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    RZ-Serie "vorZeiten": Auf Jagd in der Osteifel

    Im Lager herrscht Aufregung. Seit am Nachmittag unten in der Ebene eine Herde Wollnashörner entdeckt worden ist, wuseln Jung und Alt, Mann und Frau betriebsam umeinander. Es wird eine große Jagd geben, und – wenn alles gut geht – frisches Fleisch für die 18-köpfige Neandertaler-Gruppe. Von den geräucherten und getrockneten Vorräten vorheriger Jagdzüge haben alle die Nase voll. Und die paar Beeren, Samen, Wurzeln, die in der Umgebung zu finden sind, werden zwar gern gegessen, machen aber nicht satt. Fleisch ist nun mal das menschliche Grundnahrungsmittel der Steinzeit.

    Es ist kalt an diesem Jagdtag. Wie es fast immer kalt ist in jener Epoche vor etwa 170.000 bis 120.000 Jahren, während der Neandertaler immer wieder ihre Zelte in den Kratermulden erloschener Osteifelvulkane aufschlagen. Minus 1 Grad beträgt die Temperatur im Jahresschnitt. Würden die Lavasteine nicht ein bisschen Sonnenwärme speichern und die Kraterwälle des Vulkans Schweinskopf/Karmelenberg nicht die eisigen Winde vom Lager abhalten, kein Mensch könnte hier leben. Vier, fünf Zelte aus Häuten und Fellen sind aufgestellt – Unterkünfte für wenige Kinder, ein paar Senioren, ein halbes Dutzend kräftige Jäger und eine ähnliche Anzahl Frauen im gebärfähigen Alter.

    vorZeitenDie Archäologie öffnet Fenster auch zur jüngsten Vergangenheit. In einer Serie erzählen wir Geschichten zur Geschichte – heute über Zeugnisse römischer Grabkultur, wie man sie im Land noch nie gesehen hatte: zwei monumentale Grabpfeiler bei Duppach
    vorZeitenDie Archäologie öffnet Fenster auch zur jüngsten Vergangenheit. In einer Serie erzählen wir Geschichten zur Geschichte – heute über Zeugnisse römischer Grabkultur, wie man sie im Land noch nie gesehen hatte: zwei monumentale Grabpfeiler bei Duppach

    Ständig brennen, glimmen, qualmen Lagerfeuer. Meist auf kleiner Flamme, denn Holz ist rar: Es gibt in dieser vorletzten Kaltzeit an den Vulkanhängen der Vordereifel und in der über Permafrostböden sich bis zum Rhein erstreckenden Grassteppe nur wenige Bäume und einiges Buschwerk. Weshalb – nach Ausschaben des nahrhaften Marks – auch Tierknochen als Brennmaterial dienen; was die Feuer stinken lässt. Aber das kümmert im Moment niemanden: Alle sind im Jagdfieber.

    Die Jäger prüfen ihre Speere und Spieße mit den im Feuer gehärteten Holz- oder den scharfkantigen Steinspitzen. Anführen wird sie ein älterer, in vielen Jagdzügen erfahrener Mann. Er mahnt zu Geduld. Erst in der Dämmerung des nächsten Morgens soll man sich der Beute nähern. Dann nämlich sind die Nashörner träge und fast blind, die Neandertaler hingegen können ihr auch im Zwielicht hervorragendes Sehvermögen optimal nutzen.

    Gewaltige Kraftpakete

    Noch in der Nacht steigen sie vom Krater hinunter ins flache Land, wo die Nashörner weiden. Es gilt, ein junges oder krankes Tier auszumachen und vorsichtig abzusondern. Niemand würde sich mit der ganzen Herde, einem ausgewachsenen gesunden Muttertier oder gar einem Bullen anlegen. Denn diese Wollnashörner sind gewaltige Kraftpakete, ein gutes Drittel größer als ihre fast haarlosen Nachfahren in Afrika und Asien.

    Ein Tier ins Abseits gelockt, beginnt die Hatz. Es auf einen Streich zu erlegen, ist mit den hölzernen Jagdwaffen kaum möglich. Die Jäger fügen dem Beutetier nur zahlreiche Wunden zu, treiben und verfolgen es, bis das Nashorn entkräftet zusammenbricht. Jetzt erst erhält es den tödlichen Fangstoß. Damit ist der lebensgefährliche Teil der Jagd vorüber. Es ergeht an die in einiger Entfernung ausharrenden übrigen Gruppenmitglieder die Botschaft vom Jagderfolg. Nun eilen auch Frauen, Alte, Kinder herbei, um mit Steinwerkzeugen – spezialisierten Weiterentwicklungen des Faustkeils – den Kadaver zu zerlegen.

    Was immer an der Beute nutzbar ist, wird herausgeschnitten, -geschält, -geschabt und zu Bündeln gepackt, die man auf beschwerlichem Marsch hinauf ins Lager schafft. Gutes Fleisch, Knochen, Därme, Sehnen, Teile der Haut, alles wird verwertet, in den Folgetagen aufbereitet und haltbar gemacht. Doch zuerst steht nach Rückkunft im Lager Feiern und Schlemmen auf dem Plan. Die besten Nashornstücke werden zum sofortigen Verzehr über Feuern gegrillt und in Gargruben gekocht. Ob Neandertaler gesungen und getanzt haben, wissen wir nicht. Dass sie an diesem Abend aber satt und zufrieden unter ihre Felle kriechen, ist sicher.

    Funde verraten viel über Vorfahren

    Solche Geschichten über das Leben unserer frühen Verwandten vom Typus homo neanderthalensis lassen sich ableiten aus Funden der Landesarchäologie Rheinland-Pfalz/Koblenz in fünf Vulkankratern der Osteifel bei Bassenheim, Ochtendung, Plaidt und Kruft. Kleine Verfärbungen oder Verdichtungen in den freigelegten Sedimentschichten der Krater verraten den Archäologen: Hier waren Zeltstangen eingerammt, da hatten Feuer gebrannt und die Frühmenschen also wiederholt Jagdlager eingerichtet.

    Halden von abgeschälten Tierknochen – unter angewehten Lössschichten über Jahrzehntausende gut erhalten – erlauben Rückschlüsse auf Beuteschema und Ernährungsweise der eifelanischen Neandertaler: Nashorn ist am häufigsten vertreten, daneben Mammut, Pferd, Hirsch, Antilope, vereinzelt sogar Bär und Löwe. Steintrümmer erweisen sich bei kundiger Betrachtung als sorgsam ausgeführte „Abschläge“, als spezialisierte Steinwerkzeuge. Viele bestehen aus Feuerstein der Maas-Region – womit sich der Bewegungsraum der saisonal nomadisierenden Eifel-Neandertaler auf mindestens 100 Kilometer im Umkreis definieren lässt.

    Die ergiebigsten Fundstellen für die Neandertaler-Epoche sind die Vulkankrater bei Bassenheim und Ochtendung, erforscht bei Grabungskampagnen 1983 bis 1987 sowie 1998 bis 2005. Dort gelang dem rheinland-pfälzischen Chefarchäologen Axel von Berg auch ein Sensationsfund. Er entdeckte die ältesten Überreste eines hiesigen Frühmenschen: drei Schädelfragmente eines etwa 45-jährigen Mannes, der vor 170.000 Jahren am Mittelrhein gelebt hatte. Dieser Mann gilt bis dato als „der älteste Rheinland-Pfälzer“ – und es war ein Neandertaler.

    Von unserem Autor Andreas Pecht

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