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Vallendar

Sammeln, forschen, schreiben – ein Leben für Thonet

Wolfgang M. Schmitt

Zu Besuch bei einem Privatgelehrten: Wolfgang Thillmann empfängt im geschmackvollen Arbeitszimmer seines 1960er-Jahre-Bungalows in Vallendar. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, Bücherregale mit Kunstbänden verkleiden die Wände, es herrscht absolute Stille. Wer hier anstatt in einem Großraumbüro seiner Arbeit nachgehen kann, darf sich glücklich schätzen. Das tut Wolfgang Thillmann, er ist sich seiner komfortablen Lage bewusst. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit den Möbeln eines Unternehmers, dessen Erfolgsgeschichte knapp 30 Kilometer rheinaufwärts begann.

Wolfgang Thillmann in seinem Lager: 250-Thonet-Stühle hat er gesammelt, für ihn sind es in erster Linie Studienobjekte. Foto: Wolfgang Thillmann
Wolfgang Thillmann in seinem Lager: 250-Thonet-Stühle hat er gesammelt, für ihn sind es in erster Linie Studienobjekte.
Foto: Wolfgang Thillmann

1796 kommt in Boppard Michael Thonet zur Welt. Dort wird er seinen ersten Schichtholzstuhl kreieren, erfolglos ein Patent beantragen und schließlich nach Wien auswandern – angeblich, weil ihm Klemens Wenzel Lothar von Metternich gesagt haben soll: „In Boppard werden Sie immer ein armer Mann bleiben. Kommen Sie nach Wien.“

Der Vorteil des Privatgelehrten

In Wien baut Michael Thonet ein Weltunternehmen auf, seine Bugholzstühle werden für die Masse produziert, stehen bald in vielen Kaffeehäusern, allein vom Modell Nummer 14 sollen insgesamt 50 Millionen Stück verkauft worden sein. 2015 hat Thillmann dieser Designikone aus gebogenem Holz ein ganzes Buch gewidmet. Es ist das Ergebnis einer intensiven Forschung. Der pensionierte Lehrer für Deutsch und Philosophie hat alles, was ein Forscher braucht: Geduld, Zeit, Disziplin und gegenüber Wissenschaftlern an Universitäten einen entscheidenden Vorteil: Er besitzt nahezu alle wichtigen Thonet-Modelle. Dabei kam er eher zufällig zu seinem Forschungsgegenstand.

Anfang der 1990er-Jahre suchten er und seine Frau Christa Möbel für das gemeinsame Haus. Auf Flohmärkten kauften sie Bugholzstühle von Thonet, die zunächst nur als Gebrauchsmöbel gedacht waren, wenngleich, wie Thillmann gesteht, „man nicht besonders bequem darauf sitzt“. Thillmann begann damals auch, selbst zu restaurieren. „Irgendwann aber war dann die Wohnung voll, doch ich kaufte und restaurierte weiter. Das war der Beginn der Sammlung.“ Wenn man sich im Hause Thillmann umsieht, deutet allerdings bis auf ein paar ausgewählte Stücke wenig auf eine große Sammelleidenschaft hin, denn die meisten Objekte sind in einem Lager untergebracht.

Etwa 250 Thonet-Stühle stehen dort – jedoch weniger die Massenprodukte als vor allem die wertvollen frühen Modelle, an denen sich die Entwicklung der Bugholztechnik nachvollziehen lässt. Die technischen wie die ästhetischen Aspekte haben Thillmann früh interessiert, 1996 erhielt er eine erste Chance, seine gewonnenen Erkenntnisse mit der interessierten Öffentlichkeit zu teilen. Das Landesmuseum auf der Festung Ehrenbreitstein veranstaltete aus Anlass des 200. Geburtstages von Michael Thonet eine Ausstellung, Thillmann stellt Leihgaben zur Verfügung und verfasst einen Katalogbeitrag über Thonets Leimsiederei in der Bopparder Michelsmühle. Auf dem in Ehrenbreitstein ausgerichteten Kongress lernt Thillmann weitere Thonet-Experten aus Europa kennen, durch diese Kontakte erhält er Zugang zu wichtigen Archiven in Wien und in Tschechien.

Damals war er noch im Dienst, aber seine Ferien verbrachte er überwiegend in Archiven. „Wir waren eigentlich nie im Urlaub. Es waren immer Thonet-Urlaube – zum Kaufen von Möbeln oder zur Forschung in Archiven.“ Auch sonst widmet er jede freie Minute seiner Passion. „Dadurch, dass ich mir meine Zeit bis auf die Unterrichtsstunden frei einteilen konnte, ließ sich das sehr gut zusammenbringen.“ Und er hat stets die volle Unterstützung seiner Frau, die ihn immer bei seinen Reisen begleitet.

Seine Mühen zahlen sich aus, wenn auch nicht monetär, so doch, was Thillmann viel wichtiger ist, wissenschaftlich: Seit Jahren berät er bedeutende Museen wie das Grassimuseum in Leipzig und das Museum für angewandte Kunst in Wien, für das er demnächst eine Thonet-Ausstellung ko-kuratieren wird. Hinzu kommen viele wissenschaftliche Publikationen. Sein neues Buch ist gerade erschienen: In „Schichten: Möbeldesign vom Klassizismus bis zur Moderne“ geht es nicht nur um Thonet, sondern auch um das, was davor und danach geschah. Bereits der französische Kunstschreiner Jean-Joseph Chapuis (1765–1864) hat noch vor Thonet Schichtholzmöbel entworfen, und nachdem die Firma Thonet ihren kommerziellen Zenit überschritten hatte, wird ein Material neu entdeckt, das bereits 50 Jahre zuvor eingesetzt wurde: Sperrholz.

„Wenn man Sperrholz sagt, denken alle gleich an Ikea, an billige Möbel“, klagt Thillmann. Ein Irrtum. „Tatsächlich wurde zwischen 1870 bis 1920 Sperrholz nur als Ersatzmaterial für massives Holz oder Sitzgeflecht verwendet, weil man die eigentliche Qualität – die Leichtigkeit und Stabilität – einfach nicht erkannte.“ Erst berühmte Designer wie Marcel Breuer und Alvar Aalto werteten mit ihren Entwürfen das Material auf und führten es seiner wahren Bestimmung zu.

Spannende Materialgeschichte

Sie verstanden, dass das neue Wohnen auch neue Möbel braucht. „Es gab keine Möbel, die zu dieser Architektur gepasst hätten. Deshalb waren damals alle Architekten Möbeldesigner, alle Möbeldesigner Architekten“, erklärt Thillmann, der die 150-jährige Materialgeschichte ab dem 17. Juni auch in einer umfangreichen Ausstellung im Roentgen-Museum Neuwied präsentieren wird. Neben diversen Leihgaben sind es vor allem seine Möbel – nicht nur die von Thonet, denn inzwischen sammelt er auch Chapuis- und Sperrholzstühle –, die dort zu sehen sein werden. Als Kurator arbeitet Thillmann nicht zum ersten Mal mit Museumsdirektor Bernd Willscheid zusammen: 2011 stellten sie Roentgen- und Thonet-Möbel gegenüber. Wolfgang Thillmann hofft, dass erneut viele Besucher kommen: „Denn Sperrholz ist ein hochinteressantes Material, und die Möbel haben eine bis heute ungeheuer betörende Ästhetik.“

Wolfgang Thillmann: „Schichten: Möbeldesign vom Klassizismus bis zur Moderne“, Hirmer, 224 Seiten, 45 Euro.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt
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