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    Premiere in Koblenz: "Cinderella" wird zum Kriminal-Varieté

    Ballett nach Art der jetzigen „Cinderella”-Produktion am Theater Koblenz bekommt man nur noch selten zu sehen: Tanznummern in fast klassischem Stil, eingebettet in eine Handlung, die überwiegend mit Gesten und Gesichtsausdrücken, mit stummer Schauspielerei und szenischem Posing theatralisch erzählt wird.

    Cindy (Clara Jörgens) mit ihrer Stiefschwester (Ami Watanabe) in „Cinderella“ in Koblenz.
    Cindy (Clara Jörgens) mit ihrer Stiefschwester (Ami Watanabe) in „Cinderella“ in Koblenz.
    Foto: Matthias Baus

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    "Cinderella" wirkt wie aus der heutigen Tanzzeit gefallen – obwohl Ballettchef Steffen Fuchs den guten alten Aschenputtel-Stoff aus der Märchenwelt herausholt und inhaltlich wie im äußerlichen Erscheinungsbild ins 20. Jahrhundert versetzt.

    Um es gleich zu sagen: Das eigentlich Dramatische an diesem 90-minütigen Abend geschieht im Orchestergraben. Unter Leitung des Gastdirigenten Marijn Simons musiziert die Rheinische Philharmonie eine verknappte Fassung von Sergej Prokofjews berühmter Ballettmusik mit Feuer und mit dem Mut, sich entschlossen in barmenden Herzschmerz zu stürzen oder schrille Höhen eiskalter Herzlosigkeit zu erklimmen. Scharf akzentuiert die Rhythmen, bravourös die schnellen und teils extremen Stimmungsschwankungen; da fallen ein paar instrumentale Unpässlichkeiten kaum ins Gewicht.

    Bühnenbild soll an Kino erinnern

    Im Verhältnis dazu herrscht über dem Graben eher Bedächtigkeit. Die Kulisse von Lucia Becker soll an Kino denken lassen. Im Hintergrund ein fast bühnenbreiter Rahmen, darin mal das Abbild einer grauen amerikanischen Großstadt im Tagesdunst, mal die Glitzer-Skyline bei Nacht. Quasi als Hollywoodfilm spielen vor Ersterer die Szenen in Cinderellas Zuhause, vor Letzterem der Ball bei Hofe, der hier eine Party der Reichen und Schönen in den 1940-/50ern ist. Fuchs lässt das Stück also in der Entstehungszeit von Prokofjews Musik spielen – und verwandelt das Märchen in eine für jene Zeit typische Krimigeschichte im urbanen US-Milieu von Mafia und Schickeria. Sascha Thomsens Kostüme sind danach.

    Kann man machen, muss man aber nicht. Gleiches gilt für die Ersetzung von Cinderellas Stiefmutter durch einen Gangster als Vater (Ivan Kozyuk), die Streichung einer von Cinderellas zwei dumm-bösen Halbschwestern und die Verwandlung der verbleibenden in einen lasziven Vamp. Für die Ballettkunst selbst bringt das wenig, solange Spielweise und tänzerische Ausdrucksformen sich vom traditionellen Handlungs-/Märchenballett kaum unterscheiden.

    Abend mit Komik aufgepeppt

    Fuchs hat mit einem knuffigen Nummerngirl (Meea Laitinen) und einem durchgeknallten Inspektor (Michael Waldrop) zwei Narren ins Spiel eingebaut, die den Gefälligkeits- und Kurzweilwert des Abends mit Komik aufpeppen. Dennoch bleibt eine zentrale Schwäche dieser „Cinderella”: Der mehr inszenierte als choreografierte Abend stützt sich primär auf Schauspiel und Posing – wirklich getanzt wird viel zu wenig, und das obendrein auf einem auch für hiesige Verhältnisse doch zu niedrigen Anspruchsniveau. Verglichen mit Fuchs' vorheriger hochkarätiger Kammerproduktion „Bach-Ballett” fallen tänzerisches Figurenrepertoire, seine Schwierigkeitsgrade, Dichte und Ausdruckskraft bei „Cinderella” geradezu minimalistisch aus.

    Eine hübsch-humorige Frauenformation auf Spitze lässt zu Beginn kurz aufscheinen, was hier neoklassisch möglich wäre. Ein starker finaler Pas de Deux von Titelheldin Cindy mit dem Prinzen/Millionär (Arkadiusz Glebocki) lässt erahnen, was klassisch möglich gewesen wäre. Da gibt es Hinweise, dass in Clara Jörgens allerhand Talent steckt. Aber sicher kann man sich nicht sein, weil die junge Tänzerin einfach zu wenig zeigen darf; weil sie etwa damit beschäftigt ist, in güldener Abendrobe unschuldig umherzugehen und in anmutiger Schönheit dazustehen wie dereinst Filmstar Grace Kelly. Von Ami Watanabe wissen wir, was sie kann, und sehen also durch ihr halbtransparentes Glitzerkleid, dass ihr als Cindys Stiefschwester choreografisch nicht abgefordert wird, was sie an Laszivität zu formen in der Lage wäre.

    Gegen Ende gibt es noch eine nächtliche Verfolgungsjagd durch die Großstadt nebst Showdown mit Pistolengefuchtel und einem halben Dutzend Tänzer in Polizeiuniform. Da sind wir denn beim Slapstick im lustigen Kriminal-Varieté gelandet. Was man mögen kann oder auch nicht.

     

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