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    FrankfurtPaul Austers Revolte gegen Trump

    So leise, wie der Mann mit dem grau melierten Haar über sein Land, die USA, spricht, klingt es fast harmlos. Das liegt aber eher daran, dass Paul Auster an diesem Abend in Frankfurt erkältet ist. „Ich verliere gerade meine Stimme“, sagt der Schriftsteller in seiner sonor-tiefen Tonlage. Auster wird seine Stimme in diesen zwei Stunden auf der Bühne des Frankfurter Schauspiels nicht verlieren. Im Gegenteil: Er erhebt sie gegen „D. T.“. Mehr als diese zwei Initiale hat er nicht übrig für den neuen US-Präsidenten Donald Trump.

    Foto: picture alliance

    Von unserem Redakteur Christian Kunst

    Ob da eine Revolution in den USA wie Ende der 60er-Jahre im Gange sei, will der Moderator, „Zeit“-Redakteur Daniel Haas, von Auster wissen. Da platzt es aus dem bislang ruhigen politischen Menschen Auster geradezu heraus. „Nein. Heute geht es darum, das Land davor zu schützen, zerstört zu werden.“ Diesen „D. T.“ nennt Paul Auster einen „schlechten Witz von Amerika“.

    2013, als Auster begann, an seinem neuen Roman „4 3 2 1“ zu arbeiten, da war noch Barack Obama US-Präsident. Da sei dieser „D. T.“ noch nicht einmal am Horizont erkennbar gewesen, erzählt der Autor. Vier Jahre später, als er sein Meisterwerk veröffentlicht, hat sich die Situation in seinem Heimatland fundamental geändert. Es erinnert ihn an die aufgewühlten Zeiten in den 60er-Jahren, in denen auch sein Romanheld Archie Ferguson an der Columbia University eine Minirevolution miterlebt. Auster sieht Parallelen zwischen damals und heute: „die Wut auf beiden Seiten, zwischen denen es keine Gemeinsamkeiten mehr gibt“. Dabei habe sich Amerika immer von seiner besten Seite gezeigt, wenn seine Bewohner eine Reihe gemeinsamer Überzeugungen geteilt hätten. „Deshalb ist dieser Moment so gefährlich für das Land.“

    Was tun? Eine Antwort findet sich in Austers Roman. Dort zitiert er den US-Dichter Kenneth Rexroth: „Gegen die Zerstörung der Welt gibt es nur eine Verteidigung: den kreativen Akt.“ Die Worte stehen auf einem Schild, das Fergusons geliebte Lehrerin über die Tafel gehängt hat. Was es bedeutet, der Zerstörung mit Kreativität zu begegnen, das erleben die Zuschauer an diesem Abend. Es gibt ihnen eine Ahnung, dass da noch ein anderes Amerika ist – eines, das nicht laut von sich tönt, sondern betören kann, mit feinem, hintergründigem Humor, mit Charme, Wortwitz, Hingebung und ungeschönter Ehrlichkeit.

    Auster gibt Kopf und Herz Nahrung, er zehrt nicht wie „D. T.“ von seinen Zuhörern, er sättigt sie. Mit der faszinierenden Entstehungsgeschichte seines aktuellen Mammutwerks. Die Idee, Fergusons Geschichte in vier parallelen Welten zu erzählen, sei ihm irgendwann am Esstisch seiner Brooklyner Wohnung eingefallen. Dann habe er noch ein paar Monate mit der Idee gespielt, gefiedelt, nennt er es. Anders als bei früheren Büchern, habe er mit dem Schreiben aber nicht kämpfen müssen. „Jedes Buch hat eine Melodie. Du kannst sie in deinem Körper fühlen. Und du spürst sie dann in deinen Worten und auch außerhalb davon. Die Geschichte ist bereits da. Du musst dich ihr nur öffnen.“ Und dann zitiert er seine Frau Siri Hustvedt, weniger bekannt, aber ebenfalls gefeierte Schriftstellerin. Sie hat einmal gesagt: „Schreiben ist wie ein Erinnern an Dinge, die nie stattgefunden haben.“

    Wenn Auster über sein neues Buch plaudert, dann berichtet er von seinen Figuren wie von nahen Verwandten, deren Geschichten er miterlebt hat. Aber natürlich erzählt sein Werk weit mehr. Es ist eine Ansammlung von Blaupausen über das menschliche Miteinander, über Freundschaft, Liebe oder die Beziehung zu Vater und Mutter. Über allem steht natürlich die elementare Bewegungskraft menschlichen Daseins, das Schicksal, Austers Musik des Zufalls. Sie führt Regie in Austers vier Erzählungen über das Leben des Archie Ferguson – der eine introvertiert, der zweite unabhängig, der dritte, dessen Vater stirbt, höchst selbstbewusst, der vierte, dessen Vater reich ist, revoltiert gegen ihn, er ist der wütende Junge. „Ich hatte nie ein Problem, sie voneinander zu unterscheiden“, sagt Auster und lässt das Publikum schmunzeln.

    Lachen, das weiß Auster, ist etwas sehr Heilsames in politisch schweren Zeiten. Also umgarnt er das Publikum sanft: „Es ist viel Sex in diesem Buch. Aber ich warne Sie: Das wird kein One-Night-Stand sein, auch keine Ehe. Das ist eine lange, lange Affäre.“ Eine Affäre zum Genießen. Weil Auster Sätze wie diesen über die Pubertät schreibt: „Wir sind dann Exilanten im eigenen Zuhause.“

    Wenn man aus diesem Abend eine Hoffnung für diese unsicheren Zeiten mitnehmen kann, dann vielleicht, dass Auster die Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Das gelingt ihm, indem er ihnen mit Worten nahelegt, dass sie nicht nur unterschiedlich, sondern in ihrer Einzigartigkeit eins sind. Als Archie Ferguson auf die Welt kommt, schreibt Paul Auster, da war er „für einige Sekunden der jüngste Mensch auf Erden“. Wie wir alle einmal. Was für ein süßer, zarter Moment der Menschlichkeit.

     
    • Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag hat der US-Schriftsteller Paul Auster sein Mammutwerk „4 3 2 1“ veröffentlicht. Das 1259 Seiten starke Buch erzählt vier unterschiedliche Geschichten des Jungen Archie Ferguson. Grundmotiv ist die Musik des Zufalls, die Archie und die anderen Figuren auf unterschiedliche Pfade führt. Paul Auster: „4 3 2 1“, Rowohlt Verlag, 1264 Seiten, 29,95 Euro

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