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Koblenz

Mit Musik die Grenzen der Welt überwinden : Vorschau auf das Horizonte-Festival in Koblenz

Claus Ambrosius

Der syrische Komponist und Musiker Bahur Ghazi tritt in zwei Wochen mit seiner Band Palmyra beim Horizonte-Festival in Koblenz auf. Ihr Auftritt kreist um ein Instrument, das die arabische Welt wie kein anderes verbindet: die Oud.

Wenn es in der arabischen Welt ein Instrument gibt, das über Grenzen hinweg kulturstiftend ist, dann ist es sicher die Oud. Jene oft mit aufwendiger Schnitzerei verzierte hölzerne Kurzhalslaute mit dem vielseitigen Klang bestimmt die Vorstellung der Welt, was arabische Volks- und Kunstmusik sein kann – und ein junger Meister der Oud eröffnet am Freitag in zwei Wochen am ersten Abend des dreitägigen Horizonte-Festivals den Konzertreigen auf der großen Sparkassenbühne auf der Festung Ehrenbreitstein.

Das Horizonte-Festvial

Bereits zum 16. Mal bildet das Gelände der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein den Rahmen des Weltmusikfestivals Horizonte. Vom 20. bis zum 22. Juli werden mehr als 30 Bands aus aller Welt auf fünf verschiedenen Bühnen traditionelle und zeitgenössische Weltmusik spielen. Das Festival bietet neben der Musik auch einen Hippie- und Streetfood-Markt. Das Festivalticket kostet für alle drei Tage 24 Euro zuzüglich VVK-Entgelte, weitere Informationen zu Tages- und Seilbahnkombitickets sowie 
Vorverkauf unter Telefon 0261/423 02 und unter www.horizonte-festival.de

Bahur Ghazi stammt aus Syrien, lebt im Schweizer Exil – und ist erfolgreich auf Tour mit seinem Bandprojekt Palmyra. Den Namen der antiken Oasenstadt, deren gut erhaltene Überreste während des syrischen Bürgerkriegs von der Terrormiliz Islamischer Staat mehrfach geplündert und teilweise zerstört wurden, trägt die Gruppe natürlich nicht zufällig: „Ich wollte damit an Zeiten erinnern, als Palmyra ein blühender Ort war. Vor Tausenden von Jahren erklang dort Musik, gab es Kulturaustausch, wurde das Wissen der ganzen Welt vermittelt. Doch seit 2011 kämpfen alle Menschen nur noch. Und das betrifft nicht nur New York, Paris oder Berlin, sondern auch Palmyra, wo wie in vielen Orten in Syrien nichts mehr ist, wie es vorher einmal war.“ Ihre Zuhörer zu erinnern an eine lange vergangene Zeit, ihre Gedanken für ein paar Stunden aus der Gegenwart mit auf eine inspirierende Gedankenreise zu nehmen: All das hat sich Bahur Ghazis Palmyra vorgenommen.

Oud-Spieler zu Hause in der Welt des Jazz

Die aktuelle CD gleichen Titels ist jüngst erschienen, und die ist tatsächlich eine ideale musikalische Reisebegleitung in die Geschichten und Bilder, die man mit den Titeln verbinden mag. Meditatives wie die Oud-Soli, aber auch erstaunlich mit der ungewohnten Instrumentenklangfarbe harmonierender Jazz der Kombination von Akkordeon, Kontrabass, Klavier, Schlagzeug und Oud entstehen in der Zusammenarbeit des 30-jährigen Syrers mit namhaften Schweizer Musikern. Und das legt die Frage nahe, wie ungewohnt denn der Einstieg in die Welt des Jazz für den Oud-Spieler gewesen sein mag.
Die Antwort führt erst einmal in den syrischen Alltag, in dem die Oud eine viel wichtigere Rolle spielt als jedwedes Instrument in unserer Gesellschaft: Kein Familientreffen, keine Hochzeit, kein gar nichts ohne die Klänge der Oud. „Jedes Haus hat eine“, erklärt Ghazi mit einem liebevollen Lächeln in der Stimme: „Vielleicht, weil die Oud sogar dann schön ist, wenn niemand darauf spielt.“ Meistens aber kann irgendjemand ein wenig darauf spielen: In seiner Kindheit erlebte er, wie einzelne Brüder kurz in Begeisterung für das schöne Instrument entflammten – um es rasch für Fußball oder ein anderes zu erprobendes Talent wieder links liegen zu lassen.

Für Ghazi aber wurde die Begegnung zum Schicksal: „Ich habe erkannt: Das ist die Oud, das ist für mich, das ist mein Leben.“ Und ohne eine einzige Stunde bei einem Oud-Lehrer merkte er nach einiger Zeit: „Oh! Ich kann ja spielen!“ Nicht wirklich toll, sagt er heute, aber: „Ich musste überhaupt nichts dafür tun und konnte mich in den Beziehungen von Ton und Rhythmus ganz frei bewegen.“ Dem so überreich begabten Jungen lief die Musik der irakischen Oud-Ikone Naseer Shamma über den Weg – und eröffnete ihm neue Wege: „Dieses Gefühl! So kann die Oud klingen, so wollte ich das auch.“ Nicht alle Versuche gelangen, manche Saiten rissen bei ungeduldigen Stimmmanövern – und doch kreuzten sich Jahre später die Wege des jungen Oud-Autodidakten und des weltweit gefragten Virtuosen. Ghazi spielte seinem Idol eins von dessen Stücken vor – und der bot ihm verblüfft sofort an, ihn zu unterrichten. Er verschaffte seinem Schüler ein Stipendium am Haus der arabischen Oud in Kairo, wo die große Tradition auf dem Lehrplan stand.

Musik sprengt Nationendenken und -grenzen

Auch dort fiel Ghazi mit einem unerwarteten Talent auf – und aus dem Rahmen, verfolgte ungewöhnliche Ideen. Eine davon findet sich im ersten Stück der Palmyra-CD wieder unter dem Titel „Bidaya“ – arabisch für Anfang. „Das war 2008 in Ägypten“, erinnert sich Ghazi. „Ich schrieb die Melodie nieder (er singt eine fröhliche, fanfaren- und sprunghafte Melodie) und mochte sie sehr gern.“ Die anderen Schüler und Lehrer aber waren skeptisch: Was sollte das denn sein? Das passte nicht zu arabischen Skalen, nicht zu den traditionellen Rhythmen: „Das ist ja wie im Jazz!“ Der allerdings war Neuland für den jungen Musiker, der sofort begann, allen Jazz zu hören, dessen er habhaft werden konnte – und feststellte: Das war es also, was er in sich hatte. Seine Abschlussprüfung spielte Ghazi auf drei verschiedenen Ouds und in vier traditionellen Länderstilen: „Ich fühlte mich für diese Stücke als Türke, dann als Syrer. Dann als Ägypter und schließlich als Iraker. Sie alle vereint die Musik – nur die Politik zerstört alles.“

Beim Horizonte-Festival freut er sich sehr darauf, sich von anderen Gruppen aus aller Welt inspirieren zu lassen. Vorher aber vor allem darauf, eine großartige Zeit auf der Bühne mit dem Publikum zu teilen: „Wir Musiker arbeiten endlos viele Jahre, bis wir auf die Bühne treten dürfen für eine kostbare Stunde.“ Die Horizonte-Besucher sind von Ghazi und Künstlern 32 weiterer Musikprojekte von überall her eingeladen, diese kostbaren Stunden mit ihnen und somit eben auch mit der ganzen Welt zu teilen.

Von unsererm Kulturchef Claus Ambrosius

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