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Perspektiven auf Weiblichkeit: Die intellektuelle Frau

Wolfgang M. Schmitt

Die Geschichte der intellektuellen Frau ist in erster Linie eine über deren Abwesenheit. Jahrhundertelang spielten Frauen in der Welt des Geistes allenfalls eine marginale Rolle. Die Gründe dafür liegen selbstverständlich nicht im Wesen der Frau, sondern außerhalb: Es waren die Umstände, die Frauen ein intellektuelles Leben verunmöglichten. Was zum Beispiel wäre, wenn William Shakespeare eine ebenso talentierte Schwester gehabt hätte?

Die Frau von heuteIn einer fünfteiligen Serie beleuchtet unsere Kulturredaktion das Thema Frau und Weiblichkeit in der Gegenwart. Heute erscheint der letzte Teil: Teil 1: 	Die beherrschte Frau Teil 2: 	Die feministische FrauTeil 3: 	Die intellektuelle Frau Teil 4: 	Die modische FrauTeil 5: Die erfolgreiche Frau
Die Frau von heuteIn einer fünfteiligen Serie beleuchtet unsere Kulturredaktion das Thema Frau und Weiblichkeit in der Gegenwart. Heute erscheint der letzte Teil: Teil 1: Die beherrschte Frau Teil 2: Die feministische FrauTeil 3: Die intellektuelle Frau Teil 4: Die modische FrauTeil 5: Die erfolgreiche Frau

Dies fragt sich 1929 die feministische Autorin Virginia Woolf. Sie erfindet kurzerhand Judith Shakespeare und erzählt deren Lebensgeschichte, die so völlig anders als die ihres Bruders verläuft. Ihre Stücke will kein Theater spielen, sie wird verlacht, dann schwanger, schließlich nimmt sie sich aus Verzweiflung darüber, dass ihr literarisches Talent verkannt wird, das Leben. Dieser traurige, aber beispielhafte Lebenslauf bildet ein Kapitel in Woolfs Essay „Ein eigenes Zimmer“ (S. Fischer Verlag), in dem die Schriftstellerin der Frage nachgeht, warum es vor 1900 so wenig Literatur von Frauen gab. „Eine Frau muß Geld haben und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Fiction schreiben will“, schlussfolgert Woolf. Weil jedoch in der Vergangenheit der Frau ein Ort für ihre Kreativität versagt blieb, sie zwar Hüterin, aber nicht Herrin des Hauses war, konnten sich literarische oder andere geistige Talente kaum entfalten.

Diese missliche Lage änderte sich auch durch die Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wenig. Der von Kant beschriebene „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ blieb für Frauen verschlossen. Aufklärern wie Lessing und Schiller waren denkende Frauen suspekt. „Ein Frauenzimmer, das denkt, ist ebenso ekel als ein Mann, der sich schminket“, lässt Lessing die Gräfin Orsina in „Emilia Galotti“ sagen. Schiller verfasste sogar das niveaulose Spottgedicht „Die berühmte Frau“, das von einem Mann handelt, der unter seiner schreibenden Ehefrau leidet, die er sich mit „dem ganzen menschlichen Geschlechte“ teilen muss. Sie, heißt es, obwohl es eigentlich lediglich um ihr Buch geht, wird „in allen Buden feilgeboten“.

Vom Brief zum Roman

Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden von Schiller mit Prostituierten gleichgesetzt. Verwunderlich ist das nicht, schließlich war es Schiller, der in seiner berühmten „Glocke“ die berüchtigten Zeilen schrieb: „Und drinnen waltet/ Die züchtige Hausfrau, Die Mutter der Kinder“. Die berühmte Frau aber ist anders: Wird sie morgens wach, „ihr erster Blick fällt – auf Recensionen. Das schöne blaue Auge – mir/ Nicht einen Blick! – durchirrt ein elendes Papier“, jammert der Gatte. Von Vers zu Vers steigert sich der Hass auf die Intellektuelle, bis ihr vom Ehemann beziehungsweise von Schiller höchstpersönlich in der letzten Strophe das Frausein abgesprochen wird: „Was ist von diesem Engel mir geblieben? Ein starker Geist in einem zarten Leib, Ein Zwitter zwischen Mann und Weib, Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben; Ein Kind mit eines Riesen Waffen, Ein Mittelding von Weisen und von Affen!“

