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    Denver/KoblenzMeine Stimme ist mein Herz: Jazz-Diva Dianne Reeves gastiert in Koblenz

    Singend begrüßt sie ihr Publikum, begleitet ihre Zuhörer singend in die Pause und sie stellt – wie sollte es anders sein – auch singend ihre Band vor. Dianne Reeves ist eine echte Diva, gehört zu den besten zeitgenössischen Jazzsängerinnen und gilt als bescheiden, aber selbstbewusst. Am Dienstag gibt sie ein Konzert in Koblenz.

    Für ihre bemerkenswerte klangschöne und technisch virtuose Stimme hat Dianne Reeves (hier bei einem Konzert 2014) bereits fünfmal den Grammy, die höchste Auszeichnung der Musikbranche in den USA, erhalten – am Dienstag ist sie zu Gast beim Mittelrhein Musik Festival in Koblenz.
    Für ihre bemerkenswerte klangschöne und technisch virtuose Stimme hat Dianne Reeves (hier bei einem Konzert 2014) bereits fünfmal den Grammy, die höchste Auszeichnung der Musikbranche in den USA, erhalten – am Dienstag ist sie zu Gast beim Mittelrhein Musik Festival in Koblenz.
    Foto: dpa

    Im Interview mit unserer Zeitung erklärt die 60-jährige US-Amerikanerin ihrer Familie die Liebe, spricht über ihre musikalischen Vorbilder und die Politik des US-Präsidenten Trump.

     

    Sie sind fünffache Grammy-Preisträgerin, man könnte meinen, Sie hätten alles erreicht. Wie schaffen Sie es, immer wieder auf der Bühne alle Kräfte zu mobilisieren?

    Ich liebe einfach das, was ich auf der Bühne tue. Meine Stimme ist mein Herz, mein Geist. So erfährt das Publikum, was ich im Innersten fühle.

    Liegt Ihnen eine Ihrer Auszeichnungen besonders am Herzen?

    Der Grammy für „The Calling“, den Tribut an Sarah Vaughan, bedeutet mir sehr viel. Die anderen Grammys verlieren dadurch aber nichts an ihrer Bedeutung für mich.

    Warum haben Sie der großen Sarah Vaughan ein Album gewidmet?

    Mein Onkel Charles Burrell, der im Denver Symphonieorchester Bass spielte, brachte mir als Teenager Jazzplatten von Ella Fitzgerald bis Billie Holiday mit. Und von „Sarah Vaughan & Michel Legrand“ sowie „Sarah Vaughan & Clifford Brown“ war ich einfach nur hin und weg. Es war ein Erweckungserlebnis. Diese Platten habe ich immer und immer wieder gehört. Die Art von Vaughans betörendem und vollkommenem Gesang berührte mich von Anfang an sehr.

    Ihr Onkel wurde also zum musikalischen Impulsgeber, Ihr Cousin George Duke hat viele Ihrer Alben produziert. Wie sehr hat er Ihre Musik beeinflusst?

    George war ein großartiger wie großzügiger Musiker mit einer enormen Bandbreite von der Klassik über den Rock bis zum Jazz. Aufnahmen im Studio gestalteten sich mit ihm problemlos. Und er hatte ein großes Herz, war ein freudiger Geist und besaß die Gabe, Menschen zusammenzubringen und Künstlern zu vermitteln, was sie wirklich wollen, ohne sie zu bevormunden. Noch dazu verfügte er über eine wunderbare Stimme. Ohne ihn wäre ich nicht die Person, die ich heute bin.

    Was bedeutet Ihnen Familie generell? Welchen Anteil hat sie an Ihrer musikalischen Karriere?

    Familie bedeutet vor allem Liebe. In der Familie fühle ich mich am wohlsten. Meine Großmutter habe ich sehr geliebt, und meine leider schon verstorbene Mutter, die Trompete spielte, war meine Heldin, die mich als junge Musikerin sehr unterstützte. Sie war meine größte Meisterin. Generell bin ich in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Ich kam früh mit verschiedenen Stilen direkt in Berührung, vom Gospel, Blues, R 'n' B über Soul, Rock 'n' Roll, Folk und Rock bis zu Fusion und zum Jazz sowie zur Klassik. Musik ohne Grenzen, Künstler wie Miles Davis und Ravi Shankar in einem Konzert zu erleben, war damals normal. Das Miteinander und das Cross-over hat mich enorm inspiriert.

    Großartige Sängerinnen hat es von Anfang an gegeben, heute scheinen auch Instrumentalistinnen immer gefragter. Wie beurteilen Sie die aktuelle Rolle der Frau im Jazz?

