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    Richard Löwenherz: Ein idealer Ritter, eine Heldenfigur – bis heute

    Groß, blond, blauäugig, forsches Auftreten, bei jeder Schlacht in der ersten Reihe streitend, obendrein gebildet: So wird  Richard Löwenherz beschrieben. Dass der König und Ritter aber ein Mythos bleibt, zeigt jetzt das Historische Landesmuseum der Pfalz in Speyer.

    Das Historische Museum der Pfalz würdigt Richard Löwenherz mit einer beeindruckenden Schau, die wertvolle Exponate zeigt – darunter ein Abguss einer Grabfigur Richards I. Löwenherz aus der Abtei Fontevraud.
    Das Historische Museum der Pfalz würdigt Richard Löwenherz mit einer beeindruckenden Schau, die wertvolle Exponate zeigt – darunter ein Abguss einer Grabfigur Richards I. Löwenherz aus der Abtei Fontevraud.
    Foto: akg-images/Erich Lessing

    Wer eine historische Ausstellung besucht, will etwas erfahren über große Weltgeschicke und banale Alltäglichkeiten, die das Leben der Altvorderen einst prägten. Am liebsten wäre es jedem Besucher, die Schau ließe ihn mit allen Sinnen eintauchen ins Damals. Das ist für Macher geschichtlicher Präsentationen keine leichte Sache – wie jetzt bei der hochkarätigen Landesausstellung „Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer erkennbar. Videoanimationen und eine ausgezeichnete Audioführung helfen. Dennoch haben es die Historiker schwer, mit ihren gerade hinsichtlich des Mittelalters eher spärlich gesäten und für den Laien teils wenig spektakulären Artefakten gegen die packenden Fiktionen von Hollywood und Co. anzukommen.

    Die Filmgeschichte verzeichnet rund 50 Löwenherz-Darsteller. Dem echten Richard I. – 1189 bis zu seinem Tod 1199 König von England und Herrscher über große Teile Frankreichs – hätte wahrscheinlich gefallen, dass das Kino ihn zum überwiegenden Teil als bedeutenden Herrscher, begnadeten Schwertkämpfer, edlen und tapferen Ritter zeichnet. Das entspricht dem Nimbus, an dem er selbst stets eifrig gearbeitet hatte und der ihm schon zu Lebzeiten den Beinamen „Löwenherz“ einbrachte.

    Idealer Vertreter des Rittertums

    Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber häufig parteiischen Geschichtszeugnissen gab der Mann, so Mittelalterexperte Stefan Weinfurter in Speyer, wohl eine durchaus beeindruckende Figur ab: groß, blond, blauäugig, forsches Auftreten, bei jeder Schlacht in der ersten Reihe streitend, obendrein gebildet und kunstsinnig. Ein idealer Vertreter des ideellen Rittertums, eine Heldenfigur ihrer Zeit und bis heute. Dies verdeutlicht die Ausstellung mit ihrer Annäherung an Person und Mythos Löwenherz. Seine realen Gesichtszüge allerdings bleiben auch in Speyer ungewiss, trotz etlicher Darstellungen von Richard auf Pergament, Papier und Glas, in Stein gemeißelt oder aus Metall gegossen. Sie alle sind letztlich bloß Wunschbilder.

    Die Ausstellung ist bis zum 15. April im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen, weitere Informationen gibt es online unter www.loewenherz-ausstellung.de

    Die Präsentation startet mit einem nachgebildeten Panorama der Königsgalerie von York, das lebensgroß Richard zwischen Vorgängern und Nachfolgern zeigt. Dazu gesellen sich die 1912 angefertigten Gipsabdrücke seiner Grabplatte sowie der seiner Eltern, Eleonore von Aquitanien und ihrem zweiten Ehemann König Heinrich II. von England aus dem Hause Plantagenet. Zusammen mit je eigenen Kabinetten zu den Geschlechtern der Kapetinger, der Welfen und zum angevinischen Reich derer von Plantagenet erhellt Speyer die europäische Dimension von Löwenherz. Er war mit fast allen Dynastien des Kontinents verwandt und bestens vernetzt. Ein hochmittelalterlicher Europäer, freilich nicht ohne Schattenseiten. Von den zehn Jahren seines Königtums hielt er sich nur sechs Monate in England auf, möglicherweise sprach er gar kein Englisch. Beim dritten Kreuzzug war er teils ein Schlächter wie andere Kreuzfahrer auch. Richards Bündnis- und Kriegspolitik war stets brutal auf den eigenen Vorteil gerichtet – was ihm jenen Verdruss einbrachte, dem wir die jetzige Ausstellung schließlich verdanken.

