klare, warme Gesang Prégardiens auf fabelhafte Weise mit der ganz besonderen Akustik dieses Konzertraums. Denn trotz enormer Höhe zeichnet sich die unverputzte Bruchsteinkirche mit ihrem innen offen liegenden hölzernen Spitzdach wie keine andere im weiten Umkreis durch einen „trockenen”, fast völlig nachhallfreien Naturklang aus.

    Und Natur ist auch ein Wesenszug der „Winterreise”. Seien es die Gefühle jenes jungen Mannes, der von seinem Liebchen getrennt wurde und nun Lied um Lied durch die verschneiten Lande wandert: mal in dramatischer Verzweiflung, mal in resignativer Todessehnsucht, mal in melancholischer Versunkenheit. Oder seien es Eindrücke und Begegnungen des barmenden Wanderers in der winterlichen Realwelt. Von all dem singt Prégardien in jener zurückgenommenen kunstvollen Schlichtheit, die dieser romantischen Innerlichkeitspoetik inmitten der Natur angemessen ist.

    Tonmalerische Finessen

    Eben dies charakterisiert auch das Musizieren des Ensembles, das im Kern aus dem mehrfach ausgezeichneten Ma'alot Quintett besteht. Manch ein Musikfreund entdeckt bei dieser Besetzung tonmalerische Raffinessen Schuberts, die ihm in der Klavierfassung entgangen sind: Sturmheulen und Wetterfahnengeflatter, Krähenkrächzen und in den Schnee getüpfelte Blätter, Posthornsignal, Hundekettenrasseln, Choralgesang einer Trauergemeinde, Leierkastenimitation. Noch eines bewirkt die Besetzung mit Bläsern und Akkordeon: Sie gibt der „Winterreise” unverkennbar eine volkstümlichere Färbung, als man es von Sologesang mit Klavier gewohnt ist. Ein ungewöhnlicher, aber spannender und genussreicher Einstieg in RheinVokal 2017.

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