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Perspektiven auf Weiblichkeit: Die feministische Frau

Wolfgang M. Schmitt

Ein Rückblick am Weltfrauentag zeigt: Der Feminismus hat sich gewandelt: Entweder ist er derart intellektuell, dass er in der Gesellschaft kaum Widerhall findet, oder er verliert sich im Klein-Klein.

Wenn heute feierlich der Weltfrauentag begangen wird, sollte dessen Ursprung nicht vergessen werden: Es war Clara Zetkin, die 1910 einen internationalen Frauentag anregte. Der Vorschlag der deutschen Sozialistin wurde ein Jahr später in die Tat umgesetzt, als Vorbild diente der 1909 erstmals initiierte Frauentag in den USA, bei dem bürgerliche Frauenrechtlerinnen gemeinsam mit Sozialistinnen für das Frauenwahlrecht demonstrierten. Der Feminismus und die soziale Frage schienen in dieser Phase untrennbar miteinander verbunden. Das war und ist nicht immer so.

Dass sich überhaupt ein Weltfrauentag etablieren konnte, ist auf einen mehr als 100 Jahre währenden Kampf für die Rechte der Frau zurückzuführen. In ihrer „Geschichte der Frauenbewegung“ (Reclam-Verlag) schreibt Michaela Karl: „Die Geburtsstunde des organisierten Einsatzes für Frauenrechte schlug 1789 mit der Französischen Revolution, als Frauen ihre Rechte als konsequente Weiterentwicklung der Menschenrechte einforderten.“ Zunächst organisierten sich Frauen der Mittel- und Oberschicht, im 19. Jahrhundert schlossen sich in Amerika dann auch Frauenbewegungen mit Sklavenaufständen zusammen, verbündeten sich mit Arbeitern. Zuvörderst ging es um das Frauenwahlrecht.
Im Zuge der Industrialisierung sind immer wieder Trennungslinien zwischen armen und wohlhabenden Frauen auszumachen: Laut Michael Karl „hatte die industrielle Revolution gravierende Auswirkungen auf das Leben der Mittelklassefrauen. Sie konnten sich nun Dienstboten für die Hausarbeit leisten, ihre Mitarbeit im Haus beschränkte sich auf das Delegieren.“ Sie hatten nun Zeit, sich zu bilden und sich emanzipatorisch zu engagieren. Eine universelle weibliche Solidarität, wird Simone de Beauvoir später diagnostizieren, gab es allerdings nie – nicht nur weil reaktionäre Frauen ihren fortschrittlichen Schwestern in den Rücken fielen, auch waren die Gräben zwischen einzelnen Gruppierungen oft tief. Wenngleich es allen um die Befreiung von der männlichen Herrschaft ging, war – und ist – die Bewegung extrem heterogen. Diese fehlende Geschlossenheit ermöglicht zwar Vielfalt, ist aber auch eine Schwäche.

Frauenwahlrecht: Der Kampf endet nicht

Mit der Einführung des Frauenwahlrechts (in Deutschland 1919) endete der feministische Kampf nicht, sondern begann erst richtig. Frauen kämpften für das Recht auf Arbeit und gerechte Löhne, für eine Liberalisierung des Scheidungsrechts und die Entkriminalisierung von Abtreibungen. Nach 1945 waren es zum einen die Bürgerrechts- und Studentenbewegungen in den USA, die dem Feminismus neuen Aufwind gaben, zum anderen wurde in Frankreich an feministischen Theorien gearbeitet, um die männlich dominierte Geistessphäre zu erobern. Das wichtigste Werk, „Das andere Geschlecht“ (rororo-Verlag), erschien 1949. Mehr als 900 Seiten ist Simone de Beauvoirs Abhandlung über „Sitte und Sexus der Frau“ lang – schon dieser immense Umfang ist als Statement zu verstehen: Seht her, dies ist er, der erste umfassende Weltentwurf aus den Händen einer Frau. Die Philosophin erläutert die Rolle der Frau historisch, psychoanalytisch und biologisch; sie entlarvt Weiblichkeitsmythen, schreibt über Lesbierinnen, Prostituierte, Mütter und stützt sich dabei auf nahezu den gesamten abendländischen Bildungskanon. Mit dieser intellektuellen Großtat wird de Beauvoir zur Galionsfigur der Frauenbewegung, wenn auch in Deutschland erst mit 20 Jahren Verspätung. Alice Schwarzer, Gründerin der Zeitschrift „Emma“, wird de Beauvoir in Deutschland populär machen.