    Das ist gut so. Die Frauen spielen heutzutage glänzend Saxofon, bedienen die Trommel mit Kraft und mit viel Gefühl oder sind einfach nur hervorragende Komponistinnen, Bandleaderinnen und Arrangeurinnen wie Maria Schneider. Sie machen ihr Ding exzellent und kompromisslos. Es ist alles möglich wie bei mir, nur, dass ich nicht weiß werden kann – und auch nicht möchte. Meine Mutter hat mir einmal erklärt: „Sei bereit, dann musst du dich nicht erst bereit machen.“

    Farbige hatten es ja bis weit in die 1960er-Jahre hinein besonders schwer im Musikgeschäft. Hat sich das Ihrem Eindruck nach inzwischen verändert?

    Die Probleme gibt es auch heute und weltweit. Wenn ich mit Menschen spreche, kann ich Vorurteile abbauen. Es fallen aber auch leider wieder viele auf die menschenverachtende Propaganda herein.

    Sie gelten als besonders optimistischer Mensch. Gilt das auch im Amerika mit einem Präsidenten Donald Trump?

    Jetzt gilt es doch gerade, dagegen zu halten und an die Chance des Wechsels zu glauben und dafür zu streiten.

    Dianne Reeves gastiert am Dienstag, 4. Juli, 20 Uhr, auf der Festung Ehrenbreitstein. Karten für ihr Freiluftkonzert „Beautiful Life“ gibt es online unter www.ticket-regional.de

    Hat die Musik angesichts des wachsenden Populismus' auch in Europa sowie von Krisen und Kriegen weltweit überhaupt noch die Chance, den Menschen Hoffnung zu schenken?

    Aber ja. Die Musik hat eine Sprache, und die ist universell. Musiker haben schon früh gezeigt, wie man über Grenzen von Herkunft, Hautfarbe, Religion bis persönlicher politischer Meinung hinaus, friedlich zusammenarbeiten und -leben kann. Musiker sind in der Regel tolerant, hören zu und profitieren von anderen Kulturen. Davon hätte die ganze Menschheit nur Vorteile.

    Sie unterrichten auch. Wie können Sie diese Weltanschauung jungen Talenten mit auf den Weg geben?

    Studenten berichte ich vom größten Wunder: Es gibt Milliarden von Menschen, und keiner ist wie der andere. Jeder ist einzigartig. Jeder kann sein Instrumentenspiel perfektionieren, aber seine Stimme ist der Charakter, Ausdruck seiner Ideen. Ein Instrument ist das Transportmittel der Stimme. Und so ist es sehr wichtig für die Lernenden, herauszufinden, was sie über das Medium Instrument sagen wollen. Sie sollen ihre Rolle in der Gemeinschaft mit Respekt und Verantwortung einnehmen. Und die jungen Leute müssen ihren eigenen Weg gehen, ihr Ding machen.

    Gibt es denn aktuelle Künstler, von denen Sie noch profitieren können?

    Dazu zählen die Bassistin und Sängerin Esperanza Spalding, die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington sowie die Sänger Lalah Hathaway und Gregory Porter.

    Und zum Schluss: Gibt es auch einen speziellen Komponisten, den Sie ganz besonders verehren?

    Oh ja, für mich ist Stevie Wonder ein perfekter Komponist, der auch wunderbare Lyrik verfasst hat.

    Das Gespräch führte Michael Schaust

    Eine Sängerin in der Traditionslinie der ganz großen Vorbilder

    Die fünffache Grammy-Gewinnerin, die von George Clooney für seinen Film „Good Night, and Good Luck“ (2005) als Titelsängerin engagiert wurde, besitzt eine ausdrucksstarke Altstimme, die Höhen und Tiefen locker meistert. Dissonantes wird nie aus ihrem Mund dringen. Ihr Organ bewältigt Oktavsprünge, als ob sie virtuos auf dem Seil tanzt.

    In ihrer Kehle setzt sich die Gesangstradition in einer Linie von Meisterinnen wie Billie Holiday, Dinah Washington, Sarah Vaughan oder auch Ella Fitzgerald nahtlos fort. Wie manche ihrer Vorbilder beherrscht sie den Scat-Gesang mit seinen virtuos aneinandergereihten Silbenfolgen, verfügt über einen schier endlosen Atem und ist Könnerin im nuancierten Phrasieren, gekrönt von lupenreiner Intonation und großem Improvisationsgeschick. Dazu ist ihr Timbre unverwechselbar, und trotz ihrer stets schönen Vokalpräsentation, dem italienischen Opernbelcanto nicht unähnlich, kann Dianne Reeves in die tiefsten Bluestiefen eintauchen oder die rasenden Bebop-Melodien ausschmücken. Michael Schaust 

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