40.000
Aus unserem Archiv

Marx-Serie: Jetzt wollen wir mal nicht ideologisch werden

Wolfgang M. Schmitt

Jeder, der sich ab und zu den Feierabend mit politischen Talkshows verdirbt, kennt die Szene. Ein Politiker unterbricht den anderen mit den Worten: „Jetzt werden Sie aber ideologisch.“ Oder mit einer Variation des Vorwurfs: „Das ist mir zu ideologisch gedacht.“ Und Julia Klöckner verspricht in einem Buchtitel „Ideen statt Ideologien“. Was aber soll Ideologie überhaupt sein? Das Marx-Jubiläum ist ein guter Anlass, um über den Begriff neu nachzudenken und Vorurteile zu entkräften, denn Karl Marx und Friedrich Engels prägten den Begriff maßgeblich.

Foto: Wikipedia

Fest steht, das Wort Ideologie ist ein polemischer Begriff, schon weil alle politischen Begriffe, wie der Staatsrechtler Carl Schmitt einmal klarstellte, polemisch sind. Politik bedeutet, Begriffe zu prägen und zu besetzen. Jede Zeit hat ihre politischen Hochwertwörter – heute lauten sie Demokratisierung, Transparenz oder Inklusion. Beliebig können sie mit Inhalten gefüllt werden: Offenheit kann auch meinen, dass Bürger von Staaten und Konzernen ausgespäht werden sollen, Inklusion kann auch auf die Abschaffung der klassischen Bildung hinauslaufen, und demokratisierend wirken soll Facebook ebenso wie die Börse, weil potenziell jeder mitmachen darf. Alles polemische Begriffe also, die ideologisch verwendet werden können, gerade weil sie so positiv klingen.

Das Schlagwort Ideologie hingegen ist negativ besetzt und will den politischen Gegner oder den Andersdenkenden als einseitig oder verbohrt disqualifizieren. Doch so einfach ist das nicht, das wusste bereits Karl Marx. Ursprünglich meinte Ideologie Ideenwissenschaft, 1796 tauchte die Wortneuschöpfung erstmals auf. Es war der Versuch, eine analytische Wissenschaft zu entwickeln, die den exakten Naturwissenschaften gleichkommt. Ideologie sollte etwas Objektives bezeichnen, erst mit Napoleon kam es zu dem Bedeutungswandel, der bis heute dominierend ist: Napoleon verstand unter Ideologie einen fanatischen Idealismus. Erst jedoch durch Marx und seine geistigen Erben wurde der Begriff populär. Der Sozialwissenschaftler Jan Rehmann schreibt in „Einführung in die Ideologietheorie“ allerdings: „Wer bei Marx und Engels einen expliziten und eindeutigen Ideologiebegriff sucht, wird enttäuscht. Sie entwickelten ihn nicht als systematisch ausgearbeiteten Grundbegriff, sondern gebrauchen ihn ad hoc und häufig im Handgemenge mit den Kontrahenten, mit denen sie polemisieren.“

Marx und Engels schrieben jedoch 1845, kaum dass sie sich kennengelernt hatten, gemeinsam ein Buch mit dem Titel „Die Deutsche Ideologie“, um mit der Bewusstseinsphilosophie der Junghegelianer aufzuräumen, die sich bloß mit dem beschäftigt, „was die Menschen sich einbilden“. „Ein wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen wären“, spotten Marx und Engels im Vorwort. Sie wollen stattdessen „vom wirklichen tätigen Menschen“ schreiben, denn schließlich bestimmt das (materielle) Sein das Bewusstsein, und dieses ist „von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt“. Mit anderen Worten: Marx und Engels betreiben Ideologiekritik in der Form, dass sie über die soziale Realität aufklären wollen, in der sich das Individuum bewegt und von der es geprägt wird.

Einige Jahre zuvor hatte Marx in seiner Religionskritik schon ähnlich ideologiekritisch argumentiert, als er die Religion als „Opium des Volks“ bezeichnete, mit dem der Mensch über das soziale Elend hinweggetäuscht wird. Ideologie meint hier „falsches Bewusstsein“, das entlarvt werden soll. Theodor W. Adorno, der wichtigste Vertreter der Frankfurter Schule, trat in Marx'sche Fußstapfen, als er die Bürger aus dem „Verblendungszusammenhang“ reißen wollte. Wie das funktioniert, veranschaulicht im übertragenen Sinne ein Science-Fiction-Film von John Carpenter von 1988: „They Live – Sie leben“ spielt in Los Angeles, die Stadt ist zugepflastert mit Werbung, die Bürger amüsieren sich zwar, aber das soziale Elend ist groß. Ein Arbeitsloser, John Nada, findet zufällig einen Karton mit Sonnenbrillen. Er setzt sich eine Brille auf, läuft durch die Stadt und erschrickt plötzlich. Mit der Brille kann er die wahren Botschaften hinter den Werbetafeln, Veranstaltungsplakaten und Klatschzeitschriften sehen – sie lauten: „Gehorche!“, „Konsumiere!“, „Nicht denken!“. Nada erkennt, dass der Amüsierbetrieb nur dazu da ist, ihn von der sozialen Realität abzulenken. Die Botschaft des Films ist keineswegs simpel, denn sie besagt, dass man die Wirklichkeit nur erkennen kann, wenn man sie durch eine bestimmte Brille sieht – gemeint ist selbstverständlich damit die Brille der Ideologiekritik.

Jetzt aber wird es kompliziert und führt zurück zu Marx: Um Ideologien erkennen und kritisieren zu können, muss man selbst von einer Position aus sprechen. Das heißt, man selbst muss in gewisser Weise Ideologe sein – denn völlige Neutralität oder Objektivität gibt es nicht. Auch die Sonnenbrille liefert einen bestimmten Rahmen. Der gern in Polittalks herbeigerufene „gesunde Menschenverstand“ ist alles andere als neutral, eben weil er ein Produkt der Gesellschaft ist. Slavoj Žižek, der derzeit berühmteste Philosoph, formuliert es so: „Die Wahrheit ist parteiisch und nur zugänglich, wenn man einen Standpunkt einnimmt.“

Ideologie meint Marx zufolge deshalb nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Der Begriff kann auch beschreibend verwendet werden – der eine hat jene, der andere diese Ideologie. Das zu erkennen, würde für politische Diskussionen bedeuten, dass jeder den Standpunkt transparent macht, von dem aus er spricht – dieser kann links, rechts, wertkonservativ, wirtschaftsliberal, antibürgerlich oder elitär sein. Wichtig ist zu erkennen, dass es kein natürliches Sehen gibt. Politiker, die behaupten, sie seien „unideologisch“, sind in Wahrheit die größten Ideologen, weil sie sich als neutrale Instanz inszenieren. Ideologiefreiheit ist eine Illusion – ja, sie ist selbst eine Ideologie.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!