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Wiesbaden

Mensch und Demokratie sind allzeit gefährdet: Premiere von "Römische Trilogie" in Wiesbaden

Andreas Pecht

„Wenn Demokratie sich nicht ständig verändert, verbessert und selbst korrigiert, wird sie irgendwann hinweggefegt. Laut Shakespeare.“ Dies sagt John von Düffel in einem Interview und unterstreicht damit den hochpolitischen Charakter seiner jüngsten Arbeit.

Mal schäumt sein Spiel wuchtig auf, mal zügelt er sich fast gewaltsam: Michael Birnbaum ist der Dreh- und Angelpunkt des Schauspiels „Römische Trilogie“ – einer sehr klugen Bühnenbearbeitung der Shakespeare Werke „Coriolan“, „Julius Cäsar“ sowie „Antonius und Cleopatra“ am Staatstheater Wiesbaden.
Mal schäumt sein Spiel wuchtig auf, mal zügelt er sich fast gewaltsam: Michael Birnbaum ist der Dreh- und Angelpunkt des Schauspiels „Römische Trilogie“ – einer sehr klugen Bühnenbearbeitung der Shakespeare Werke „Coriolan“, „Julius Cäsar“ sowie „Antonius und Cleopatra“ am Staatstheater Wiesbaden.
Foto: Karl und Monika Forster

Der einstige Bonner Dramaturg und renommierte Romancier ist derzeit in Deutschland einer der gefragtesten Bearbeiter von Theaterstücken. Unlängst hatte er fürs Theater Koblenz eine Neufassung von „King Lear“ geschrieben. Jetzt hat er dem Staatstheater Wiesbaden die drei Shakespeare-Werke „Coriolan“, „Julius Cäsar“ sowie „Antonius und Cleopatra“ für einen Abend unter dem Titel „Römische Trilogie“ zugeschnitten und gebündelt.

Trotz ihrer dreieinhalb Stunden wird einem die Produktion nie lang. Eindringlich bietet Shakespeare selbst fortwährend neue, das Nachdenken motivierende Bezugsmöglichkeiten zu gegenwärtigen Entwicklungen. Diese Wirkung wird durch Düffels Textbearbeitung und die Inszenierung von Beka Savic verstärkt. Die drei Stücke sind konsequent, schlüssig und sehr klug auf die jeweils zentralen Handlungsstränge reduziert.

Machtkämpfe in allen Facetten

Festgemacht an drei Geschichten aus der republikanischen Zeit des Imperium Romanum, geht es um Machtkämpfe innerhalb der Eliten. Verhandelt wird das Verhältnis zwischen Volk und Herrschaft, zwischen Arm und Reich, um Populismus, billige Wahlgeschenke und Manipulation der öffentlichen Meinung, um Demokratie versus Diktatur, um Krieg und Frieden – schließlich auch um die Alternative von Liebesglück ohne Macht oder Macht ohne Liebesglück.

Die Welt ist auf der Wiesbadener Bühne düster und desolat (Ausstattung: Susanne Füller/Matthias Schaller). Hier eine zerbrochene spätantike Pieta-Skulptur, da ein riesiges, ebenfalls angeknackstes barockes Kirchenfenster, dort steht eine Eisentreppe an schwarzer Gusseisensäule unter zersplittertem Milchglasdach fürs Industriezeitalter. Will sagen: Was der Abend in drei Teilen verhandelt – unter den Überschriften „Verachtung“, „Verschwörung“, „Verführung“ –, zieht sich durch alle Epochen. Weshalb auch die überwiegend schwarz-grauen Kostüme Versatzstücke vieler Zeitalter vereinen.

Weitere Informationen und Karten für „Römische Trilogie“ am Staatstheater Wiesbaden gibt es unter Telefon 0611/132.325 sowie im Internet unter www.staatstheater-wiesbaden.de

Ob Shakespeares Personal aus römischen Feldherren und Konsuln, Volkstribunen, Cäsarenmeuchlern, tragischer Agrippina oder schöner Cleopatra, ob angedeutete Übertragungen auf Christenritter und Taliban, Wehrmachtssoldat oder Bolschewik, Figuren aus schwarzem oder braunem Block: Sie tragen allesamt Militärstiefel. Nur einer bricht am Ende aus dem scheinbar ewigen Kreislauf der Machtkämpfe aus und geht barfuß: der reife Marc Anton, sich vom Dasein als römischer Heerführer und Staatslenker lossagend, einzig der Liebe zu Cleopatra hingebend. Bald aber muss er erkennen, dass Ägyptens Königin am Erhalt ihres Thrones doch mehr liegt als an zurückgezogenem Liebesglück mit ihm: So stürzt er sich denn ins eigene Schwert.

Verbindendes Element

Michael Birnbaums bald wuchtig aufschäumendes, bald fast gewaltsam gezügeltes Tragödenspiel ist der Angelpunkt aller drei Teile und der sie verbindende rote Faden. Am Ende in der Rolle des Marc Anton zwar zum Urkern des Menschlichen durchgedrungen, indes vom unerbittlichen Lauf der Machtpolitik niedergewalzt, eröffnet er den Abend als Coriolan. Da ist er Kriegsheld und Machtmensch mit schneidender Verachtung für das Volk, auf dessen Wohlwollen aber dennoch angewiesen. Wir sehen den Haudegen mit der Tyrannei liebäugeln und sich dann doch einlassen auf das auch von Vertretern des einfachen Volkes mit schmutzigen Tricks und erpicht auf Eigennutz geführte Politgeschäft.

Im Mittelteil gibt Birnbaum den jungen Marc Anton, den Freund Julius Cäsars, der dessen Mörder um Brutus und Cassius ans Messer liefert. Shakespeare behandelt hier die Frage nach der Legitimation des Tyrannenmordes, lässt Brutus diese gescheit und mit ehrlichem Engagement begründen – skizziert aber zugleich das Menetekel einer aus der Gewalttat erwachsenden neuen Tyrannis.

Wer sind die Guten, wer die Bösen? Darauf können und wollen schon die Originalstücke keine eindeutige Antwort geben. So halten es auch Düffels „Römische Trilogie“ und die Wiesbadener Inszenierung: Gefahren werden aufgezeigt, um Lösungen müssen wir uns selbst bemühen. Die Mitglieder des achtköpfigen Ensembles spielen reihum solide und engagiert jeweils mehrere, von Teil zu Teil schön aufeinander aufbauende Rollen. Mit in die Tiefe ihrer Figuren greifenden Interpretationen stechen Birnbaum und Kruna Savic (Virgilia, Orakel, Cleopatra) hervor. In Summe: Sehr viel Theater fürs Geld – das dem Zuseher reichlich Stoff zum Nachdenken auch und gerade über das Hier und Jetzt mitgibt.

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