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Koblenz

Projekt Musikschule Koblenz unterrichtet in der JVA

Ein paar Griffe auf der Gitarre hat Christopher schon drauf. Sein Zellengenosse brachte sie ihm bei, als er vor einer Weile in Wittlich einsaß. Jetzt ist der schlaksige 26-Jährige wieder hinter Gittern. Dieses Mal in U-Haft in der JVA Koblenz. Dass er hier wieder eine Gitarre in den Händen halten darf, findet Christopher gut. Er klimpert gern vor sich hin, will mehr lernen. Jörg Gauchel hört so was gern.

Jörg Gauchel gibt Insassen der JVA Koblenz Gitarrenunterricht. Hauptberuflich unterrichtet er an der Musikschule Koblenz.
Jörg Gauchel gibt Insassen der JVA Koblenz Gitarrenunterricht. Hauptberuflich unterrichtet er an der Musikschule Koblenz.
Foto: Henry Tornow

Er ist Gitarrenlehrer, unterrichtet klassische Gitarre an der Musikschule der Stadt Koblenz – und hinter Gittern. Zwei Kurse für Häftlinge leitet Gauchel. Es ist ein Angebot für Insassen, das über den Verein für Gefangenenhilfe finanziert wird. Seit dem Frühling ist Gauchel samt seiner Gitarre wöchentlich in der JVA zu Gast und wird auch nach der Sommerpause wieder dort unterrichten.

Erste Stunde in der Gruppe

Als Neuzugang im Knast auf der Karthause hat Christopher heute seine erste Stunde. Neben ihm haben Klaus (54) und Henrikas (32) die Gitarren bereits im Anschlag. Die drei, die an dieser Stelle nur mit Vornamen genannt sein sollen, sitzen im Halbkreis vor Gauchel in einem Seminarraum, der, wären da nicht die Gitter vor den mit milchigem Plexiglas verblendeten Fenstern, in seiner ruhigen Verlassenheit an ein Klassenzimmer in den Sommerferien erinnert: Um die kleine Gruppe herum stehen auf braunen Holztischen umgedrehte Stühle, die Tafel an der Wand ist bis auf ein paar Kreideschlieren abgewischt, die Luft ist etwas abgestanden. Draußen auf dem Flur klirrt mal ein Schlüsselbund, öffnet sich eine Tür, fällt wieder ins Schloss. Ansonsten ist nichts zu hören, bis auf die Gitarren natürlich, genauer den Akkord e-Moll.

Lehrer Gauchel gibt ihn vor, lässt ihn seine Schüler viermal schlagen, dann der Wechsel zu E-Dur. Gauchel legt eine Melodie darüber, möchte, dass die drei im Rhythmus bleiben. Das klappt noch nicht, Christopher geht mit zu viel Tempo ans Werk. Gauchel bricht das Spiel lachend ab. „Halt, halt, hier müssen Sie stabil bleiben“, sagt er, schlägt noch einmal den Akkord.

Gauchel hat eine freundliche, geduldige Art und geht ebenso ernsthaft wie offensichtlich auch mit Spaß an die Aufgabe heran, den JVA-Insassen ein paar Griffe auf der Gitarre beizubringen. Weshalb sie hinter Gittern sitzen, weiß Gauchel nicht, es interessiert ihn auch nicht. Wichtig ist: Brenzlige Situationen hat es im Kurs noch nicht gegeben. Zum kleinen, an seinen Gürtel geschnallten Funkgerät, dem sogenannten Personennotsignal, hat der Gitarrist noch nie gegriffen. „Wir begegnen uns respektvoll, auch die Häftlinge untereinander“, wird er später sagen, wenn die Stunde vorüber ist.

Der gute Umgang miteinander liegt sicherlich auch daran, dass die Anstaltsleitung schon sehr genau darauf schaut, wen sie an den Gitarrenkursen teilnehmen lässt: Wer zum Beispiel aggressives Verhalten an den Tag legt oder wegen schwerer Gewaltdelikte in U-Haft sitzt, bleibt von vornherein draußen, fasst es Andrea Kästner, Leiterin der JVA, zusammen.

Mehrere Angebote für Insassen

Ihr ist es wichtig, in ihrer Einrichtung solche Freizeit- und Weiterbildungsangebote machen zu können, selbst wenn die Häftlinge, die allesamt in U-Haft auf der Karthause sitzen, nicht allzu lange bleiben. Neben dem Gitarrenunterricht gibt es beispielsweise ein Fitnesstraining oder Computerkurse. Das Geld dafür kommt über Sponsoren oder wird vom Verein für Gefangenenhilfe bereitgestellt, so auch für den Gitarrenunterricht. Der Verein erstattet in diesem und im nächsten Jahr die Personalkosten, damit Musikschullehrer Gauchel zweimal pro Woche in die JVA kommen kann. Die Idee dahinter: den Insassen über die Musik eine sinnvolle Ablenkung vom Knastalltag verschaffen. Jörg Gauchel hofft zudem darauf, seinen Schülern etwas vermitteln zu können, das sie auch dann noch weiterverfolgen, wenn sie wieder draußen sind. „Ich höre es jedenfalls häufig, dass viele mit dem Gitarrenspielen weitermachen möchten“, sagt er. Wenn er den Grundstein dafür legt – mehr als Basisarbeit ist im Kurs kaum möglich –, hat er als Musikpädagoge einiges erreicht.

Wie normaler Unterricht

Von all dem, vom respektvollen Umgang, dem Spaß an der Arbeit und dem Hoffen darauf, etwas Erbauendes über die Knastzeit hinaus mit auf den Weg zu geben, spricht Gauchel nicht in der Gegenwart der Insassen, sondern als die Gitarrenstunde vorüber ist und er die Treppe hinab in Richtung Ausgang nimmt. Türen öffnen sich und schließen sich hinter ihm. „Eigentlich“, sagt der Gitarrenlehrer, als wieder ein Schloss hinter ihm verriegelt wird, „ist der Unterricht hier inzwischen so normal für mich wie in der Musikschule – es gibt hier nur mehr Schlüssel und geschlossene Türen.“

Christopher, Henrikas und Klaus sitzen derweil wieder in ihren Zellen, die Gitarren – allesamt von der Gefangenenhilfe oder dem Förderverein der Musikschule Koblenz gespendet – dürfen sie mitnehmen. Die Saiten sind aus Nylon, nicht aus Stahl, stellen somit kein Sicherheitsrisiko dar. In ihren Hafträumen können die drei üben, bis Jörg Gauchel zum nächsten Gitarrenunterricht hinter Gittern vorbeikommt.

Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

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