    Denn was hat Löwenherz mit der Pfalz zu schaffen, dass man ihm dort erstmals seit der Salier-Schau vor 25 Jahren eine große Landesausstellung widmet? Zentraler Anknüpfungspunkt: Er war in diesem Landstrich der berühmteste Gefangene aller Zeiten.

    1192 nahe Wien festgenommen, hielt ihn Stauferkaiser Heinrich VI. 15 Monate abwechselnd in Speyer, Worms, Mainz und auf der pfälzischen Reichsburg Trifels unter Arrest. In Speyer machte man ihm 1193 eine Art politischen Schauprozess: unter anderem wegen Lehensuntreue, wegen Unterstützung der welfischen Fürstenverschwörung gegen den Kaiser, wegen Usurpation des Thrones von Zypern, wegen Beleidigung Leopolds von Österreich. In Mainz wurde er 1194 gegen Zahlung von 100 000 Mark auf freien Fuß gesetzt. Ein „Lösegeld“ in solcher Höhe hatte es noch nie gegeben. Die Summe entspricht 23 Tonnen Silber. Sie aufzubringen, trieb Richards Königreich fast in den Bankrott, während der Stauferkaiser mit dem Geld einen Feldzug zur Rückeroberung Siziliens finanzierte.

    Außerordentliche Exponate

    In Speyer sind 180 Exponate von teils enormer Bedeutung aus zahlreichen Museen Europas versammelt. Darunter eine frühe Ausgabe der von Richards Bruder Johann Ohneland erlassenen Magna Carta oder das güldene, mit Edelsteinen besetzte Kreuz des Welfenkönigs Heinrich der Löwe. Weil Krieg und Machtkämpfe zentrale Lebensinhalte Richards waren, gehören zeittypische Waffen und Wappnung ebenso zur Ausstellung wie die Originale von Staatsverträgen und Testamenten. Reich geschmückten Reliquienkästchen und Buchdokumenten sollte der Besucher mit geduldiger Neugierde nähertreten, denn meist kleinformatige, filigrane Illustrationen erzählen bildstark von wichtigen Ereignissen – etwa der Begegnung zwischen Löwenherz und Sultan Saladin. Oder sie beschreiben die Praxis idealtypischen Rittertums – als dessen Lichtgestalt in der Nachfolge von mythologischen Figuren wie König Artus und Lancelot sich Richard Löwenherz von bezahlten Troubadouren besingen ließ.⋌

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Richard Löwenherz, der Gefangene – Besuch der Reichsburg Trifels ist empfehlenswert

    Eine gute halbe Stunde Autofahrt von Speyer entfernt, thront im Pfälzerwald hoch über dem Städtchen Annweiler die letzte heute noch erhaltene Haftlokalität, in der Richard Löwenherz festgehalten wurde: die Reichsburg Trifels. Seinerzeit war der staufische Burgteil gerade zwei Jahre alt – also ein Neubau damals modernster Art. Obwohl als kaiserliches Bauwerk und sicherster Unterbringungsort für die Reichskleinodien errichtet, macht der Besuch dort heute nachvollziehbar: Im Mittelalter war alles enger, einfacher, robuster, als man sich gemeinhin vorstellt. Der prominente Gefangene war möglicherweise im Kaiserzimmer untergebracht, einem gleichwohl recht kleinen Raum aus rohem Buntsandsteingemäuer. Einen Kerker hatte die Burg nicht. Nachweislich sechs Wochen im März und April 1193 war Richard auf der Trifels inhaftiert; über einen längeren Zeitraum wird noch spekuliert. Parallel zur Ausstellung in Speyer thematisiert die rheinland-pfälzische Direktion Burgen, Schlösser, Altertümer mit einer eigenen Präsentation auf dem Trifels speziell Richards Haft und deren Bedingungen. ape

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