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Frankfurt

Mauerspechte einer tragischen Liebe

Andreas Pecht

Ein Theaterfest: Die Neuproduktion von "Romeo und Julia" in Frankfurt ist eine szenisch ungewöhnlichsten und interessantesten Moderne-Einrichtungen des Shakespeare-Klassikers, die man in mehr als 30 Jahren in der Großregion von Köln bis Rhein-Main zu sehen bekam.

Im Bühnenbild von Stéphane Laimé ist am Schauspiel Frankfurt zwischen zwei Zuschauerräume eine bühnenbreit hermetisch geschlossene, übermannshohe Mauer gebaut. Das Bauwerk trennt Erbfeinde: Hüben spielen die Szenen der Capulets, drüben die der Montagues. Foto:  Thomas Aurin
Im Bühnenbild von Stéphane Laimé ist am Schauspiel Frankfurt zwischen zwei Zuschauerräume eine bühnenbreit hermetisch geschlossene, übermannshohe Mauer gebaut. Das Bauwerk trennt Erbfeinde: Hüben spielen die Szenen der Capulets, drüben die der Montagues.
Foto: Thomas Aurin

Von unserem Autor Andreas Pecht

Auch mit der größten und deswegen wohl bekanntesten Lovestory aller Zeiten kann man noch Überraschungen erleben: Im großen Schauspielhaus zu Frankfurt hatte jetzt „Romeo und Julia“ Premiere. Und um es gleich vorweg zu sagen: Textübertragung und Inszenierung durch Marius von Mayenburg ergeben eine der szenisch ungewöhnlichsten und interessantesten Moderne-Einrichtungen des Shakespeare-Klassikers der vergangenen drei Jahrzehnten in der Großregion von Köln bis Rhein-Main. Obendrein liefert das nur siebenköpfige Ensemble hinreißende Spielleistungen ab. Der knapp dreistündige Abend vergeht wie im Flug; er ist gleichermaßen durchsetzt von feinsinnigem bis saftigem Humor wie von tief berührendem Ernst.

Das Publikum ist im Durchschnitt mindestens zehn Jahre jünger als am Samstag zuvor bei der Premiere von Kafkas „Schloss“ am selben Ort. Die Geschichte um Romeo und Julia – deren Uraufführung um 1595/96 oft als historische Geburtsstunde der romantischen Liebe betrachtet wird – zieht nach schier einem halben Jahrtausend noch immer junge Menschen magisch an. Das Frankfurter Haus ist mehr als ausverkauft, denn auf der Hinterbühne sind Stuhlreihen für rund 20 Prozent Zusatzpublikum aufgestellt und besetzt. Die Raumordnung ist weniger der Kartennachfrage als der Inszenierung selbst geschuldet: Bühnenbildner Stéphane Laimé hat zwischen die beiden Zuschauerräume eine bühnenbreit hermetisch geschlossene, übermannshohe Mauer gebaut.

Das Bauwerk trennt Erbfeinde: Hüben spielen die Szenen der Capulets, drüben die der Montagues. Und wann immer die beiden sich liebenden Sprösslinge der verfeindeten Familien einander begegnen wollen, müssen sie die Mauer überwinden – oder auf deren Krone um stets gefährdete Balance ringen. Wer erwartet, das undurchsichtige Trennelement werde zwecks freier Sicht des beiderseitigen Publikums auf beide Spielräume alsbald eingerissen, geht fehl. Die Mauer bleibt über den bitteren Schluss hinaus stehen, bei dem Romeo und Julia obenauf ihr Leben aushauchen – als Opfer einer von dumpfen Vorurteilen und Konkurrenz gemästeten Gesellschaft des gegenseitigen Hasses und ewiger Feindseligkeit.

So sinnfällig und symbolträchtig weit über das Stück hinaus die Bühnenkonstruktion sein mag: Bedeutet sie für jeden Zuschauer etwa, dass er immer nur eine Hälfte des Geschehens sieht, während die andere Hörspiel bleibt? Mitnichten. Mayenburg nutzt auf raffinierte Weise modernste Kameratechnik, um auf der einen Seite gespielte Szenen live in fast dreidimensionaler Qualität auf die jeweils andere Mauerseite zu projizieren. Dass das in Frankfurt selbst einen Betrachter in den Bann zieht, der sonst der Vernetzung von realem Schauspiel mit Kino- und Cybertechnik sehr skeptisch gegenübersteht, ist vor allem der Darstellungskunst des kleinen Ensembles zu verdanken.

Nehmen wir die Julia dieser Inszenierung stellvertretend als Beispiel für alle sieben Mitspieler. Sarah Grunert legt in ihrer Figur Zug um Zug die ganze Palette jener Widersprüche frei, die schon Shakespeare dem 14-jährigen Mädchen zugeschrieben hatte: jungfräuliche Scheu vor dem Unbekannten von Ehe und Liebe; Gebundenheit an Normtugenden und traditionelle Gehorsamspflicht gegenüber den Eltern; zugleich aber auch eben erwachte Lust auf Lust und kompromisslose Jugendliebe bis hin zur Todessehnsucht im Falle ihres Scheiterns; schließlich die pubertären Wechselbäder aus explodierender Frauenrenitenz gegen alles Beengende sowie fast noch kindlicher Verletzlichkeit.

Text voll ruppiger Direktheit

Wie auch Torsten Flassig (Romeo), Jakob Benkhofer (Mercutio/Escalus), Nils Kreutinger (Amme/Benvolio), Matthias Redlhammer (Mutter Capulet), Fridolin Sandmeyer (Paris/Tybalt) und Michael Schütz (Montague/Lorenzo) nutzt Grunert als einzige Frau der Truppe die von Shakespeare angebotene Bandbreite von zartestem, ernstem Tragödenspiel über fleischeslüsternen Andeutungen bis hin zu görenhaft rabiaten Ausbrüchen. Auch Mayenburgs Textübertragung legt teils mit ruppiger Direktheit und bisweilen zu heute gebräuchlichen Worten abgewandelt, jene frivolen bis volkstümlich ordinären Ausdrücke und Mehrdeutigkeiten bei Shakespeare offen, die in der alten Schlegel-Übersetzung eingeebnet, verharmlost, überspielt worden sind. So findet sich denn in dieser fabelhaften modernen Inszenierung all das wieder, was dem Stück „Romeo und Julia“ vor seiner Zurichtung durch die Romantik eigen war: das Nebeneinander von hoher Tragik in Inhalt, Sprache, Ton, Spiel und der Komik menschlicher bis allzu menschlicher „Niedrigkeit“.

Termine und Tickets unter www.schauspielfrankfurt.de unter Tel. 069/212 494 94

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