Doch trotz solcher frauenfeindlicher Pamphlete gab es sie, die schreibenden, denkenden, die intellektuellen Frauen – wie etwa Sophie von La Roche, die ab 1771 in Koblenz lebte und dort einen literarischen Salon betrieb. Ihr Buch „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ gehört heute zum Literaturkanon, doch es ist kein Zufall, dass es sich dabei um einen Briefroman handelt: Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen beschäftigt sich in ihrer 1979 erschienenen Studie „Die imaginierte Weiblichkeit“ (Suhrkamp Verlag) im Anschluss an Virginia Woolf mit der Frage, unter welchen Bedingungen Frauen überhaupt literarisch tätig sein konnten. Zwar war die Frau auf den Haushalt festgelegt, doch ermöglichte ihr das Schreiben von Briefen mehr als nur eine Abwechslung vom Alltag: Briefe boten Frauen Raum, ihre Innerlichkeit zu entdecken und zu beschreiben, auch in gesellschaftliche Debatten konnten sie sich einmischen oder am Schreibstil feilen. Dabei richteten sie sich nur an einen Adressaten – Schiller erhielt hinreißende Briefe von seiner Frau Charlotte –, blieben also privat. Doch der Schritt in die Öffentlichkeit war oft nicht mehr weit.

Während das Drama bis tief ins 20. Jahrhundert hinein eine Männerdomäne blieb – der öffentliche Ort Theater galt als verrucht und zu politisch für Frauen, wenn sie nicht gerade Schauspielerinnen waren –, konnten immer mehr Frauen in der Gattung des Romans brillieren. Wohl auch, so vermuten Literaturwissenschaftler, weil das Schreiben von Romanen einen durchaus langen Atem braucht, jedoch unterbrochen werden kann – um sich beispielsweise um die Kinder zu kümmern. Gewiss, von Gleichberechtigung in Kreativprozessen kann nicht die Rede sein – oft standen hinter berühmten Männern Frauen, die ihr Talent in den Dienst des Gatten stellen mussten. So verbot Gustav Mahler seiner Frau Alma das Komponieren.

Auch die Liste der Nobelpreisträger für Physik, Chemie, Medizin, Literatur, Frieden spricht Bände: Mehr als 800 Männer sind darauf verzeichnet, aber nicht einmal 50 Frauen. Marie Curie, die sowohl 1903 den Nobelpreis für Physik als auch 1911 den für Chemie gewann, ist solch eine Ausnahme. von der Regel. Mag der Nobelpreis auch nicht repräsentativ sein, denn in der akademischen Welt holen Frauen seit geraumer Zeit tüchtig auf, und gerade geisteswissenschaftliche Fächer sind schon lange keine Männerklubs mehr, tut sich die Gesellschaft mit der Anerkennung von weiblicher Intellektualität nach wie vor eher schwer.

Vor allem Antifeministen ziehen gegen intellektuelle Frauen mit unlauteren Mitteln zu Felde, wenn sie etwa deren Forschung – wie etwa die Gendertheorie – für schlichtweg unseriös erklären oder persönlich werden und als Ahnen Schillers weiblichen Intellektuellen vorwerfen, unattraktiv oder nicht feminin genug zu sein. „Frauenkunst: Je besser das Gedicht, desto schlechter das Gesicht“, kalauerte einst Karl Kraus, die Feministinnen der 1970er-Jahre wie etwa Alice Schwarzer bekamen ähnliche Sätze an den Kopf geworfen.

Die intellektuelle Ehe

Der Feminismus des 20. Jahrhunderts aber ist es, der Weiblichkeit und Intellekt zusammendachte – das meinte auch, andere Lebensweisen auszuprobieren, wie etwa Simone de Beauvoir es tat, die ihre Beziehung zu Jean-Paul Sartre für Dritte öffnete. Das konnte mitunter leidvoll sein, wie Hannelore Schlaffer in „Die intellektuelle Ehe“ (Hanser Verlag) zeigt. Beide aber respektierten sich als intellektuell gleichwertig. „Die Ehelichkeit des Verhältnisses bestand in der Negation der Ehe“, sagt Schlaffer. Sie heirateten nie und siezten sich stets.

Inwieweit ein intellektuelles Leben mit den Idealen der bürgerlichen Familie zu vereinen ist, wird die Zukunft weisen. Virginia Woolfs Forderung nach einem eigenen Zimmer aber gilt auch heute – im wortwörtlichen wie übertragenen Sinn. Denn nur dort, wo man von familiären, gesellschaftlichen oder materiellen Zwängen möglichst befreit ist, kann sich ein freier Geist entfalten. Würde Shakespeare heute leben, und hätte er eine Schwester, könnten beide den Literaturnobelpreis gewinnen, doch ob sie dabei auch noch Familienmenschen mit einer ausgewogenen Work-Life-Balance wären, ist eher fraglich. Ein intellektuelles Leben hat einen hohen Preis – unabhängig vom Geschlecht.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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