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    RZ-Serie "vorZeiten": Überraschende Boden-Schätze

    Die Archäologie öffnet Fenster auch zur jüngsten Vergangenheit. In einer Serie erzählen wir Geschichten zur Geschichte. Heute: Warum der industrielle Abbau von Vulkangestein in der Vordereifel Fluch und Segen für Archäologen ist.

    Industrielle oder landswirtschaftliche Arbeit fördert archäologische Schätze zu Tage, aber zerstört sie auch – das Dilemma zeigt sich am Beispiel des Bronzehorts von Ochtendung, zu dem diese Bronzeäxte gehören. Foto: GDKE
    Industrielle oder landswirtschaftliche Arbeit fördert archäologische Schätze zu Tage, aber zerstört sie auch – das Dilemma zeigt sich am Beispiel des Bronzehorts von Ochtendung, zu dem diese Bronzeäxte gehören.
    Foto: GDKE

    Die Wege der Archäologen zu den Hinterlassenschaften der Vergangenheit sind oft verschlungen. Es ist ja nicht so, dass sie jeden Quadratmeter des Landes, Kontinents, Planeten auf gut Glück durchwühlen. Vielmehr sind sie angewiesen auf Indizien, Spuren, begründete Vermutungen, die sich aus früheren Forschungen, historischen Quellen oder Erkenntnissen anderer Fachgebiete ergeben. Oder sie folgen Hinweisen aus der heimischen Bevölkerung. Letzteres war der Fall bei zwei Funden der rheinland-pfälzischen Landesarchäologie aus der späten Bronzezeit – die einmal mehr belegten, dass Vordereifel und Maifeld bis hinunter zum Rhein ein seit Menschengedenken bedeutsamer Siedlungsraum waren.

    Von den eifelanischen Neandertalern vor mehr als 120 000 Jahren war in unserer „vorZeiten“-Serie schon die Rede. Ebenso von jungsteinzeitlichen Homo-sapiens-Gruppen im Neuwieder Becken um 13 500 v. Chr., von römischen Bergwerken um Mayen und imperialen Hafenanlagen in Andernach vor 2000 Jahren. Diesmal führen uns der „Bronzehort von Ochtendung“ und das „Fürstenschwert von Ochtendung“ zurück in eine Epoche zwischen dem Ende der Steinzeit und der Expansion des Imperium Romanum bis zum Rhein: in die turbulente Entwicklungsphase des letzten vorchristlichen Jahrtausends am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit.

    Erstaunlicher Zufallsfund

    Mitte der 1980er-Jahre klingelt bei den Archäologen in Koblenz das Telefon. Am anderen Ende knurrt ein Mann: „Wir haben da so ein komisches Ding in der Maschine hängen.“ Die Fachleute rücken aus; es geht in Richtung Ochtendung, zu einem der Abbauplätze für Lavagestein in der Vordereifel. Das „komische Ding“, das sich zwischen den stählernen Zähnen eines Bimsbrechers verfangen hat, erweist sich als Schwert aus Bronze. Schnell wird klar, das ist eine jener Statuswaffen, wie sie die frühen Kelten neben anderen Wertgegenständen ihren Fürsten mit ins Grab legten.

    Die Schwertspitze wurde wohl beim Baggern abgebrochen. Sie bleibt ebenso unauffindbar wie alle übrigen Utensilien des nun hier vermuteten Fürstengrabes. Die Landesarchäologen Dr. Dr. Axel von Berg und Michael Schwab gehen davon aus, dass die Abbaumaschinerie sie „gefressen“ hat.
    Archäologisch gesehen, ist es eine zwiespältige Sache mit dem industriellen Bims-, Tuff-, Basaltabbau in der Region seit dem späten 19. Jahrhundert: Einerseits hat er zahlreiche historische Artefakte erst zum Vorschein gebracht, andererseits aber unzählige zerstört. Das Fürstengrab jedenfalls, zu dem besagtes Schwert gehörte, dürfte längst fein zermahlen in Straßen oder Gebäuden auf Nimmerwiedersehen verbaut sein.

    Unweit der Schwertfundstelle stießen die Archäologen anno 2003 am Karmelenberg bei Ochtendung auf einen ganzen Hort bearbeiteten Metalls aus der späten Bronzezeit um 900 v. Chr. Der Hort besteht aus einem mit Ziselierungen geschmückten Bronzetopf, der gefüllt war mit noch nicht gebrauchten Bronzebeilen, zwei kleinen Ambossen, einem Schwertgriffrohling, einigen Bronzebarren und anderem. Da hatte, aus welchem Grund auch immer, ein Schmied Teile aus seiner Werkstatt zusammengepackt und am Dorfrand vergraben.

    Wie kamen die Forscher an diesen Fund? Das ist eine 40 Jahre überspannende Geschichte. Die beginnt 1963 mit einem Baggerfahrer, der eine vormalige Bimsgrube zur landwirtschaftlichen Nutzfläche rückverwandelt – und dabei eine bronzene Lanzenspitze entdeckt. Die landet erst als Spielzeug bei seinen Söhnen, nachher auf dem Hausmüll. Im Jahr darauf findet ein Bauer bei der Kartoffelernte ebendort ein bronzenes Tüllebeil. Doch Funde und Fundstelle geraten bald in Vergessenheit. Jahrzehnte später erinnern sich Einheimische dieser alten Geschichten: „Da war mal was.“ Ihre Hinweise setzen 2003 die Suchmethodik der Landesarchäologen in Gang, die über Scherbenfunde im Umfeld schließlich zur Lokalisierung des Hortes in nur 40 Zentimeter Bodentiefe führt.

