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Koblenz

Offenes Stück: Experimentelles am Theater Koblenz

Anke Mersmann

Stühle, Sessel, kreuz und quer über den Raum verteilt. Regale, Tisch – alles ist vollgestellt, viel Gerümpel, Geschirr, Krimskrams. Über all das hat sich die Zeit gelegt. Wer von diesem Sonntag an die Probebühne 2 im Theater Koblenz betritt, wähnt sich in einer vollgestellten, mit Erinnerungen und Kram überfrachteten Wohnung – und ist damit mittendrin im Geschehen, der Bühne für die neue Schauspielproduktion „Das 20. Jahrhundert in Kartons“.

Raphaela Crossey, Magdalena Pircher und Jona Mues spielen in dem Denkstück „Das 20. Jahrhundert in Kartons“. Foto: Dielenhein/Theater Koblenz
Raphaela Crossey, Magdalena Pircher und Jona Mues spielen in dem Denkstück „Das 20. Jahrhundert in Kartons“.
Foto: Dielenhein/Theater Koblenz

Das Stück stammt von der jungen Autorin Deborah Kötting, mit der das Theater Koblenz über die Kooperation mit dem Studiengang „Szenisches Schreiben“ an der Universität der Künste Berlin bereits zum dritten Mal zusammenarbeitet. Das Stück ist ein Auftragswerk, Intendant Markus Dietze hat bei Kötting um einen Text für ein zeitgenössisches Stück gebeten, wie er im Vorgespräch zur Uraufführung erzählt. Bekommen hat er einen auf der Grundidee beruhenden Text, dass eine vollgestellte Wohnung, all das Zeug, was im Laufe von Jahrzehnten angesammelt wird, vom Leben eines Menschen erzählt. Diese Ausgangslage lädt zu Gedankenspielen über den verschwundenen Menschen ein, über sein Leben, die zurückliegenden Jahrzehnte und leitet damit über in ein anderes Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert.

Der Text ist sozusagen ein Rohdiamant, er liefert Flächen, aber keine dramaturgische Vorlage im eigentlichen Sinne. Diese Flächen zu einem Schauspielstück zu formen, war die Aufgabe. Denn zur Anlage der Figuren, dazu, wie Szenen strukturiert werden, wann wer etwas sagt: All das hat die Autorin nicht definiert. Auf diese Weise war die Erarbeitung des Textes als Bühnenstück ein offener Prozess, erzählt Dietze. Er als Regisseur hat an der Einrichtung genauso gearbeitet wie Dramaturgin Natalie Thomann, die Schauspieler Raphaela Crossey, Magdalene Pircher, Jona Mues und Bühnenbildnerin Astrid Noventa, und das im engen Austausch mit Deborah Kötting.

So frei und experimentell zu wirken, so kreativ gemeinsam einen Text für die Bühne auszugestalten, empfinden sowohl Dietze als auch die Schauspieler als Wohltat. „Vielleicht umso mehr, weil wir alle gerade aus den anstrengenden Arbeiten für eine solch große Produktion wie ,Ghetto' kommen“, meint Dietze. „Ich finde es wichtig, dass wir uns neben diesen großen Stücken für das Große Haus auch die Zeit nehmen, etwas anderes in ganz anderen theatralischen Formen auszuprobieren – als geistiges Detox sozusagen“ Eben so wie bei den Arbeiten zu „Das 20. Jahrhundert in Kartons“.

Herausgekommen ist laut Dietze ein Denkstück, eine Sammlung von Szenen, in denen drei Figuren über das 20. Jahrhundert reflektieren – und das episodenhaft, wie Dramaturgin Thomann erklärt. „Es gibt keinen klaren Handlungsverlauf, aber viele Perspektivwechsel“, meint sie. Die Figuren kreisen um Themen wie etwa Fortschritt, Entwicklung und Erinnerungen. „Dinge werden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet – und irgendwann ist es auch das 20. Jahrhundert selbst, was da erzählt“, fasst sie zusammen.

Der Abend auf der Probebühne scheint also Raum voller Reflexionen zu werden – und voller Impulse, voller Denkanstöße für die Zuschauer. „Jeder Mensch tut gut daran, seine Vergangenheit ab und zu in den Blick zu nehmen und sich mit ihr zu beschäftigen. Es ist wichtig, ein Bewusstsein darüber zu entwickeln, was Geschichte ist – auch die eigene – und was Zeit ist, die vergeht“, sagt Dietze. Das Theater sei das ideale Medium, gerade dann, wenn der Zuschauer so unmittelbar in das Thema hineingezogen wird wie auf der Probebühne 2, wo das 20. Jahrhundert in Kartons wartet. Ach ja, und vielleicht, verrät der Intendant noch, auch noch etwas Eierlikör für alle. Auf einen experimentellen Abend!

Anke Mersmann

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