Vor allem die von de Beauvoir getroffene Unterscheidung zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht bildet die Grundlage des Feminismus der 70er-Jahre. Während die Biologie als gegeben angenommen wird, geht es darum, das soziale Geschlecht als etwas historisch Gewachsenes und damit Wandelbares zu begreifen: Wie Frauen zu leben, lieben, arbeiten, sich zu kleiden oder zu benehmen haben, lässt sich nicht biologistisch festzurren, es unterliegt gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen, also in erster Linie männlichen Machtgefügen, die es zu verändern gilt. In diesem Sinne ist de Beauvoirs berühmtester Satz zu verstehen: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Folglich machen sich im Zuge von 1968 Frauen für mehr Selbstbestimmung stark. Nicht nur ein Slogan wie „Mein Körper gehört mir“ ist Ausdruck dessen, auch befreit man sich von bürgerlichen Modediktaten, und die Kleinfamilie gilt nicht länger als das allein selig machende Modell.
Feministen protestieren gegen Bevormundungen durch Staat und Kirche, üben feministische Sprachkritik (wie Luise F. Pusch), plädieren wie Alice Schwarzer und Catharine MacKinnon für ein Pornografieverbot oder denken wie Donna Haraway im „Cyborg Manifest“ darüber nach, ob der technische Fortschritt die Frau aus dem Reproduktionszusammenhang erlösen könnte; diese These hat jüngst die Feministin Laurie Penny erneut propagiert. „Wir brauchen technische Alternativen zur Schwangerschaft. Warum sollten Babys nicht im Labor entstehen?“, fragte sie in der „Süddeutschen Zeitung“.

Einblick in die Gendertheorie

In den 1990er-Jahren erhält die Bewegung, die die Straße inzwischen verlassen und sich auf – vorwiegend universitären – Bürostühlen niedergelassen hatte, neuen theoretischen Auftrieb durch ein, ebenso wie „Das andere Geschlecht“, epochemachendes Buch: „Das Unbehagen der Geschlechter“ der amerikanischen Philosophin Judith Butler. Dieser Gründungstext der Gender-Theorie greift die These, wonach man nicht als Frau zur Welt kommt, auf und radikalisiert sie: Nicht nur das soziale, auch das biologische Geschlecht ist für Butler ein Effekt gesellschaftlicher Macht – laut Butler gibt es kein biologisch begründbares per se männliches oder weibliches Subjekt. Sie nimmt deshalb jene in den Forschungsfokus, die nicht die zweigeschlechtlich strukturierte Heterosexualität repräsentieren, also Homo- und Transsexuelle. Butler erhebt die Parodie und die Travestie von Geschlechternormen zum emanzipatorischen Programm, mit dem die männliche Matrix schrittweise aufgelöst werden soll.
„Das Unbehagen der Geschlechter“ (Suhrkamp-Verlag) ist ein hochintellektuelles Werk, das allerdings nicht leicht in Realpolitik zu überführen ist – das sogenannte Gender-Mainstreaming, bei dem es meist um beiden Geschlechtern gerecht werdende Sprache oder Unisextoiletten geht, wirkt da wie eine alberne Schwundstufe einer ernsthaften Theorie.

Darin aber liegt ein Hauptproblem des heutigen Feminismus: Entweder ist er derart intellektuell, dass er in der Gesellschaft kaum Widerhall findet, oder er verliert sich im Klein-Klein, gepaart mit dem Ruf nach einer Frauenquote, die alles richten soll. Der Weltfrauentag ist deshalb ein guter Anlass, sich an die Wurzeln des Feminismus zu erinnern. Michaela Karl schreibt, dass Clara Zetkin die Frauenfrage stets als Teil der Klassenfrage verstanden hat, nur ökonomische Gleichheit kann Geschlechtergleichheit schaffen: Die Gleichberechtigung „war für sie trotz ihrer unzweifelhaften Bedeutung ein Nebenwiderspruch der herrschenden sozialen und ökonomischen Bedingungen und blieb dem Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit untergeordnet“. Mit anderen Worten: Wer über den Feminismus reden will, darf von der sozialen Frage nicht schweigen.

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