    Aus der Heimat nach Europa

    Schwert und Hort verdichten ein umfassendes Mosaik aus zahlreichen anderen Funden. Zusammen mit Erkenntnissen der klimahistorischen Forschung erzählt dieses Mosaik nun von der Geschichte sowohl heimatlicher wie europäischer Zivilisationsentwicklungen im letzten vorchristlichen Jahrtausend.
    Hier nur grob skizziert, spricht es von bis nach Persien reichenden Handelsbeziehungen der nach ihrer Bestattungsart benannten Urnenfelderkultur in Eifel und Hunsrück.

    Es erhellt den ruppigen Kulturwandel, der im 10. sowie 9. Jahrhundert v. Chr. infolge einer Verschlechterung der klimatischen Bedingungen einsetzte: Dörfer wurden wehrhaft befestigt, für die Oberschicht entstanden burgähnliche Bauten. Denn die Klimaveränderung hatte allerhand Wanderbewegungen in Gang gesetzt. Fremde vom Norden wanderten durchs Land, zugleich machten sich auch viele Ortsansässige auf, zogen teils bis in die Türkei, um ein besseres Leben im wärmeren Süden zu suchen.

    Das archäologische Mosaik erhellt, dass das Gebiet im und ums Maifeld quasi eine spätbronzezeitliche Metropolregion war – mit dem Karmelenberg als Adelssitz und dem nahen Goloring als rituellem Zentrum. Belegt wird ferner, dass sich im letzten Viertel jenes Jahrtausends das Klima wieder besserte, woraufhin viele Nachkommen der Südauswanderer in die alte Heimat an Mosel und Rhein zurückkehrten. Sie brachten mannigfache Einflüsse etwa der etruskischen Mittelmeerkultur mit, die eingebaut wurden in die seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. sich allmählich europaweit ausbreitende keltische Eisenzeit. „Wir können hier“, sagt Landesarchäologe Dr. Dr. Axel von Berg, „auch im Kleinen damaliger örtlicher Entwicklungen erkennen, was wir heute in verschärfter Form in globalem Maßstab erleben: Veränderungen des Klimas sind eine zentrale Triebkraft der menschlichen Geschichte.“

    Von unserem Autor Andreas Pecht 

    Manchmal ist Nichtstun das Beste: Warum Archäologen vielversprechenden Indizien nicht immer nachgehen

    Es ist nur eine unscheinbare Bodenwelle in einem Acker irgendwo in der Vordereifel. Die rheinland-pfälzische Landesarchäologie hält den genauen Ort aus gutem Grund geheim: Denn eben dort befindet sich unter der landwirtschaftlich ganz normal genutzten Ackerkrume ein ungewöhnlich großes fürstliches Hügelgrab aus wahrscheinlich frühkeltischer Zeit.
    Nein, die Archäologen haben es nicht ausgegraben. Sie haben lediglich seine Lage in der Landschaft kartografiert, es mit einer Art Tiefenradar indirekt vermessen und auf diesem Weg ein paar wenige Einblicke in die Struktur der Grabstätte gewonnen.

    Für den Laien kaum sichtbar, erkennen die Fachleute auf den Messbildern die Umrisse der zentralen Grabkammer. Ein noch unberührtes Hügelgrab in der hier vorliegenden Größenordnung lässt sie darauf schließen, dass an dieser Stelle eine gesellschaftlich sehr hoch stehende Persönlichkeit bestattet ist. Weshalb auch davon ausgegangen werden kann, dass dem Verstorbenen dereinst eine Fülle wertvollster Beigaben mit ins Grab gelegt wurde. Eine solche Stätte würde heutige Raubgräber magisch anziehen – deshalb auch die Geheimniskrämerei um die genaue Lokalität.
    Warum aber haben sich die Archäologen entschlossen, in der Erde zu lassen, was mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Sensationsfund überregional Schlagzeilen machen würde? Weil das Bewahren historischen Erbes bei ihrer Arbeit oberste Priorität hat. Was in vielen Fällen eben auch heißen kann, die Artefakte dort zu lassen, wo sie am sichersten sind – nämlich in der Erde.

    Und da im Fall dieses Fürstengrabes keine potenzielle Gefährdung durch Planungen für Straßen oder städtebauliche Maßnahmen vorliegt, wird es unberührt der Erforschung durch spätere Generationen von Archäologen mit dann völlig anderen Möglichkeiten überantwortet. Hinzu kommt ein ganz praktischer Aspekt, der unter jeweils aktuellen Bedingungen jeweils neu zu erwägen ist: „Die Hebung eines solchen Schatzes, nachher seine Beforschung, Restaurierung und dauerhafte Erhaltspflege kosten richtig viel Geld“, gibt Archäologe Dr. Dr. Axel von Berg zu bedenken. ape

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